Die Redaktion der STIMME RUSSLANDS hat sich mit dem Team von RIA Novosti vereinigt und gemeinsam ein modernes Markenzeichen des 21. Jahrhunderts – SPUTNIK – gegründet. Wir setzen unseren digitalen Informationsdienst fort und werden auch weiter den hohen journalistischen Standards folgen. Besuchen Sie unsere neue Webseite!
2 September 2014, 19:10

Die Nato dehnt sich aus und nicht Russland

Die Nato dehnt sich aus und nicht Russland
Herunterladen

STIMME RUSSLANDS Die Nato ist dabei, Russland einzuzingeln. Die Ukraine ist dafür ein wichtiger strategischer Baustein. Welche Rolle die EU dabei spielt, hat die US-Diplomatin Victoria Nuland bereits im Februar äußerst markig auf den Punkt gebracht. Der Historiker, Nato-Kenner, Friedensforscher und Experte für verdeckte Kriegsführung und Geostrategie Dr. Daniele Ganser aus der Schweiz analysiert für die STIMME RUSSLANDS die globale Bedeutung der Ukraine-Krise.

Herr Dr. Ganser, die USA sind offiziell bisher nur verbal und mit Sanktionen aktiv im Ukraine-Konflikt. Inwieweit üben die USA hier trotzdem Einfluss aus?

Die USA sind nur im Hintergrund sichtbar in diesem Konflikt. Vielen ist überhaupt nicht klar, ob sie eine Rolle spielen oder ob sie gar keine Rolle spielen. Ich habe versucht, da ein bisschen zu recherchieren und eigentlich das Solideste, was man da bisher weiß, ist dieses Agieren von Victoria Nuland. Da muss man wissen, das ist eine Mitarbeiterin des amerikanischen Außenministeriums. Sie war früher die amerikanische Botschafterin bei der Nato und sie hat ein Interesse, dass sich die Nato ausbreitet in Europa.

Und diese Victoria Nuland hat im Februar 2014 mit dem amerikanischen Botschafter in der Ukraine ein Telefongespräch geführt und dieses Telefongespräch wurde abgehört. Und das wurde sehr bekannt, weil sie in diesem Telefongespräch etwas über die EU gesagt hat, was die EU sehr verärgert hat. Zitat, sie hat gesagt: "Fuck the EU", was so viel heißt, wie, die Europäische Union ist uns egal. Und ich habe dieses Gespräch mir angehört und ich glaube, dass es echt ist. Und wir sehen eigentlich da zum einzigen Mal, und das ist für mich eines der wichtigsten Dokumente, dass die Amerikaner in der Ukraine-Krise wirken, dass sie im Hintergrund wirken, dass sie versuchen, möglichst verdeckt zu bleiben und dass sie auch vor dem Sturz der Regierung schon aktiv waren.

Kann es sein, dass den USA Differenzen zwischen Russland und Europa ganz recht sind?

Ich kann mir vorstellen, dass die USA nicht wollen, dass die Europäer und die Russen sich verbinden, weil, für einen Geostrategen und die USA sind das größte und mächtigste Imperium gegenwärtig in der Welt, geht es immer darum, herauszufinden, wer sind denn die Herausforderer, wer sind die möglichen Gegner von morgen. Und die möglichen Gegner für die USA im 21.Jahrhundert sind eben nicht El Salvador oder Burkina Faso, sondern das sind eben die großer Player. Und das ist einerseits die EU mit 500 Millionen Menschen, dann Russland, das größte Land der Welt, und auf der anderen Seite natürlich auch China und Japan. Das sind alles große Herausforderer. Brasilien, Indien - das sind kleinere, aber diese großen Herausforderer, wenn die sich zusammenspannen, dann ist das auf jeden Fall ein Nachteil für den, der die Weltmacht Nr. eins bleiben möchte.

