05:29 31 Juli 2016
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Lesen gegen das Totschweigen: Stalin-Opfer erhalten ihre Namen zurück

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Der 29. Oktober – ein ungewöhnlich warmer, sonniger Herbsttag in Moskau. In einem winzigen Park im Zentrum führt eine lange Menschenschlange zu einem rundlichen Felsen. Anfang der 90er-Jahre war der Stein aus dem Dorf Solowetzki, wo sich das in Alexander Solschenizyns „Archipel Gulag“ beschriebene gleichnamige Straflager befand, nach Moskau geschafft worden.

Der 29. Oktober – ein ungewöhnlich warmer, sonniger Herbsttag in Moskau. In einem winzigen Park im Zentrum führt eine lange Menschenschlange zu einem rundlichen Felsen. Anfang der 90er-Jahre war der Stein aus dem Dorf Solowetzki, wo sich das in Alexander Solschenizyns „Archipel Gulag“ beschriebene gleichnamige Straflager befand, nach Moskau geschafft  worden.

„Awotin August Petrowitsch, 49, Sekretär in der Personalabteilung der Fabrik Lubertsy, erschossen am 10. Juli 1938.” Der Mann, der mit ernster Miene um 10 Uhr morgens den Auftakt macht, ist der russische Menschenrechtsbeauftragte Wladimir Lukin.

Seit 1991 ist der 30.Oktober Gedenktag an die Opfer politischer Repressionen.  Bereits zum siebten Mal ruft die Menschenrechtsorganisation Memorial unter dem Motto „Die Namen zurückgeben“ zu einer Marathon-Lesung auf. 12 Stunden reichen bei weitem nicht, um die 33.000 Todesopfer aufzuzählen, die Stalins „Großer Terror“ 1937 und 1938 alleine in der russischen Hauptstadt gefordert hat.

Leid von Generationen

„Krawzow Lawrentij Moissewitsch, 58, Wächter, erschossen am 28. Februar 1938.“ Eine junge Mutter ist an der Reihe. Nach einem Moment Stille fährt sie fort: „Krajnjuk Semjon Nikolajewitsch, 45, Handwerker in einer Autowerkstätte, erschossen am 10. Juli 1938.“ Während ihre kleine Tochter noch eine Nelke neben dem Solowetzker Gedenkstein ablegt, erklingt bereits der nächste Name mit dazugehörigem Alter, Beruf und dem Tag der Hinrichtung.

Langsam, einer nach dem anderen, in alphabetischer Reihenfolge wird die Liste des Schreckens verlesen, der von dem Gebäude ausging, das schräg gegenüber in Gelb-Orange durch ein Baugerüst blitzt und heute den russischen Inlandsgeheimdienst FSB beherbergt. Auch der Ururgroßvater der kleinen Mascha war in den 1930ern im KGB-Hauptquartier an der Lubjanka verhört worden, bevor sich seine Spur verlor.

© Foto: Tatyana Fedorowa
Blumen- und Kerzenmeer vor dem Solowetzki-Gedenkstein in Moskau

 

„Im Tscheka-Sitz selbst war ein internes Gefängnis untergebracht, im Gebäude  fanden neben den gefürchteten nächtlichen Verhören auch Hinrichtungen statt“, erzählt ein junger Historiker von Memorial, der bereits die vierte Gruppe hintereinander durch die umliegenden Gassen führt.  Eine Seniorin hält tapfer mit der Exkursion Schritt – vorbei am damaligen Auskunftsbüro des sowjetischen Innenministeriums, „diesem schrecklichen grauen Haus“, aus dem ihre Familie auf die Frage nach ihrem Vater nur die lapidare Antwort „Die Untersuchungen laufen“ erhielt.   

