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Israels Armee versagte trotz moderner Waffen

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Im Kampf gegen die vielfach stärkeren Streitkräfte widerstand die Hisbollah mit guter Organisation und Unterstützung der libanesischen Bevölkerung.

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MOSKAU, 18. August (Viktor Litowkin, RIA Novosti). Als ich mit Armeegeneral Machmut Garejew, Präsident der Akademie der Militärwissenschaften, einen Interview-Termin ausmachte, wollten wir vor allem über die Taktik und die Operationskunst der in den israelisch-libanesischen Konflikt verwickelten Seiten sprechen.

Beginnen wollte aber der namhafte Militär mit einer politischen Auswertung des soeben zu Ende gegangenen Krieges. "Der Krieg lässt sich nicht von der Politik trennen", betonte er. "Es wäre unseriös. Taktik und operative Kunst sind lediglich abgeleitet von den politischen Aufgaben, vor denen die Truppen stehen."

Zu den echten Ursachen des Krieges meinte er: "Die Entführung von zwei israelischen Soldaten an der libanesischen Grenze durch die Hisbollah war nur ein Vorwand für den Beginn der Kampfhandlungen. Der israelische Geheimdienst Mossad ist, wie alle wissen, einer der besten in der Welt, er hat israelische Bürger selbst in Afrika aus der Gefangenschaft befreit - im Libanon wäre das ein einfacheres Problem gewesen. Das Ziel war ein anderes, man brauchte nur einen Grund.

Dabei agierte Tel Aviv eindeutig nach Absprache mit Washington und mit dem eindeutigen Wunsch, Syrien und Iran zu provozieren und in den Krieg einzubeziehen. Dies hätte den USA und Israel eine reale Möglichkeit geboten, dem "ungehorsamen" Teheran und Damaskus einen Schlag zu versetzen sowie die iranischen Objekte anzugreifen, in denen Uran angereichert wird."

"Natürlich kann man auch Israel verstehen", räumte der Armeegeneral ein. "An seiner Grenze eine derart unlenkbare Organisation wie die Hisbollah zu haben, die jeden Augenblick bereit ist, dein Territorium zu beschießen und deine Bürger zu töten - das ist ein Problem. Und Israel ist mit gutem Grund darüber besorgt. Es wäre aber sinnvoller gewesen, den Kampf gegen sie mit selektiven Schlägen, mit einer guten Vorarbeit des Aufklärungsdienstes und einer Landungsoperation zu führen. Niemand wird aber bereit sein, massive Bombenangriffe gegen die Bevölkerung sowie den Tod von alten Menschen und Kindern und überhaupt von Zivilisten zu rechtfertigen."

"Folgt man der Logik Israels, die eine Rechtfertigung seiner Handlungen voraussetzt, so hätte Russland auch den Irak bombardieren sollen, als in Bagdad unsere Botschaftsangestellte entführt wurden. Und in London befinden sich Sakajew und andere tschetschenische Separatisten - soll man etwa auch London bombardieren? Auf diese Weise lässt sich die ganze Welt leicht sprengen. Deshalb muss man nach Lösungen suchen, die der entstandenen Lage adäquater entsprechen würden."

"Die arabische Welt - und das sind immerhin rund 100 Millionen Menschen - ist äußerst unhomogen. Die islamischen Staaten haben keine einheitliche Position vertreten, sie haben nicht einmal Israel verurteilt und auch nicht die Hisbollah unterstützt, wenn es auch in einigen Ländern Protestdemonstrationen gegen den Krieg im Libanon gegeben hat. Das Ausbleiben einer einheitlichen Unterstützung für den Libanon zeugt davon, dass es keine einheitliche Verschwörung der islamischen Welt gegen die Christen oder die Juden gibt. Das ist alles Unsinn. Die Amerikaner haben die albanischen Moslems in der Provinz Kosovo unterstützt. Saudi-Arabien ist stets auf der Seite der USA, es gehört längst zum Westen. Wie auch die anderen Golfstaaten ist dieses Land in finanzieller Hinsicht fest an den Westen gebunden. In allen größten Banken der Welt liegt arabisches Ölgeld. Im Falle eines Konfliktes mit dem Westen wären sie alle mittellos."

"Wohl aus diesem Grunde haben wir beim israelisch-libanesischen Krieg eine völlig neue Erscheinung beobachtet. In der Geschichte der Menschheit hat es noch nie einen Fall gegeben, wo die Armee eines unabhängigen und von der UNO anerkannten Staates, der diplomatische Beziehungen mit hundert Ländern hat, nicht das eigene Territorium und eigene Bürger vor der Aggression eines anderen Staates verteidigt hat, wie das mit der libanesischen Armee der Fall war. Diese Armee hat nicht einmal einen solchen Befehl bekommen. Wozu ist dann eine solche Armee nötig? Wozu wird sie vom libanesischen Volk finanziert? Das ist eine überaus gefährliche Erscheinung und ein äußerst beunruhigendes Signal für die anderen Staaten."