Und wenn Sie das aus dieser Sicht anschauen, dann ist es völlig logisch, dass die USA Freude daran haben, wenn sich die Europäer und die Russen gegenseitig schwächen, indem sie sich bekriegen und in den Abgrund ziehen. Ich habe einfach eine ähnliche Situation schon mal beobachtet in den Achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Da haben der Iran und der Irak gegeneinander Krieg geführt. Damals war Saddam Hussein noch am Leben und hat den Irak geführt und hat damals den Iran unter Chomeini angegriffen. Und die USA haben Saddam Hussein damals unterstützt. Das hat man vergessen in der Zwischenzeit. Aber die USA waren damals ein Allierter von Saddam Hussein und haben ihn unterstützt, weil sie den Iran schwächen wollten.

Und gleichzeitig  - und das ist eben das Perfide und das Hinterhältige und das kam eben erst 1986 im Rahmen der Iran-Contra-Affäre heraus, - haben sie auch den Iran unterstützt. Das heißt, wir müssen uns daran erinnern, die Amerikaner haben diese "Spalte und Herrsche, Divide et impera"-Politik, die sie übrigens von den Europäern kopiert haben. Und sie haben damals den Irak und den Iran aufeinander gehetzt. Die haben sich lange bekriegt, es gab viele Tote. Und es gibt ein Zitat, ich glaube, es ist von Kissinger, dem amerikanischer Außenminister damals, der gesagt hat: "Zu schade, dass sie sich nicht alle töten können." Also er hatte richtig Freude daran, dass die Iraker und Iraner sich gegenseitig ausrotten.

Die USA sind weit weg, auch wenn sie Fäden ziehen. Die Europäer haben dagegen direkt mit den Auswirkungen der Sanktionen zu kämpfen. Wie gefährlich sind die Sanktionen gegen Russland für die europäische Wirtschaft?

Das ist im Moment noch nicht abschätzbar, welche Folgen dieser Wirtschaftskrieg haben wird, weil es natürlich so ist, dass beide aufeinander angewiesen sind. Das heißt, einerseits Russland auf den Exportmarkt Europa, aber andererseits auch Europa auf die Rohstoffe Erdöl und Erdgas aus Russland. Wenn man vereinfachend sagt, was sind denn die wichtigsten Zusammenhänge, wirtschaftlich gesehen, dann sind das für die Russen natürlich die Devisen, also die Einnahmen, die man auf dem europäischen Markt generieren kann. Das ist ein guter, ein wertvoller Markt mit vielen, kaufkräftigen Konsumenten.

Man kann das Erdgas in Europa weit teurer verkaufen als den eigenen Bürgern. Und umgekehrt sind eben die Europäer auch sehr stark darauf angewiesen - und das wird sich so richtig ja erst im Winter zeigen - auf die Erdöl- und Erdgas-Importe aus Russland. Also man spielt hier völlig mit dem Feuer und sagt, nun gut, wir brauchen euch nicht, und der andere sagt auch, nun gut, ich brauch euch nicht, und dann geht's so hin und her und man kommt dann in das, was wir in der Friedensforschung die Gewaltspirale nennen.

Das heißt, jeder macht immer wieder einen Schachzug. Nur ist es hier eben kein Schach, denn beim Schach gibt's ja keine Toten, sondern am Schluss kann man sich die Hand geben und sagen, gratuliere, du warst klug, du hast gewonnen. Hier geht's nicht um Schach, sondern es geht um Menschenleben. Es ist die Gefahr, dass man sich hier wirklich gegenseitig runterzieht und ich hoffe, ich hoffe wirklich, dass sowohl die Europäer, als auch die Russen die gemeinsamen Interessen wieder finden werden in den nächsten Wochen oder Monaten und sich nicht nur als Feinde sehen.

Der Winter steht vor der Tür. Besteht denn die Gefahr, dass Europas Wohnungen kalt bleiben?

Ja, diese Wohnungen können durchaus kalt bleiben, zumindest die, die mit Gas beheizt sind. Und zwar aus folgendem Grund: wir haben schon 2006 und 2009 einen sogenannten Gasstreit beobachtet. 2014 ist jetzt der dritte Gasstreit und es geht um Folgendes: die Russen exportieren Erdgas, das ist bekannt, das ist die Firma Gazprom, die das Erdgas exportiert, und sie haben da nicht 5.000 verschiedene Pipelines, sondern da gibt es einige große und die wichtigste geht unter anderem durch die Ukraine. Und gerade beim Gaststreit 2006 hat man eben gesehen, dass die Ukraine zum Teil die Rechnungen nicht bezahlt hat.

Es gab verschiedene Streitereien, man hat sich die Schuld gegenseitig zugeschoben, aber irgendwann hat Moskau gesagt, hör zu, wir liefern euch das Gas nicht mehr. Die Ukraine ist auch angewiesen auf russisches Erdgas. Wir liefern euch nur noch das Gas, was auf der anderen Seite raus muss und an die EU weitergeht. Und das ist etwas, was viele Europäer überhaupt nicht verstanden haben, dass die Ukraine ein wichtiges Transitland ist, und wenn sie Gas aus Moskau erhält, dass sie weiterleiten sollte, aber gleichzeitig selber eine Knappheit hat, dann ist es eben möglich, dass sie das Gas zurückbehält.

Und das ist eben die große Herausforderung, die auch der europäischen Union vollkommen bewußt ist. Die Russen sagen dann, die Ukraine betreibt Gasdiebstahl, weil sie das Gas zurückhält, was sie der Europäischen Union weitergeben müsste. Man hat ja dann in der Zwischenzeit reagiert, die Russen haben diese Northstream-Pipeline gebaut, die, ohne durch die Ukraine zu gehen, direkt nach Deutschland geht. Aber da muss man sich darüber im Klaren sein, es ist nicht möglich, einfach alles russische Erdgas über die Northstream-Pipeline zu pumpen. Das geht nicht. Ein anderer Weg ist über Weißrussland, das geht auch. Und dann gibt's noch die Southstream-Pipeline, aber die ist noch nicht fertig. Also kann man insgesamt sagen, die Ukraine spielt im Winter 2014 eine Schlüsselrolle und es kann, wenn der Konflikt eskaliert, zu einer Unterbrechung der Gasversorgung kommen.

Warum bezahlt denn die Ukraine ihre Gasschulden nicht?

Das ist nicht ganz klar. Im Moment, wie ich es der Presse entnehme, sind es fünf Milliarden. Und es wird natürlich hin und her argumentiert. Die Ukraine sagt, wir haben Anrecht auf günstiges Erdgas. Und die Russen sagen, ja, dieses Anrecht habt ihr mal gehabt, aber es war eben geknüpft an die Regierung, die gestürzt wurde. Also man kann ein bisschen so argumentieren, dass Russland, meiner Meinung nach, überhaupt keine Freude daran hat, dass die Regierung Janukowitsch gestürzt wurde. Das ist offensichtlich.

Man könnte dann noch darüber sprechen, wer hat diese Regierung gestürzt, wer sind die Hintermänner... aber was die ganze Welt sieht ist, Janukowitsch wurde gestürzt und Poroschenko ist reingekommen. Und es ist auch völlig klar, dass Moskau Poroschenko nicht möchte. Das heißt, der Machtmechanismus, den Russland überhaupt einsetzen kann, ist natürlich, hört zu, diese Spezialpreise, das heißt billiges Erdgas, die gibt's nicht für Poroschenko, weil Poroschenko in die Nato will.

Das ist die Großwetterlage, wie ich sie beobachte. In den Feinheiten gibt's natürlich die Argumentation, wir haben euch das billige Erdgas gegeben, weil wir die Schwarzmeerflotte auf der Krim hatten. Jetzt hat die Krim den Anschluss an Russland gewählt und darum entfällt dieser Rabatt. Aber ich glaube, ehrlich gesagt, nicht, dass das die Wahrheit ist. Ich glaube, es ist eher so, dass man diesen Rabatt durchaus gewährt hätte, wenn es jetzt eine Regierung in Kiew gäbe, die eben kategorisch sagen würde, wir wollen auf keinen Fall der Nato beitreten, und die die Interessen Russlands berücksichtigen würde.