Mitjas Urgroßvater

„Przhijalkowski Michail Antonowitsch, 51, Zuständiger für das Inventar von Schlafwagen, erschossen am 1. Dezember 1937“ – die 27-jährige Anastasija liest nach gut einer Stunde Warten den ersten Namen von ihrem Blatt. Die Familie ihrer Urgroßmutter hatte unter den Repressionen zu leiden. „Von der einen Seite ein altes Adelsgeschlecht, von der anderen Geistliche – eine denkbar ungünstige Kombination. Die mussten dann alle den Weißmeerkanal buddeln.“

„Dort vor dem Mikro hat man einen richtigen Kloß im Hals“, sagt ihr Freund Mitja sichtlich bewegt. „All die Menschen wurden ermordet. Man fühlt sich in ihre Zeit und an ihre Stelle versetzt – und rund um dich sind Leute, denen es genauso geht.“  Wie viele andere hatte er nach den beiden Namen von der Liste auch ein Familienmitglied genannt: Sergej Michailowitsch Danilow, ein ehemaliger Offizier der Zarenarmee. „Nach einem anonymen Hinweis kamen sie  und brachten ihn zum Verhör – und das war’s. Mein Urgroßvater  galt als verschwunden, bis meine Großmutter 1956 endlich erfuhr, dass er 1937 erschossen worden war.“  Die Zeit bis zur Rehabilitation seines Urgroßvaters nach Stalins Tod habe gereicht, dass seine Großmutter als „Kind eines Staatsfeindes“ nicht auf die Uni gehen konnte, so Mitja. „Meine Oma musste ihren Vater verschweigen – umso wichtiger war es mir, jetzt zu ihm stehen zu können.“

„Niemals vergessen“ – mit deutschem Akzent und ohne

Es ist schon nach 21 Uhr – der Menschenstrom zum Gedenkstein will bis zuletzt nicht abebben – als die Ansage „Deutschland ist es auch wichtig, dass die Namen nicht vergessen werden“ (in nicht ganz akzentfreiem Russisch) viele aufhorchen lässt. Am Rednerpult steht der Chef der Stasi-Unterlagenbehörde Roland Jahn.

© Foto: Tatyana Fedorowa
Teilnehmerinnen an der Verlesung der Namen von Opfern der stalinistischen Repressionen

„Die Namen zurückgeben ist eine tolle Aktion – es ist so wichtig, dass es sich nicht um abstrakte Wesen, sondern Menschen mit Schicksalen handelt“, sagt der VIP-Gast. Ein Beweggrund, warum er der Einladung von Memorial nachgekommen ist, lautet „Zusammenarbeit ausloten“. „Wer wissen will, wie die deutsche Geheimpolizei funktioniert hat, sollte sich auch informieren, wie die sowjetische Geheimpolizei arbeitete.“

Zentral sei jedoch auch, sich ein Bild zu machen, unter welchen Bedingungen die russische Menschenrechtsorganisation versuche, über die kommunistische Diktatur aufzuklären. Die Diagnose des BStU-Beauftragten sieht nicht unbedingt rosig aus: „Solange in Russland die Aufarbeitung der Vergangenheit behindert wird, bleibt das Thema eine politische Frage“, so Jahn.

Deutschland habe dabei ganz andere Voraussetzungen zur Geschichtsbewältigung: „ Wir haben eine staatliche Behörde, wir haben ein Archiv, das geöffnet ist. All das gibt es in Russland nicht. Deswegen ist es wichtig, Solidarität zu zeigen mit den Menschen von Memorial und all denen, die hier stehen, und die wollen, dass aufgeklärt wird, dass aufgearbeitet wird.“ Auf diese Weise könne man „Demokratie entwickeln“ – auch damit sehe es „in Russland nicht ganz so gut aus“, meint der deutsche Bürgerrechtler.

Ein intelligent aussehender älterer Herr liest währenddessen weiter. Nach den beiden Namen lässt er das Blatt sinken und versucht, das dunkle Kapitel der Vergangenheit knapp in Worte zu fassen. „Sie haben eine ganze kulturelle Schicht ausgelöscht, eine ganze Generation zertrampelt – und das Schlimmste: Dieser Verlust ist nicht wiedergutzumachen. All das hat das Antlitz der Nation verändert – zum Schlechten und unwiederbringlich.“ Auf seinen Stock gestützt geht er das Kerzenmeer entlang und wischt sich mit der freien Hand rasch über die Augen.    

 

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