23:35 29 August 2016
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Satellit in Umlaufbahn (Symbolbild)

Russland erwägt ISS-Rückzug und eigene Raumstation

© Foto: Roscosmos/Fedor Yurchikhin
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Russland könnte sich von der Internationalen Raumstation (ISS) zurückziehen und ab 2017 seine eigene Raumstation bauen, schreibt die Zeitung "Kommersant" am Montag.

Russland könnte sich von der Internationalen Raumstation (ISS) zurückziehen und ab 2017 seine eigene Raumstation bauen, schreibt die Zeitung "Kommersant" am Montag.

Laut Quellen ist der Bau der neuen Raumstation einer der wichtigsten Aspekte der bemannten Raumfahrt bis 2050. Die Raumstation könnte zwischen 2017 und 2019 auf eine Erdumlaufbahn gebracht werden. „Den Betrieb der Raumstation sollen Raumschiffe Sojus-MS und Progress-MS sichern“, sagte ein Insider. Zwischen 2020 und 2024 könnten mehrere Module auf der Raumstation montiert werden, die später bei einem Mondforschungsprogramm eingesetzt werden könnten bzw. sollten.

Dabei will Russland seine Verpflichtungen beim ISS-Projekt bis 2020 vollständig erfüllen.

Im  Mai hatte der für die Raumfahrt zuständige Vizepremier Dmitri Rogosin angesichts der Spannungen mit den USA erklärt, dass Russland den ISS-Betrieb nicht bis 2024 verlängern werde. Die dafür vorgesehenen Mittel würden für andere Forschungsprojekte in der Raumfahrt verwendet. Anfang November teilte der Chef der russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos, Oleg Ostapenko, seinem NASA-Kollegen Charles Bolden mit, dass Russland noch in diesem Jahr über eine Verlängerung des ISS-Betriebs bis 2024 entscheiden werde.

Für den Bau einer neuen Raumstation gibt es mehrere Gründe. Erstens wären die Starts von bemannten Raumschiffen Sojus-MS vom neuen Weltraumbahnhof Wostotschny mit einem Startwinkel von 51,6 Grad (Neigungswinkel der ISS) zu gefährlich für die Besatzung, weil sie sich im Falle einer Havarie über hoher See befinden würde. Die russische Raumstation soll einen Neigungswinkel von 64,8 Grad haben, so dass die Raumschiffe auf dem Weg zur Raumstation über Festland fliegen würden.

Außerdem könnten in diesem Fall auch Frachttransporter vom militärischen Weltraumbahnhof Plessezk zur neuen Raumstation leichter gestartet werden. Damit wären potenzielle politische Risiken, die sich auf den Betrieb des kasachischen Weltraumbahnhofs Baikonur zurückführen lassen, nahezu ausgeschlossen, so ein Experte.

Zudem verwies er darauf, dass die Lage der neuen Raumstation aus geometrischer Sicht günstiger als die der ISS wäre. „Von der (neuen) Station werden 90 Prozent des Territoriums Russlands und der Arktis-Schelf zu sehen sein. Bei der ISS sind es höchstens fünf Prozent“, betonte er.

Wie hoch die Ausgaben für den Bau der neuen Raumstation sein werden, ist unbekannt. In der ersten Phase könnten Module und Raumapparate verwendet werden, die für das russische Segment der ISS entwickelt wurden. Am ISS-Projekt ist Russland seit 1998 beteiligt. Derzeit sind die Ausgaben um das Sechsfache geringer als die der USA (drei Milliarden Dollar im Jahr 2013).

Vor der ISS hatte Russland die Raumstation „Mir“ betrieben, die 2001 im Stillen Ozean versenkt wurde. Der „Mir“-Betrieb soll schätzungsweise 200 Millionen Dollar jährlich gekostet haben. 2011 sagte aber der damalige Roskosmos-Chef Juri Koptew, der „Mir“-Betrieb sei nicht aus finanziellen, sondern aus rein technischen Gründen eingestellt worden. Der technische Zustand der Raumstation sei „katastrophal“ gewesen. Es seien häufig „kritische Situationen“ entstanden, in denen die Station außer Kontrolle geriet.

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