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27 Oktober 2014, 21:10

Ich fand heraus, dass die Vereinigten Staaten die gesamte Welt betrogen haben

Ich fand heraus, dass die Vereinigten Staaten die gesamte Welt betrogen haben
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STIMME RUSSLANDS Im Jahr 2007 verlässt der US-Soldat André Shepherd seinen Stützpunkt im bayerischen Ansbach und desertiert. Er will nicht wieder in den Irak zurückkehren, weil der amerikanische Krieg gegen seine Grundsätze verstößt. Er beantragt politisches Asyl in Deutschland und klagt gegen die Ablehnung seines Antrages vor dem Europäischen Gerichtshof. Bolle Selke sprach mit ihm über Gewissensfragen und seinen schwierigen Kampf um ein Leben in Deutschland.

Ich schätze mal, als Du 2004 der U.S. Armee beigetreten bist, hättest Du nie gedacht, dass Du mal in den bayrischen Alpen enden würdest, oder?

Nein, das hätte ich nie gedacht, erst recht nicht unter diesen Umständen, denn als ich damals dem Militär beigetreten bin, war es für mich einfach ein Versuch, ein besseres Leben führen zu können, weil ich damals, bevor ich mich verpflichtet habe, in meinem Auto gelebt habe.

Warst Du damals schon eine sehr politische Person?

Nein, früher war ich das tatsächlich nicht, weil ich den Fehler gemacht habe, den viele verschiedene Menschen in ihrem Leben machen, wenn sie anfangen, erwachsen zu werden. Wenn man in die Schule geht und versucht Karriere zu machen, dann denkt man, Politik sei die Aufgabe der Politiker, später in meinem Leben stellte ich dann fest, dass das ein schlimmer Fehler in unserem System ist.

Nachdem Du Soldat warst, hast Du Dich 2007 entschlossen, die Armee wieder zu verlassen und unterzutauchen, keine einfache Entscheidung, nehme ich mal an, wie lange hast Du darüber nachgedacht? 

Das hat Monate gedauert. Im Januar 2007 wurde uns gesagt, dass wir mit unserer Einheit nicht wieder zurück in den Irak müssten, weil es zu viele Apache-Mechaniker gab. Ich dachte also, alles wäre okay und ich müsste mich nicht zu sehr darüber beunruhigen, aber ein paar Monate später hieß es, dass wir auf jeden Fall gehen müssen, und das war sehr schwierig für mich, weil ich 2005 so ziemlich die Wahrheit über den Krieg heraus gefunden hatte und mich die ganze Zeit mit der Entscheidung herumschlug, ob ich bei einem Neueinsatz mitmachen sollte. Ich würde also sagen, es waren mehrere Monate oder sogar mehr als ein Jahr, ich war wirklich hin und her gerissen und versuchte, herauszufinden, was ich eigentlich wollte, sollte es zu einem Neueinsatz kommen.

Wenn Du sagst, Du hast die Wahrheit über den Irakkrieg herausgefunden, was genau meinst Du damit?

Im Grunde habe ich heraus gefunden, dass die Vereinigten Staaten die gesamte Welt betrogen haben. Das habe ich durch verschiedene Recherchen, aber auch durch die Gründe, die sie nannten, erkannt. Wenn ich sage, dass die Vereinigten Staaten die gesamte Welt betrogen haben, meine ich, sie wurden über die Gründe für den Krieg belogen, sie wurden belogen, was die wahren Gegner in diesem Krieg anging, sie wurden über den Verlust von Menschenleben und die psychischen Schäden belogen. Die Soldaten wurden auch belogen, ihnen wurde gesagt, dass sich um sie gekümmert würde, falls sie zum Beispiel verletzt worden sind, auch nachdem sie aus dem Krieg zurückgekommen waren, und aus meiner Sichtweise war das alles nur ein riesiger Betrug. Ich stellte auch fest, dass ich nicht der einzige war, der so fühlte, sondern dass das auch einige andere Soldaten realisierten, als sie im Irak stationiert waren, aber sie hatten nicht nur Angst vor den rechtlichen Konsequenzen, sondern auch moralische Probleme.

Es gab also mehrere Leute mit Zweifeln? Aber Du warst der Einzige, der bereit war, die Konsequenzen einer Fahnenflucht zu tragen?

Aus meiner Einheit, ja. Ich war der Einzige, der aus diesen Gründen desertiert ist. Insgesamt sind aber fast 50.000 Soldaten seit dem Beginn des Krieges gegen den Terror desertiert. Auch wenn nicht alle miteinander in Verbindung stehen, gibt es eine Art Solidarität. Wir lesen Artikel übereinander, wir nehmen gegenseitig unsere Kämpfe wahr und auch unsere kleinen Siege im Kampf um Asyl oder darum, wieder ein normales Leben führen zu können.

Du bist sogar noch weiter gegangen als einfach zu desertieren, Du bist an die Öffentlichkeit gegangen. Dein Asylantrag ist jedoch abgelehnt worden und Du hast dagegen geklagt. Mit welcher Begründung ist Dein Antrag abgelehnt worden?

Der Asylantrag wurde hauptsächlich deswegen abgelehnt, weil gesagt wurde, dass ich nicht beweisen konnte, dass in dem Zeitraum, in dem ich im Irak war, Kriegsverbrechen begangen worden sind. Das war für mich total lächerlich, weil jeder zum Beispiel das „Collateral Murder“-Video gesehen hatte. Jeder wusste, dass die Apache-Hubschrauber für Dinge eingesetzt wurden, für die sie nicht gebaut worden sind, zumindest wurde uns das vom U.S. Militär damals erzählt. Apache-Hubschrauber werden normalerwiese als Unterstützung für die Infanterie eingesetzt, um schweres Gerät und schwere Waffen, wie Panzer, zu vernichten und um Bunker zu sprengen. Sie sind nicht dafür bestimmt, gegen unschuldige Leute eingesetzt zu werden, weil die Waffen eines Apache-Hubschraubers diese Menschen sofort zerfetzen, und das ist eindeutig Overkill.

Was also passierte, war, dass die deutsche Regierung nicht über die Legalität des gesamten Krieges gegen den Terror und speziell des Irakkrieges sprechen wollte. Also, wir haben schon darüber gesprochen, es wurde halt nur nicht bei der Entscheidungsfindung in Betracht gezogen. Sie benutzten stattdessen die Entscheidung, die die UN nach der Invasion getroffen hatte, in der der ganzen Sache ein legales Mandat verpasst worden ist. Das Ganze war völlig lächerlich, weil erst einmal Amerika internationales Recht und die U.S.-Verfassung bricht, indem es ein Land invadiert, das überhaupt keine Bedrohung für es ist, und dann entschließt sich die UN dazu, dieses Mandat hervorzubringen. Weil all das nicht mit berücksichtigt wurde, wurde der Asylantrag abgewiesen.

Es gab natürlich überhaupt keine Möglichkeit, dass ich die USA dazu bringen konnte, Informationen über ihren Luftkrieg herauszurücken, das sind hoch geschützte Geheiminformationen, und weil die deutsche Regierung auch nicht an diese Informationen kam, wurde gesagt, dass ich keine Beweise für diese Dinge, die passiert sind, hatte. Das war einer der Hauptgründe, der andere Hauptgrund war, dass sie kein Fehlverhalten der Vereinigten Staaten im Irak feststellen konnten, was ich auch absolut lächerlich finde. Ich hatte also keine andere Wahl, als Berufung einzulegen, nicht nur, weil ich Asyl erhalten möchte, sondern es geht auch um das Prinzip, dass die Wahrheit ans Licht kommt.

Deine Klage liegt nun beim Europäischen Gerichtshof, wie zuversichtlich ist denn Dein Anwalt, dass Du den Fall gewinnst?

Ich würde sagen, dass er sehr zuversichtlich ist, denn von der rechtlichen Seite sieht es sehr gut für uns aus. Es wurde bewiesen, dass Amerika mehrere Gesetze gebrochen hat, und jeder, der sich mit dem Fall befasst hat, weiß, dass alle meine Behauptungen einfach zu belegen sind, und dass ich kein einziges Mal gelogen habe. Jeder kann nachprüfen, dass ich beim Militär war, es ist bekannt, dass ich im Irak war, die Taten des U.S.-Militärs im und in der Gegend vom Irak sind auch belegt worden. Sie wissen, dass Amerika einen globalen Krieg gegen den Terror kämpft, sie wissen auch, dass Amerika internationales Gesetz und die U.S.-Verfassung gebrochen hat. Also, auf der rechtlichen Seite sind wir wirklich sehr zuversichtlich.

Wann erwartest Du ein finales Urteil?

Ein endgültiges Urteil? Das wird noch dauern. Denn innerhalb von zwei Wochen nach dem 11. November wird die Generalsekretärin des Europäischen Gerichtshofs ihre Empfehlung aussprechen, und dann wird der Europäische Gerichtshof irgendwann im Januar ein Urteil, basierend darauf, fällen. Danach wird mir das Urteil zugesendet, und dann wird die eigentliche Asyl-Anhörung in München erst beginnen.

Es gibt keinen Zweifel daran, dass Dein Fall ist ein sehr spannender Präzedenzfall ist. Die Hilfsorganisation Military Council Network schätzt, dass Hunderte amerikanische Deserteure illegal im deutschen Untergrund leben. Glaubst Du, dass einige oder sogar viele Deinem Vorbild folgen werden, gesetzt den Fall, Du gewinnst das Verfahren?

Ich würde sagen, es würde der Klage natürlich helfen, wenn sich mehr Leute anschließen würden. Die Perspektive würde sich ändern und es wäre nicht nur ein Kerl, den die Medien als diesen einen verärgerten Typen gegen das Militär darstellen könnten. Wenn sich mehr Soldaten anschließen würden, könnte man sehen, dass es ein tatsächliches Problem gibt, dem man sich widmen muss. Das wäre ein wirklicher Bonus. Ich glaube, dass sich kein Soldat anschließt, weil sie erst sehen wollen, was letztendlich mit mir passiert. Wie Du schon gesagt hast, der Fall ist ein Präzedenzfall, so etwas ist vorher noch nie getan worden und es war wirklich schwierig, überhaupt so weit zu kommen, wie ich es jetzt bin. In ein völlig fremdes Land zu gehen, die Kultur und Sprache nicht zu kennen, sich ein komplett neues Leben aufbauen zu müssen und gleichzeitig gegen sein altes Land dafür zu kämpfen, dass man in dem Land bleiben darf, das ist eine wahnsinnige Herausforderung, und viele Leute werden das sozusagen als Beispiel dafür sehen, was man tun sollte oder was man besser nicht tun sollte. Ich hoffe, dass meine Taten andere Leute dazu inspirieren, das Richtige zu machen, und dass man auch die Vereinigten Staaten dazu bekommt, die Fehler in ihrer Richtung zu sehen und hoffentlich ihre Kriege zu beenden.

Es ist ziemlich ausgeschlossen, dass Du wieder in die Vereinigten Staaten zurückkehren kannst, ist das nicht sehr schwer?

Ja, es ist sehr schwierig, vor allem wegen meiner Familie, die dort lebt. Ich habe sie schon mehr als zehn Jahre nicht mehr gesehen, und seinen eigenen Geburtsort, in dem man aufgewachsen ist und an den man so viele Kindheitserinnerungen hat, nie mehr wiederzusehen, ist natürlich schmerzlich, aber auf der anderen Seite war es eine Entscheidung, die ich treffen musste und etwas, mit dem ich gelernt habe zu leben.

André, ich wünsche Dir weiterhin viel Glück und Erfolg. Eine letzte Frage noch: Wenn Du auf die Höhen und Tiefen und Dein Leben in Deutschland zurückblickst, würdest Du sagen, dass es das wert war?

Ja, das würde ich definitiv sagen, denn meine Handlungen haben mir vor allem ein reines Gewissen beschert. Wenn ich vor dieselbe Entscheidung gestellt würde, würde ich es sicherlich wieder so machen, denn es ist einfach das Richtige, und wie ich schon gesagt habe, hoffe ich, dass das einen Präzedenzfall schafft, mit dem Leute, die vor einer ähnlichen Entscheidung stehen, den Mut finden, die richtige Wahl zu treffen.

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