Aber das haben wir eben nicht. Wir haben jetzt eine durch den Putsch an die Macht gekommene neue Regierung in Kiew, die Regierung Poroschenko, die eben die Interessen Russlands nicht berücksichtigt. Und dann ist es wie beim Schachspiel. Und das ist die gefährliche Situation, weil wir noch nicht wissen, wo wir nach 15 Zügen sind. Das kann sich heute noch gar niemand genau vorstellen.

Herr Ganser, dann kommen wir auf die Nato zu sprechen. Wie stark ist die Nato heutzutage?

Nun, die Nato hat eigentlich in Afghanistan den Krieg verloren. Sie hat 2001 Afghanistan angegriffen. Damals hat man gesagt, wir müssen Osama Bin Laden fangen und töten. Am Schluss war es dann aber plötzlich ein Krieg gegen die Taliban und da musste man schon sagen, die Taliban haben auf keinen Fall etwas mit dem 11.September zu tun. Warum sie jetzt angegriffen werden, ist doch ein bisschen an den Haaren herbeigezogen und die deutschen Soldaten am Hindukush waren dann auch ziemlich verloren, genauso wie die Amerikaner und Engländer.

Es war ein bisschen wie in Vietnam. Sie wußten gar nicht, gegen wen sie kämpfen sollen, weil diese Bevölkerung in Afghanistan sich, erstens, ständig hin und her bewegte zwischen dem afghanischen und pakistanischen Grenzgebiet, zweitens, sie keine westlichen Eindringlinge in Afghanistan wollten und drittens, auch die Regierung Hamid Karseis, die man in Afghanistan eingesetzt hatte, korrupt war. Fazit: die Nato hat in Afghanistan verloren, deshalb hat man das Gefühl, sie ist nicht so stark. Aber man muss auch schon zur Kenntnis nehmen, dass die Nato 2011 Lybien bombardiert hat.

Das heißt, die Nato ist ein großes Militärbündnis, ist das größte Militärbündnis der Welt, angeführt von den USA, und sie sind fähig, Länder anzugreifen. Die Nato, das muss man sagen, ist ein aggressives Militärbündnis. Sie ist jedoch eine Organisation in der Krise. Sie hat einen Krieg verloren in Afghanistan. Sie hat einen Krieg geführt in Lybien, bei dem sie aber das Land nicht stablisieren konnte. Das Land Syrien ist heute im Chaos. Wenn man sagt, das ist das Ziel, dann haben sie das Ziel erreicht. Und jetzt ist eben nicht klar, was die Nato mit der Ukraine vorhat. Und wenn man Lybien als Vorbild nimmt und sagt, lasst mal die Nato machen, dann muss man schauen, was in Lybien heute los ist.

Und wenn man sich vorstellt, dass das in der Ukraine passieren könnte, also völlig destabilisert, marodierende Banden, aufgeweichte Grenzen, niemand hat mehr die Kontrolle... Die Dinge sind kritisch und ich würde sagen, ein kritischer Blick auf die Nato, vor allem auf die Leistungsbilanz der Nato in den letzten zwanzig Jahren, inklusive der Bombardierung Kosovos und Serbiens 1999, das muss man sich heute ein bisschen in Erinnerung rufen, wenn man die Nato beurteilen will.

Die Ukraine liegt nun einmal mitten in Europa, darum kann man als Nato vielleicht nicht ganz so agieren wie in Lybien. Trotzdem wurde am Wochenende mit großem Tamtam angekündigt, dass die Nato einzelne Basen in Osteuropa verstärken will. Große Truppenverlagerungen in den Osten sind aber nicht wirklich geplant, oder?

Soweit ich weiß, nicht. Ich weiß, dass man in Polen die Präsenz verstärken will. Aber es ist natürlich auch der Nato klar, dass man nicht in einen direkten Konflikt mit Russland geraten darf. Also das glaube ich, dass das auch den Nato-Planern, dem wichtigsten Mann dort, dem Supreme Allied Commander Europe, Breedlove heißt der, klar ist. Da muss man schauen, was hat der für Aussagen gemacht in letzter Zeit, was will er, in welche Richtung, das ist natürlich abhängig vom Pentagon und nach dem Pentagon abhängig vom Weißen Haus, von Obama. 

Aber ich hoffe doch, dass die Nato-Mitglieder keine direkte Konfrontation mit Russland suchen, dass sie, also wenn sie jetzt die Truppen in Polen verstärken, was scheinbar der Fall ist, diese Truppen nicht dorthin gehen, um in der Ukraine zu kämpfen. Weil das Schlimmste, was man sich vorstellen kann, ist, dass russsiche Truppen in der Ukraine aktiv werden. Da gibt's ja jetzt auch Berichte. Ob das so ist oder nicht, weiß ich nicht. Aber die Frage ist, was passiert denn, wenn Nato-Truppen und russische Truppen sich in der Ukraine gegenseitig töten?

Dann sind wir in einer Situation, die brandgefährlich ist, die also eigentlich an die Kuba-Krise 1962 erinnert, wo sich Atommächte im Krieg gegenüberstehen. Und da ist die Friedensforschung ganz klar: Das müssen wir auf jeden Fall verhindern. Wir brauchen eine Politik der Deeskalation. Da ist die Nato gefordert. Die hat im Moment wenig Deeskalation betrieben. Im Gegenteil, sie trägt zur Eskalation bei, so wie ich das beobachte. Und da ist auch Moskau gefordert. Moskau muss unbedingt deeskalieren, indem es sagt, ob es Truppen in der Ukraine hat und wenn ja, mit welchem Auftrag.

Einen direkten Konflikt zwischen der Nato und Russland gab es noch nicht, aber Russland ist quasi von der Nato umzingelt, trotz anderslautender Versprechungen vor 25 Jahren. Im Prinzip fehlen nur noch die Ukraine und Georgien als strategisch wichtige Länder in direkter Nachbarschaft Russlands. Können Sie angesichts dessen Russlands Sicherheitsbedenken verstehen?

Ja, das kann ich schon. In Europa ist Putin vielleicht nicht sehr beliebt, aber Gorbatschow ist sehr beliebt. Und man muss sich mal erinnern, was Gorbatschow gesagt hat 2009 als damals Kroatien und Albanien der Nato beigetreten sind. Gorbatschow hat damals gesagt, da war er schon lange zurückgetreten, aus allen Ämtern draußen, konnte frei sprechen, da hat er gesagt, man hat die Russen einfach über den Tisch gezogen. Damit meint er, die Nato hat uns einfach angelogen.

Wir freuen uns ja in Deutschland, übrigens auch in der Schweiz und in Österreich, dass der Fall der Berliner Mauer und überhaupt das Ende des Kalten Krieges 1989/1990 friedlich verlaufen ist. Wir hatten damals keinen Bürgerkrieg, keine Toten. Klar, in Rumänien gab es Tote, aber insgesamt war das Ende des Kalten Krieges 1989/1990 ein friedlicher Prozess - zum großen Glück für die Menschheit. Und da muss man sagen, da hat dieser Mann, Michael Gorbatschow, einen großen Anteil. Nicht, dass es so gelaufen ist, wie er wollte, aber, ich meine, er hat immer zurückhaltend reagiert. Er hat nie den Truppen gesagt, stoppt diese Flüchtlingsströme, bombardiert sie oder walzt sie nieder mit Panzern, wie das die Chinesen 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens gemacht haben.

Das war ja im gleichen Jahr. Und da möchte ich einfach daran erinnern, wenn jetzt Gorbatschow sagt, mir wurde versprochen, dass man nach der DDR, die man in die Nato integriert hat, wo er sein Einverständnis gegeben hat, dass man danach die Nato nicht ausdehnt, und dass man dieses Versprechen völlig gebrochen hat. Viele Leute können sich nicht daran erinnern, dass 1990 die DDR in die Nato integriert wurde, damit Gesamtdeutschland Nato-Mitglied ist. Das war damals abgesegnet und das konnte man ja auch tun. Aber 1999 kommt der Nato-Beitritt von Polen. Das war ein Verbrechen. Naja, Verbrechen ist zuviel gesagt, aber es war einfach ein Vertrauensbruch gegenüber Russland. Man hätte das nicht machen sollen, weil man ja den Russen versprochen hatte, wir machen das nicht. Aber es blieb ja nicht bei Polen. Dann kam die Tschechei - der zweite Vertrauensbruch. Dann kam Ungarn dazu.

Das war alles 1999. Und ich glaub 2004 kam dann Bulgarien dazu, da sind wir dann schon beim 4. oder 5. Vertrauensbruch. Dann Rumänien, dann Estland, Lettland, Litauen - das war alles 2004. Dann noch die Slowakei und Slowenien. 2009 kamen dann noch Albanien und Kroatien. Ja, ich mein, irgendwann reicht's. Es ist ganz klar, dass die Russen inzwischen zehn Mal über den Tisch gezogen wurden. Und jetzt fürchten sie zurecht, dass auch die Ukraine in die Nato eingegliedert werden kann. Ich würde sagen, ich versteh diese Ängste völlig.

Und ich hoffe natürlich, dass wir hier in der Schweiz, auch in Österreich und in Deutschland, also im deutschsprachigen Europa, dass wir ein bisschen öfter diese Weltkarte der Nato-Ausdehnung sehen. Und zwar, dass man sieht, 1990 war das so und 2014 stehen wir hier. Weil dann wird auf einen Blick völlig klar, dass die Nato sich ausdehnt und nicht Russland. Und diese Karte, das beobachte ich mit einer gewissen Sorge, wird nirgends abgedruckt, also ganz ganz selten - da können Sie die FAZ, können Sie ZDF, ARD, können Sie Spiegel, können Sie Neue Zürcher Zeitung nehmen, Tagesanzeiger - in den westlichen Medien wird diese Karte zu wenig abgedruckt, praktisch nie, weil, sie würde den Lesern, den Fernsehzuschauern auch erklären, dass die Nato eine expansive Osterweiterung betrieben hat und damit den Konflikt absolut verschärft.

 

Nach dem 11. September waren auch die USA und Russland so eng wie noch nie zusammengerückt im Kampf gegen Terrorismus. Von weltweiter wirtschaftlicher Zusammenarbeit ganz zu schweigen. Kann man dieses Rad überhaupt zurückdrehen und weiß man nicht eigentlich zu viel von einander, um gegen einander Krieg zu führen?

Man kann leider immer gegen einander Krieg führen, also das Rad kann man leider zurückdrehen. Das ist eine der traurigen Einsichten. Es ist ja oft so, dass man denkt, hier haben wir Stabilität und dann gibt es doch plötzlich Uneinigkeiten. Und aus der Uneinigkeit kann wirklich Krieg entstehen, wenn man nicht versucht, die Konflikte diplomatisch auszuräumen und auch sich in den Kopf des Anderen zu versetzen. Das ist ja eigentlich das, was Europa jetzt tun muss und was auch die USA tun sollten, aber sie werden es wohl nicht tun. Aber zumindest die Europäer sollten das machen. Sie sollten versuchen, im Kopf des Russen sozusagen zu leben und sich vorzustellen, was denn nun die Angst der Russen ist und warum die Ukraine für die Russen so wichtig ist.

Viele Europäer verstehen das gar nicht. Sie sagen, soll doch die Ukraine das machen, was sie wollen. Warum wollen denn die Russen die Ukrainer jetzt kontrollieren? Das ist doch einfach eine diktatorische Haltung, dieses Land lenken zu wollen. Dann versteht man eben nicht, dass diese Ausdehnung der Nato für die Russen eine Gefahr darstellt, dass sie es so empfinden und dass man das ernst nehmen sollte. Jetzt haben Sie gesagt, nach 2001, nach den Terroranschlagen, nach 9/11 hat man sich irgendwie gefunden in diesem sogenannten Kampf gegen den Terrorismus.

Wissen Sie, das ist ein relativ schwammiger Begriff. Jeder hat dann einfach seine Feinde als Terroristen bezeichnet. Die Tschetschenen waren ja dann auch ziemlich schnell Terroristen und überhaupt waren für die Amerikaner alle Terroristen, die nicht ihrer Meinung waren, also die Afghanen und die Pakistani und die Lybier und die Iraker - alle wurden schnell zu Terroristen. Übrigens haben auch die Chinesen dann schnell alle Kritiker in ihrem Land als Terroristen abgestempelt. Das heißt, das Wort Terrorist wird sehr oft auch politisch so verwendet, dass es einfach heißt, das ist mein Feind. Und wenn es mein Freund ist, dann ist es ein Freiheitskämpfer.

Wie sollte die europäische Außen- und Sicherheitspolitk denn aussehen in Bezug auf die Ukraine-Krise und in Bezug auf Russland?

Ich denke, ganz wichtig wäre, dass die Europäische Union sich stark macht für eine Ukraine, die neutral ist. Das heißt, die Ukraine sollte, vielleicht nach dem Vorbild der Schweiz oder von Österreich oder von Schweden, keine Mitgliedschaft in der Nato anstreben. Und sie sollte auch öffentlich erklären, dass sie neutral bleibt. Und das würde die Sache sicher entflechten, wenn dann zusätzlich auch die Russen keine Truppen in der Ukraine stationieren und auch die Nato keine Truppen in die Ukraine reinschickt. Wenn wir keine Truppen der Russen in der Ukraine haben und wenn wir keine Nato-Truppen in der Ukraine haben und die ukrainische Regierung in Kiew sich verpflichtet, neutral zu bleiben, dann könnten viele Spannungen zurückgehen.

Das Problem ist nur, dass wir mit den jetzigen Akteuren, die wir am Spiel beteiligt haben, sehr geringe Chancen haben, dass diese Ideen, die ich Ihnen jetzt hier erkläre, überhaupt durchgesetzt werden. Mich dünkt, dass Poroschenko, dieser neue Präsident, der eben installiert wurde durch diesen Putsch, nie und nimmer sagen wird, die Ukraine bleibt neutral und wird nicht in die Nato eintreten. Und ich weiß auch nicht, ob Putin sich verpflichten wird, niemals Truppen in die Ukraine zu schicken und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass die Nato, also Breedlove, der Nato-Saceur, oder Obama, sozusagen sein Vorgesetzer, dass die sagen, wir verpflichten uns, niemals Truppen in die Ukraine zu senden.

Das heißt, nehmen Sie Putin, nehmen Sie Obama, nehmen Sie sich Poroschenko und fragen Sie sich, werden diese Drei das entschärfen? Und im Moment wissen wir es nicht. Es ist ein ganz ganz heißer Tanz ums Feuer. Und natürlich, die Hoffnung stirbt zuletzt, vielleicht werden sie's entschärfen. Bei der Kuba-Krise 1962 kam es nicht zur atomaren Direktkonfrontaktion.

Damals haben Kennedy und Chruschtschow direkt miteinander telefoniert und haben gesagt, diese atomare Konfrontation wäre schrecklich für uns beide, wäre schrecklich für die Welt. Und so konnte man damals die Krise abwenden. Am Schluss war Fidel Castro erzürnt, weil er gar nicht in die Verhandlungen eingebunden wurde. Und so könnte es ja vielleicht auch in der Ukraine sein, dass Putin und Obama sich direkt verständigen und die Sache entschärfen und Poroschenko dabei eigentlich nichts zu sagen hat.

  •  
    teilen im: