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„Gelbwesten“ in Berlin: „Feindbild Russland fahrlässig“ – deutsche Hilfe für Donbass

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Trotz eisiger Kälte versammelten sich am Montagabend Dutzende Friedens-Aktivisten – teilweise Gelbwesten tragend – in Berlin vor dem Brandenburger Tor, um für Frieden in der Ukraine zu protestieren.

„Wir sind eine Menschheit und haben nur einen Planeten“, betonte ein Organisator. Eine Hilfs-Organisation erklärte, wie sie den Menschen im Donbass hilft.

„Wir haben nur eine Erde und wir sollten wirklich alle probieren, die zu erhalten“, sagte Jürgen Möbius, Mit-Organisator der Friedensaktivisten der Berliner Mahnwache, am Montagabend vor dem Brandenburger Tor im Sputnik-Interview. Dort wurde zu einer „Sondermahnwache zum Ukraine-Konflikt“ geladen.

„Wir werben für den Frieden, wir leben den Frieden“, betonte er. „Wir müssen uns wirklich als Menschen verstehen, die für den Frieden auf die Straße gehen. Wir sollten uns nicht spalten lassen durch Krieg oder durch irgendwelche Machtstrukturen. Denn: Mit Krieg kann man sehr gut schnell Geld verdienen.“ Diesen Umstand kritisierte er zutiefst.

Auf der Demo zeigten sich viele der Demonstranten in gelbe Westen gekleidet, aus Solidarität mit den seit Monaten anhaltenden „Gelbwesten“-Protesten in Frankreich.

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Die weibliche Führung der „Friedensbrücke – Kriegsopferhilfe“, Liane Kilinc (li.) und Friederike Schlegel (re.), sprachen unter anderem über ihre Hilfe im Donbass.
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Lars Mährholz (li.) und Jürgen Möbius (re.) bei der „Sondermahnwache zum Ukraine-Konflikt“.
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Jürgen Möbius bei der „Sondermahnwache zum Ukraine-Konflikt“.

Friedensaktivist Möbius erinnerte an die „schrecklichen Bilder“ aus dem Ukraine-Konflikt. Solche wurden zuvor in einer Video-Präsentation gezeigt: Tote und verwundete Ukrainer, darunter auch Kinder. Zerstörte und verwüstete Häuser und Straßen. „Aber egal ob die Ukraine, Syrien oder Jemen: Es gibt leider Gottes zu viele Konfliktherde auf dieser Welt. Die Ukraine ist nur einer davon, natürlich genauso wichtig. Auch die Menschen in Kiew – da leben auch Kinder – wollen Frieden haben.“ Er versinnbildlichte folgendes Muster: „Alte Leute schicken junge Männer in den Krieg. Immer wieder.“ Aber der überwiegende Teil der Ukrainer wünsche sich Frieden.

Militarisierung und Waffengeschäfte lehne er entschieden ab. „Wir könnten mit dem Geld viel sinnvollere, sozialere Projekte machen. Überhaupt für die Menschheit viele gute Sachen machen.“ Er betonte zuvor in seiner Rede, inwiefern „uns Flaggen und Nationen als Menschen trennen“. Mit Blick auf die Ukraine sagte er: „Der Donbass gehört zu den dortigen Provinzen, die massiv beschossen werden.“

Internationale Spenden für den Donbass

An der Friedensdemo nahmen auch Vertreterinnen der gemeinnützigen Hilfsorganisation „Friedensbrücke – Kriegsopferhilfe“ mit Sitz in Wandlitz teil. Die Vize-Vorsitzende Friederike Schlegel hielt eine Rede, in der sie erklärte, wie ihre Organisation seit Frühjahr 2016 direkte Hilfe für Menschen im Donbass vor Ort leiste. Finanziert werde das ganze über Spenden aus Deutschland, Österreich, der Schweiz – und es gingen auch internationale Spenden ein. Diese Gelder würden nicht nur Menschen im Donbass, sondern auch Leuten auf der Balkanroute, in Serbien oder anderen osteuropäischen Ländern helfen.

