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23 Dezember 2013, 22:58

Syriens Kurden kämpfen gegen „Halsabschneider“

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STIMME RUSSLANDS Die USA und Großbritannien haben angekündigt, ihre nicht-tödliche Unterstützung, sprich Waffenlieferungen, für die Aufständischen in Syrien einzustellen, nachdem das Hauptquartier der oppositionellen Freien Syrischen Armee von islamistischen Gruppen überrannt worden ist. Über deren Terror in den nicht mehr von der syrischen Regierungsarmee kontrollierten Gebieten des Landes ist kaum etwas bekannt. Doktor Nikolaus Brauns vom Kurdistan-Solidaritätskommittee in Berlin hat die kurdischen Gebiete mehrfach besucht, zuletzt war er Ende Oktober in Rojava im Norden Syriens, wie das Gebiet der Kurden genannt wird. Rüdiger Göbel sprach mit dem Experten.

Auch wenn er hier die Schlagzeilen nicht mehr dominiert, dauert der Krieg in Syrien  unvermindert an. In der vergangenen Woche sind an einem Tag 170 Kurden im Norden des Landes von islamistischen Kämpfern gekidnappt worden. Seit Anfang November insgesamt 300. Können Sie etwas zum Verbleib der Entführten sagen?

Nach unsere Informationen sind ungefähr 30 der Entführten zum Glück inzwischen wieder frei gekommen. Wie weit dabei Lösegelder gezahlt wurden, ist mir nicht bekannt. Die anderen sind in Dörfern gefangen, die vollständig unter der Kontrolle von Al-Qaida-nahen Gruppen stehen. Die Befreiten haben erzählt, dass diese Gefangenen dort auch Foltern ausgesetzt sind. Ich habe selber in Rojava mit einer ganzen Reihe von Leuten gesprochen, die eine Zeitlang Geiseln der Islamisten gewesen sind, die erzählten alle von Misshandlungen und davon, dass vor allem verschleppte Frauen dort zu einer Art religiös verbrämten Form der Vergewaltigung gezwungen werden. Sie werden dann von einem dschihadistischen Kämpfer zum nächsten weiter gereicht, für eine Nacht geheiratet und dann wieder verstoßen.

Welches Ziel verfolgen die Entführer?

Zum einen geht es tatsächlich, ich sage mal, um normale kriminelle Machenschaften. Sie wollen zu Geld kommen. Es läuft also ganz viel darüber, dass Geiseln genommen werden, um dann die Familien zu erpressen. Das passiert sehr oft auch bei christlichen Familien. Das andere ist, dass dort dann die kurdischen Familien, oder auch arabische Familien, es gibt ja auch viele arabische Geiseln, so unter Druck gesetzt werden sollen, dass sie eben nicht mit der kurdisch dominierten Volksrätebewegung und mit den vor allem kurdischen Selbstverteidigungseinheiten zusammenarbeiten. Ein drittes Ziel ist wohl inzwischen, dass sich die Islamisten auch absichern gegenüber den eher pro-westlichen Teilen der sogenannten syrischen Opposition, also der Freien Syrischen Armee, dass sie also von deren Seite jetzt keine Übergriffe zu befürchten haben.

Was ist über die Entführer bekannt, aus welchen Gruppen setzten sie sich zusammen?

Inzwischen ist es im wesentlichen die Gruppe ISIS, das steht für "Islamischer Staat im Irak und Großsyrien". Das ist eine Al-Qaida-Gruppe, es gibt da noch eine zweite Al-Qaida-Strömung, die Nusra-Front, die beiden verfolgen die selben Ziele, aber sind, was ihre Führer betrifft, untereinander zerstritten. Es gibt aber auch noch kleinere kurdische Gruppen, die dem Präsidenten der kurdischen Autonomieregion im Irak, Barzani, nahestehen oder auch kurdische Gruppen, die mit der Türkei zusammenarbeiten, die sich hier an diesen Übergriffen, auch an diesen Geiselnahmen immer wieder beteiligt haben. Das sind Gruppen, die auf diese Weise wettmachen wollen, dass sie selber in der Bevölkerung in Rojava eigentlich über gar keinen Einfluss verfügen.

Gibt es Informationen über die Stärke dieser islamistischen Verbände in den kurdischen Gebieten?

Ganz schwer zu sagen. Es sind Tausende, auf jeden Fall. Es wurde mehrfach beobachtet, wie manchmal mehrere tausend auf einmal über die türkische Grenze gekommen sind. Die sind dann oft nicht direkt in die kurdischen Gebiete rein, sondern man muss sich die kurdischen Gebiete ja so vorstellen: das sind drei voneinander getrennte Enklaven, und zwischen diesen mehrheitlich kurdisch besiedelten Enklaven sind eine ganze Reihe arabisch besiedelter Dörfer und Kleinstädte, und vor allem da haben sich die Islamisten jetzt erstmal festgesetzt. Sie hatten dort auch, oder haben zum Teil auch noch die Unterstützung einiger lokaler Stämme, die mit ihnen zusammenarbeiten. Wobei diese Unterstützung nach allem, was man hört, schwindet, sobald diese arabischen Bewohner ihre Erfahrungen machen mit dem Terrorregime, das die Islamisten dort errichten.

Aber wenn es so große Verbände sind, dann muss dahinter doch auch eine staatliche Struktur stehen, die sie fördert und finanziert?

Zum einen sind das natürlich Saudi-Arabien oder Katar, von dort werden sie unterstützt, von dort kommen Waffen, von dort kommt Geld. Das andere ist aber die Türkei. Die Türkei hat diese Gruppen in der Vergangenheit ganz erheblich gefördert, um auf diese Weise zu verhindern, dass die Kurden sich hier direkt in unmittelbarer Nähe der türkischen Grenze eine selbstverwaltete Region schaffen. Es gibt einen regelrechten Dschihad-Tourismus nach Syrien, und da laufen ganz viele Routen über die Türkei. Mit Wissen des Innenministeriums konnten diese Dschihadisten dann in die Lager, zum Teil auch in die sogenannten Flüchtlingslager in Grenznähe, gehen. Sie bekommen dort eine Ausbildung, sie wurden dort unterstützt mit Waffen, mit Munition, mit allem, was sie brauchten. Ich habe mit vielen Augenzeugen geredet, die wirklich mitbekommen haben, wie zum Beispiel in der Stadt Sirikani oder Ra´s al Ayn Dschihadisten mit Panzern ganz offiziell über die türkische Grenze gekommen sind. Sie haben ihre Verletzten in türkischen Krankenwagen dann wieder über die Grenze zurück in die Türkei gebracht. Diese Stadt ist inzwischen befreit worden, aber man sieht an den Wänden überall noch die Parolen der Dschihadisten, dort steht dann: Al-Qaida ist unsere Vertretung, Grüße an die Taliban, wir kommen, um zu schlachten, ähnliches zum Teil in Blut geschrieben. Und in den Häusern, die den Islamisten vorher als Zentrale dienten, findet man noch eine ganze Menge Lebensmittelkartons, alle aus der Türkei. Es sind also Lebensmittel, die in Syrien so nicht erhältlich sind oder sehr teuer wären, also auch da sieht man, wo die Unterstützung, wo die logistische Unterstützung bisher hergekommen ist. Es wurden jetzt auch in den letzten Wochen erstmals ein paar Waffenlieferungen an Islamisten in der Türkei gestoppt. Die türkische Presse bringt das gleich immer recht groß, dahinter steckt meiner Ansicht nach, dass inzwischen einige eigentlich Verbündete der Türkei, einige Nato-Verbündete und EU-Verbündete, Druck auf die Türkei ausüben, diese direkte Unterstützung von al-Qaida einzustellen. Denn in Ländern wie Deutschland herrscht die Sorge vor, dass Dschihadisten aus Europa dort zwar in den Krieg gehen, aber dann gut ausgebildet und hoch motiviert zurückkommen, um Anschläge auch auf westliche Ziele zu verüben, und deswegen gab es jetzt Kritik an der türkischen Regierung. Offenbar ist die Unterstützung momentan ein bisschen zurückgegangen. Das erklärt auch, warum sowohl die syrische Armee um Damaskus herum, wie auch die kurdischen Selbstverteidigungseinheiten in letzter Zeit einige Dörfer oder auch Kleinstädte zurückerobern konnten.

Sie haben bei Ihrem letzten Besuch in den kurdischen Gebieten auch mit gefangen genommenen islamistischen Kämpfern gesprochen. Was für einen Eindruck haben die Kämpfer auf Sie gemacht? Was hat die motiviert?

Ich muss korrigieren: Ich habe jetzt nicht selber mit den gefangen genommenen Kämpfern sprechen können, aber ich habe mit denen gesprochen, die sie gefangen genommen haben, und habe dann auch die Protokolle von Vernehmungen gesehen. Da war erstmal sehr interessant. Viele dieser Kämpfer waren ja keine Syrer, sondern es ist wirklich ein Dschihad-Tourismus aus aller Welt. Die werden dort über Söldner-Agenturen hingebracht. Uns wurde also auch von Opfern von Massakern, von Überlebenden berichtet, dass einige, die dort geschlachtet haben, blonde Deutsche gewesen sind. Oder uns wurde erzählt, dass in die Kämpfe auch Chinesen verwickelt waren, also ich vermute Angehörige der muslimisch-uigurischen Minderheit. Viele dieser Dschihadisten wussten offenbar gar nicht, wo sie dort genau kämpfen. Wir haben Erzählungen gehört, dass die Leute dann, wenn sie gefangen genommen wurden und in die Städte gebracht wurden, sehr erstaunt waren, als sie den Muezzinruf hörten. Ich meine, die Kurden sind mehrheitlich Muslime, und dann haben diese Dschihadisten gesagt, ja seid ihr denn keine Juden? Wieso habt ihr denn einen Muezzinruf? Man hat diesen Dschihadisten also vorher gesagt ihr kommt nach Scham. Scham heißt Großsyrien, das ist also die ganze Region von der irakischen Grenze bis Jordanien, einschließlich Israel und Palästina, und diese Dschihadisten dachten, dort kommt es jetzt zum Endkampf und ihre Gegner werden selbstverständlich Juden sein. Also es gab da eine ganze Reihe Islamisten die sich dann, als sie gemerkt haben, dass sie in Wirklichkeit gegen größtenteils auch gläubige Muslime gekämpft haben, sich losgesagt haben von diesen dschihadistischen Gruppen. Man hat diese Leute dann meistens auch frei gelassen, damit sie, gerade wenn es sich selber auch um Kurden oder Türken handelte, oder um Araber aus Syrien, wieder in ihre Heimatstädte gehen konnten.

Sie haben es angesprochen: in den kurdischen Dörfern und Städten wurden sogenannte Verteidigungskräfte, Verteidigungsmilizen gegründet, um den Vormarsch der Islamisten zu stoppen. Man möchte sich nicht auf Seiten der Oppositionskräfte positionieren, die da gebildet werden von der Freien Syrischen Armee. Möchte sich auch nicht auf der Seite der syrischen Regierungstruppen wiederfinden, deshalb diese eigenen Kräfte. Wie stark schätzen Sie diese ein?

Erstmal wollen wir dazu sagen: diese Kräfte wurden ja tatsächlich nicht nur gegen die Islamisten gegründet, sondern die Wurzeln dieser Selbstverteidigungskräfte liegen noch vor Beginn des syrischen Aufstandes, wenn man es so nennen will, als es in den kurdischen Gebieten immer wieder Auseinandersetzungen zwischen protestierenden Kurden und der Baath-Regierung gab, da wurden schon erste bewaffnete Gruppen aufgebaut. Damals noch zum Schutz der Bevölkerung vor der Baath-Regierung, aber man muss sagen, diese Gruppen haben im Grunde genommen später nie wirklich gegen die syrische Armee kämpfen müssen. Die syrische Armee hat sich aus diesen Gebieten größtenteils zurückgezogen, weil es dort eben nicht zu gewaltsamen Demonstrationen kam wie in den anderen Landesteilen, und stattdessen standen diese Gruppen dann tatsächlich vor allem den dschihadistischen Angreifern, aber auch Einheiten der Freien Syrischen Armee gegenüber. Inzwischen gehören wohl zu diesen Selbstverteidigungseinheiten, oder sie nennen sich Volksverteidigungseinheiten, YPG ist die kurdische Abkürzung, diesen Gruppen nach Aussagen ihres Sprechers 45.000 Männer und Frauen. an. Also ungefähr ein Drittel der KämpferInnen sind Frauen. Das ist sicher auch für den Nahen Osten, für Syrien eine ganz besondere Sache. Es ist auch gar nicht mehr richtig zu sagen, dass das kurdische Milizen sind, denn inzwischen gibt es innerhalb dieser Milizen Angehörige der verschiedenen christlichen Minderheiten, Syrer, Aramäer und andere. Es gibt eine ganze Reihe Araber, und vor allem in Regionen, in denen mehrheitlich arabische Dörfer sind, wurden inzwischen auch rein arabische Einheiten dieser YPG aufgestellt, weil auch die Kurden sagen, wir wollen auf gar keinen Fall, dass es so erscheint, als ob wir jetzt eine kurdische Herrschaft über andere Völker errichten. Die YPG bezeichnen sich selber inzwischen als multiethnische und multireligiöse Verteidigungseinheit aller Völker in Rojava. Und man muss auch noch hinzufügen: es heißt oft in der westlichen Presse, die YPG wäre eine Parteimiliz der in Rojava dominanten Partei der Demokratischen Union, der PYD. Die PYD war sicherlich die Partei, die am Anfang diese Gruppen gegründet hat, aber inzwischen findet man in diesen Milizen auch Mitglieder von sozialdemokratischen Parteien, von kommunistischen Parteien, findet inzwischen selbst Angehörige von Parteien, die eigentlich der PYD feindlich gegenüber stehen. Die sagen sich jetzt allerdings: diese Selbstverteidigungseinheiten sind unser einziger Schutz, um hier nicht alle von den Islamisten geköpft zu werden, und dafür sind wir also auch bereit, uns diesen Einheiten anzuschließen, auch wenn wir mit der PYD selber große Probleme haben.

Es gibt Berichte, dass sich Angehörige der Freien Syrischen Armee, die ursprünglich einmal aus den syrischen Regierungstruppen desertiert waren, mittlerweile der Freien Syrischen Armee den Rücken gekehrt haben und entweder die Waffen niedergelegt haben oder sogar wieder auf Seiten der Regierung, auf Seiten Assads, kämpfen, weil sie diesen Vormarsch der Islamisten eben beobachten und fürchten. Glauben Sie, die Kurden sind bereit, hier Seite an Seite gemeinsam gegen die islamistische Dominanz zu streiten?

Die Frage heißt, was bedeutet Seite an Seite? Es ist jetzt schon natürlich faktisch so: in einigen Landesteilen kämpft die syrische Armee gegen die Islamisten, in anderen Landesteilen kämpfen die mehrheitlich kurdischen Milizen dagegen, und in der Stadt Qamischli, als einziger Stadt in Rojava, sind auch noch Truppen der syrischen Armee stationiert, und ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie hier syrische Armeeeinheiten und YPG sich sozusagen auf den selben Plätzen bewegten. Man ignoriert sich, würde ich mal sagen. Man kämpft gegen dieselben Ziele, aber man ignoriert sich, und es gibt entgegen anders lautender Gerüchte kein Bündnis zwischen den kurdischen Einheiten und der Regierungsarmee. Aber es wird momentan auch eigentlich nicht gegeneinander gekämpft. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass es hier zu einer wirklichen gemeinsamen Kampffront kommen wird. Weil es da einfach zu viele schlechte Erfahrungen aus der Vergangenheit gibt, aber es ist faktisch momentan so, dass beide Seiten, die Kurden und die Regierungskräfte, erstmal eben nicht aufeinander losgehen, ihre Differenzen hinten anstellen und tatsächlich einen gemeinsamen Feind bekämpfen. Als ich in Qamischli gewesen bin, hörte man in einer Nacht plötzlich schwere Detonationen, und uns wurde erzählt, dass von der einzigen Kaserne, die es überhaupt noch in Rojava gibt, in der noch die syrische Armee ist, schwere Raketen abgeschossen wurden auf zwanzig Kilometer entfernte Stellungen von al-Qaida, und ich muss sagen, ich habe keinen Kurden getroffen, der darüber traurig war.

Im Syrienkonflikt hat mittlerweile Russland die Rolle des Vermittlers übernommen. Durch das Agieren der russischen Außenpolitik sind Friedensgespräche im Januar in Genf geplant. Haben die kurdischen Kräfte, die PYD, Kontakte nach Moskau? Gibt es da Gespräche?

Ja. Man muss sogar sagen: Russland war überhaupt eines der ersten Länder, dessen Regierung bereit war, mit der PYD, also mit der führenden kurdischen Partei, Gespräche aufzunehmen, während in anderen Ländern es immer noch hieß: naja, die sind ja halb terroristisch oder so, hat die russische Regierung gleich mal den PYD-Vorsitzenden Sali Muslim empfangen. Es gibt regelmäßig Gespräche, es gibt Signale aus Russland, dass Russland tatsächlich ein großes Interesse daran hat, dass die Kurden und nicht nur die Kurden, sondern überhaupt auch die syrische Inlandsopposition, das ist ein Bündnis, dem auch die PYD mit angehört, dass diese in Genf vertreten sein werden. Die Kontakte übrigens zwischen der PYD und Russland gehen durchaus weiter. Heute gab es gerade ein Treffen von Mitgliedern der PYD-Führung und der russisch-orthodoxen Kirche in Russland. Die orthodoxe Kirche zeigte sich offensichtlich auch besorgt über die Situation der orthodoxen Christen in Syrien, in Rojava. Und es ist ja die PYD und die ihnen nahestehenden Verteidigungseinheiten, die eben dort auch den Schutz christlicher Kirchen inzwischen übernommen haben. Ich habe selber Kirchen dort besichtigt, die befreit wurden von den kurdischen Milizen. An der Tür sah man noch Einschüsse und das Logo von al-Qaida, und die Priester haben uns dann gesagt: jetzt, unter dem Schutz der kurdischen Milizen, haben wir keine Angst mehr, wir können unseren Glauben jetzt hier frei ausüben. Aber ohne den Schutz der Kurden wären wir den Islamisten hilflos ausgeliefert.

Ähnliche Berichte gibt es ja auch aus den von den Regierungstruppen kontrollierten Gebieten, wo Christen die aus den Gebieten, die von der Freien Syrischen Armee oder den Islamisten kontrolliert werden, vertrieben wurden. Welche Hoffnung haben die Kurden mit Blick auf die Gespräche in Genf im Januar?

Eine Hoffnung ist erstmal, dass es in irgendeiner Form Frieden geben wird. Wenn man sich die kurdischen Gebiete anschaut; sie sind eigentlich einem Krieg hilflos ausgeliefert. Das sind eben drei voneinander getrennte Enklaven, von denen zwei außer nach Syrien nur noch Zugang zur Türkei haben, und die dritte Enklave, auch noch in den Irak, beziehungsweise die dortigen kurdischen Gebiete. Diese Region leidet unter einem Hungerembargo. Frieden ist einfach auch eine Notwendigkeit, um in diesen Gebieten die Selbstverwaltung weiter zu entwickeln, und es ist klar, wenn man einen Blick auf die Landkarte wirft, dass hier separatistische Projekte überhaupt niemanden in den Sinn kommen können, gerade weil es eben diese getrennten Enklaven sind. Im Gegenteil muss eine Lösung eigentlich eine syrische Lösung sein, und deswegen ist die Hoffnung der PYD, dass sie sagen: wir wollen dort als kurdische Delegation hingehen. Wir wollen im Rahmen des hohen kurdischen Rates hingehen, also eines Rates, in dem nicht nur die PYD vertreten ist, sondern auch andere zum Teil der PYD feindlich gegenüber stehende kurdische Parteien. Die Kurden wollen eins auf gar keinen Fall: sie sagen, wir wollen kein zweites Lausanne und nehmen damit Bezug auf die Lausanne-Friedenskonferenz 1923 mit der ja der Erste Weltkrieg auch im Osten beendet wurde. Damals saß die siegreiche kemalistische Türkei, also die im Befreiungskrieg siegreiche kemalistische Türkei, den Alliierten gegenüber. Alle redeten über die Kurden, alle redeten im Namen der Kurden, Kurden waren aber nicht vertreten. Die kurdischen Siedlungsgebiete wurden damals viergeteilt, auf Iran, Irak, Syrien und die Türkei, und seitdem haben die Kurden eben in diesen Ländern überall keinen echten Status mehr. Darum heißt es jetzt, wir werden nicht mehr zulassen, dass es ein zweites Lausanne gibt, dass hier andere über uns reden, wir wollen, dass die Rechte der Kurden anerkannt werden, das ist das eine. Das andere ist aber, dass die PYD auch sagt, wir wollen auf dieser Konferenz auch zeigen, dass das, was wir in Rojava aufbauen, eine demokratische Selbstverwaltung, die alle religiösen Gruppen, alle ethnischen Minderheiten miteinbezieht, dass das auch ein Modell sein kann für ein zukünftiges demokratisches Syrien. Wir wollen unser Modell auch anbieten als eine Lösung für die anderen Landesteile. Aber die große Hoffnung ist eben, dass es in Genf erstmal zu einer Einigung kommt, mit der die Gewalt, mit der der Krieg zurückgedrängt werden kann. Ich denke, das kann erstmal nur heißen, es ist die Hoffnung, dass da auch ein Beschluss kommt: keine weiteren Waffenlieferungen mehr an die freie syrische Armee, an die Islamisten und andere kämpfende Gruppen im Land.

Aber ist es eine Forderung der Kurden, die Waffenlieferungen an die Assad-Gegner, wie sie hierzulande ja bezeichnet werden, einzustellen?

Ja. Diese Forderung gibt es definitiv. Auch in Rojava selber haben wir oft gefragt: was sollen wir in Europa machen, was erwartet ihr von uns? Und die Leute haben uns immer gesagt, nur wir können uns selber hier eigentlich ganz gut helfen, wir können uns auch soweit verteidigen, aber erzählt in Europa einmal, was diese Leute, die in euren Zeitungen als Freiheitskämpfer gefeiert werden, was die hier mit den Waffen machen, die sie aus Europa kriegen. Sie haben dort über al-Qaida, über die freie syrische Armee geredet, die dort Barbareien begehen, Terrorregime in ganzen Regionen aufbauen und dafür die Waffen nutzen die sie eben auch aus der EU bekommen. Also fordern die Kurden definitiv auch ein Ende dieser Waffenlieferungen. Die PYD ist ja Teil der Inländischen Opposition, also des Koordinationskommittees für demokratischen Wandel, dem verschiedene arabische, sozialistische, linke und laizistische Parteien angehören, und diese Inlandsopposition hat ja als eine ihrer zentralen Forderungen von Anfang an gehabt: keine Gewalt. Wir wollen einen Wandel, einen demokratischen Wandel in Syrien, aber keine Gewalt, keine äußere Intervention, egal ob durch Waffenlieferungen oder direkt durch den Militäreinmarsch der Nato, und keine ethnisch-religiöse Spaltung. Und mit diesen Forderungen wird natürlich die kurdische Delegation, wenn sie denn als solche zugelassen wird, auch in Genf auftreten.

Der Syrienkonflikt ist im wesentlichen ja ein internationaler. Sie haben gesagt, Saudi-Arabien, Katar unterstützten die islamistischen Aufständischen, die CIA hat Trainingsprogramme in jordanischen Flüchtlingslagern eingerichtet, die EU leistet ihre Beiträge. Wie realistisch ist denn diese Hoffnung, die da auf Genf gesetzt wird?

Ich bin persönlich sehr skeptisch. Denn das Problem ist erstmal, dass jetzt noch gar nicht klar ist, wer überhaupt in Genf vertreten sein wird. Welche Oppositionsgruppen oder sogenannten Oppositionsgruppen werden dort vertreten sein? Es ist nicht klar, in welcher Form die Kurden vertreten sein werden. Die Barzani-Anhänger probieren ja gerade, sich mit den Moslembrüdern zu einigen, gleichzeitig gibt es Versuche, dass die kurdischen Parteien untereinander sich einigen, um im Rahmen des hohen kurdischen Rates zu kommen. Von westlicher Seite hört man, dass die am liebsten einfach nur die Koordination der syrischen Opposition dort haben wollen, also eigentlich diese westlich unterstützte Auslandsopposition. Keiner weiß also genau, wer dann dort am Tisch sitzen wird. So viel kann man, denke ich, jetzt schon sagen: nicht am Tisch sitzen werden genau die Kräfte, die momentan den Krieg forcieren: al-Qaida oder die ganzen Einheiten der freien syrischen Armee, die inzwischen sich eben auch ganz offen gegen den Westen positioniert haben, die jetzt gemeinsam mit al-Qaida und anderen eine islamische Kampffront gründen. Diese Gruppen werden erstmal, denke ich, nicht eingeladen, und zum zweiten haben sie auch gesagt, sie haben gar nicht vor, an dieser Konferenz teilzunehmen. Sie sagen offen: ihr Ziel ist die Errichtung eines islamischen Staates in Syrien, und diese Gruppen werden weiter kämpfen. Also drum sage ich mal: wenn, dann können andere Teilnehmer dieser Konferenz sicherlich Forderungen haben. keine Waffen mehr an diese Gruppen, es kann vielleicht Druck ausgeübt werden auf die Türkei. hier endgültig die Waffenkanäle dicht zu machen, dass dort nichts mehr geliefert wird. Aber ich bin persönlich trotzdem sehr skeptisch, was aus dieser Konferenz herauskommt, ich denke man muss auch einfach sehen: die Hintergründe der Konferenz, dass sie überhaupt möglich wird, die USA hatten gehofft, sie könnten relativ schnell Assad stürzen, sie haben dann gemerkt, das war doch nicht so möglich, Assad hat mehr Verankerung unter der Bevölkerung als gedacht. Zumindestens ist es so, dass auch viele Assad-Gegner sich inzwischen dafür entschieden haben, dass Assad das kleinere Übel ist gegenüber den Halsabschneidern von al-Qaida, die die Alternative darstellen, und die USA sehen es nicht mehr als möglich an, so schnell hier ein Regimechange durchzuführen. Sehen sogar die Gefahr, dass stattdessen dort ein Al-Qaida Staat entsteht, noch nie war al-Qaida so stark wie jetzt hier mit Hilfe des Westens in Syrien. Man kann sich vorstellen, dass natürlich Israel als enger Verbündeter des Westens darüber auch gar nicht glücklich ist, an seiner Haustür plötzlich massenhaft Al-Qaida Kämpfer zu haben. Die USA haben das Interesse, jetzt in dieses Chaos, das sie selber hier mit provoziert haben, irgendwie Ruhe reinzukriegen, Stabilität. Auf der anderen Seite steht Russland. Russland würde gerne nicht den Status-Quo, aber den Status-Quo ante in irgendeiner Form wiederherstellen, Ruhe, Stabilität, weiteren Zugang zu seinem Marinestützpunkt. Und aufgrund dieser Interessen sage ich jetzt mal, ist die Konferenz überhaupt nur zustande gekommen. Es wird sicher sehr viel tatsächlich zwischen Russland und den USA verhandelt, und alle anderen, die noch am Tisch sitzen, sind gewissermaßen Bauern auf dem Schachbrett, aber es fehlen eben einige wichtige Bauern dort, und ich denke, es fehlen vermutlich auch einige wichtige Schachspieler, also gerade die Golf-Monarchien, ich weiß nicht, wie weit sie dort vertreten sein werden, aber diese Staaten haben nicht die Absicht, so schnell Ruhe zu geben, so schnell in Syrien eine wie auch immer geartete Friedenslösung zuzulassen. Diese Staaten haben die klare Absicht, hier ihre Kämpfer weiter kämpfen zu lassen, notfalls weiteres Chaos anzurichten in Syrien, bis Assad gestürzt ist, bis die, wie sie meinen, schiitische, oder alawitische Herrschaft dort aufhört.

 

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