"Im israelisch-libanesischen Konflikt ist aber auch noch eine extrem unangenehme Tendenz an den Tag getreten", fuhr General Garejew fort. "Im Ersten Weltkrieg machten die zivilen Opfer fünf Prozent der Gesamtverluste aus. Im Zweiten Weltkrieg war das bereits rund die Hälfte. In der Sowjetunion waren es allerdings 18 von den insgesamt 27 Millionen Toten. In Vietnam belief sich der Anteil der zivilen Opfer bereits auf 95 Prozent. Nun finden sich aber Theoretiker, die für einen kontaktlosen Krieg plädieren, in dem alle Schläge mit Raketen und ohne Berührung mit der Armee des Gegners versetzt werden. Wen treffen aber diese Schläge? Die zivile Bevölkerung, Städte, Industrieobjekte, Energiesystem, Brücken, Fernstraßen, Schulen und Krankenhäuser. Nach Ansicht dieser Theoretiker würde sich der Gegner selbst ergeben, sobald all das zerstört wird... Es wäre notwendig, dass jemand gegen diese Methoden der Kriegführung protestiert, dass es die UNO verbietet, Städte und die Zivilbevölkerung zu bombardieren. Der Waffeneinsatz muss zumindest in irgendeiner Weise begrenzt werden."

"Um so mehr, als die Zerstörung von Brücken und Fernstraßen und die Vernichtung von Zivilisten im Libanon nicht zu einem Sieg der israelischen Armee geführt hat. Partisanen, die von der Bevölkerung unterstützt werden, sind unschlagbar. Sie benutzen aber auch kaum Fernstraßen und Brücken und sie verstecken sich auch kaum in den Städten, sie haben dafür ihre eigenen Fußwege im Gebirge, ihre Höhlen und Stützpunkte. Darin liegt auch ihre Stärke. Es ist auch eine große Fehlleistung der israelischen Armeeführung, dass all diese Stellen vor dem Beginn der Kampfhandlungen nicht ermittelt wurden."

"Außerdem muss betont werden, dass die jüngste Operation der israelischen Armee gegen die Hisbollah und den Libanon der größte Misserfolg in der gesamten Geschichte dieser Armee war. In Tel Aviv wird darauf erwidert, dass der Hisbollah "russische Waffen" geholfen haben, u. a. die Panzerbüchse RPG-29 "Vampir". Das ist wirklich eine gute Panzerabwehrwaffe. Waffen beliebiger Art gibt es aber heute in der Welt genügend. Sie mussten nicht unbedingt von Russland geliefert worden sein. Ich persönlich glaube auch nicht daran. Solche Waffen wurden in den letzten Jahren heimlich von der Ukraine und von Weißrussland geliefert. Polen, Bulgarien, Rumänien und Ungarn betreiben einen großen Ausverkauf von sowjetischen Waffen, um diese durch Nato-Waffen zu ersetzen. Die israelische Armee ist hundertprozentig mit amerikanischen Waffen ausgerüstet, niemandem fällt aber ein, Amerika vorzuwerfen, wieso seine Waffen nach Israel gekommen sind.

Die Hisbollah-Mudschaheddin fühlen sich indessen im Libanon wie zu Hause. Sie können manövrieren, sich verstecken und Fallen anlegen. Auch ihr Aufklärungsdienst ist gut. Das Wichtigste aber: Sie werden von der örtlichen Bevölkerung unterstützt."

"Außerdem muss gesagt werden, dass die Raketenkomplexe und die hochpräzisen Waffen nicht immer die erwartete Wirkung haben", betonte der General. "Das war bereits 2003 im Irak zu merken. Alles wird komplizierter, wenn es um nicht isolierte Ziele geht.

In militärischer Hinsicht haben sich die Hisbollah-Einheiten überaus gut gezeigt. Das zeugt davon, dass es solche Kräfte in der arabischen Welt gibt, die stärker und erfahrener werden und auf die selbst die überaus hoch entwickelten Länder und deren Armeen Rücksicht nehmen müssen."

"Die Probleme des Nahen Ostens müssen über kurz oder lang mit politischen Mitteln gelöst werden. Je schneller wir alle das begreifen, desto besser wird es sein, sowohl für Israel als auch für seine Nachbarn und für die Kräfte, die hinter ihnen stehen", erklärte Armeegeneral Garejew abschließend.

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