„Wir haben täglich Kontakt mit den Leuten im Donbass“, erklärte Liane Kilinc, die Vorsitzende des Vereins „Friedensbrücke – Kriegsopferhilfe“ gegenüber Sputnik. „Das sind Administrationen, Bürgermeister, Ministerien, Schuldirektoren, Kindergärten. Wir bekommen Anfragen und arbeiten nach Bedarf. Uns wird ganz klar gesagt, was die Leute dort brauchen. Zurzeit haben wir die Aktion ‚Kohle für den Donbass‘.“ Damit im Winter Öfen beheizt werden können. „Damit die Menschen dort nicht frieren. Wir haben Projekte, die ständig laufen. Die Nähwerkstatt zum Beispiel. Wir möchten uns allerdings mehr konzentrieren auf die Hilfe zur Selbsthilfe. Das hat etwas mit Menschenwürde und Selbstachtung zu tun.“

„Friedensbrücke“: Über 4.000 Kinder gerettet

Es gebe dabei viele bürokratische Probleme zu überwinden. „Wir müssen mit den Behörden vor Ort Absprachen treffen. Wir haben seit der Ermordung von Alexander Sachartschenko (dem früheren Chef der selbsterklärten ‚Volksrepublik Donezk‘ – Anm. d. Red.) natürlich andere Auflagen. Wir müssen jede Aktivität mit dem Militär absprechen, müssen uns immer wieder neu akkreditieren.“ Aber das diene auch der Sicherheit, „damit wir die Projekte vor Ort durchführen können“. Der Donbass sei letztlich eine rohstoffreiche und damit stark von verschiedenen Interessen umkämpfte Provinz. Beispielsweise Erz komme häufig in der Industrieregion vor.

„Unser Projekt begann mit der Zielsetzung der Evakuierung der Kinder“, erinnerte die Vorsitzende Kilinc. Die Organisation wollte diese 2014 nach Ausbruch des Konflikts „aus den Beschusszonen“ herausholen. Bis jetzt konnte die „Friedensbrücke“ über „4.200 Kinder in die Friedens-Camps am Asowschen Meer, in Rostow am Don, in Krasnodar und in andere Orte bringen“ und somit retten oder zumindest aus dem Kriegsgebiet herausholen.

Einige Erlöse durch Bücherverkäufe am Montagabend am Stand der Hilfs-Organisation gehe nun direkt an die Donbass-Hilfe, beteuerte Vereinschefin Kilinc abschließend. Spenden seien zudem stets willkommen.

Montagsmahnwache-Begründer: „Jeder kann Veränderung bewirken“

„Jeder einzelne Mensch kann eine positive Veränderung in der Welt bewirken“, sagte Lars Mährholz in seiner Rede. Der Begründer und „Erfinder“ der Montagsmahnwachen zeigte sich „überwältigt“ von der Motivation der heutigen Friedensbewegung in Deutschland – nicht nur der in Berlin –, und lobte auch alternative Medien wie die „NachDenkSeiten“. Diese würden einen „sehr guten Job“ machen, weil sie wahrheitsgemäße Informationen für die Menschen bereitstellen würden. Insbesondere im Fall der Ukraine-Krise sei dies wichtig. „Solange uns die Menschlichkeit miteinander verbindet, ist es egal, was uns trennt“, betonte er.

>>>Andere Sputnik-Artikel: Mobilmachung in München für den Frieden gegen „Konferenz der Kriegstreiber“<<<

In der Ukraine unterstütze die deutsche Bundesregierung „faschistische Kräfte“, erklärte Mährholz im anschließenden Sputnik-Interview. „Unsere Regierung trifft sich mit denen und macht Geschäfte. Das ist für mich ein unerträglicher Zustand. Ich finde es zudem grob fahrlässig, ein Feindbild Russland aufzubauen. Wir sollten als große Menschheitsfamilie alle friedlich zusammenleben.“

Möbius spricht nochmals am Ende

„Wir stehen solidarisch immer für die, die Frieden wollen“, so Mit-Organisator Möbius. „Frieden ist natürlich ein großes Wort: Das muss ausgefüllt werden. Aber wir müssen miteinander reden, anders geht’s nicht. Manchmal kommen auch US-Amerikaner, Touristen, zu unseren Ständen bei den Demos. Ich denke mal, wir kriegen noch viel mehr Menschen hier auf die Straße. Weil sie mitbekommen: Das ist eine friedliche Veranstaltung.“

Die Friedensaktivisten der Berliner Mahnwache treffen sich allwöchentlich jeden Montag – meist vor dem Brandenburger Tor – von 18 bis 20 Uhr, um für Weltfrieden und gegen Krieg zu demonstrieren. Mehr Infos online unter: www.mahnwachen.info

Das komplette Radio-Interview mit Jürgen Möbius zum Nachhören:

Die Interviews mit der „Friedensbrücke – Kriegsopferhilfe“ sowie Lars Mährholz zum Nachhören: