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© AFP 2020 / BRENDAN SMIALOWSKI (ARCHIVFOTO)

Besser loswerden: Europa storniert Flüssiggas aus den USA

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Amerikanisches Flüssiggas ist etlichen Kunden viel zu teuer. Energiekonzerne stornieren ihre Bestellungen in den USA: Den vereinbarten Kaufpreis zahlen sie zwar, verzichten aber auf die Abnahme des transatlantischen Gases.

Als zwei spanische Energieversorger ihre Bestellung von 200 Millionen Kubikmetern Flüssiggas aus den USA stornierten, hatten Analysten keine Zweifel: Das ist erst der Anfang. Jetzt verzichten auch internationale Energiegiganten – Shell, Total, BP, Enel und Uniper – auf das amerikanische Flüssiggas, das sie für Juni bestellt haben, berichtet Reuters. Inzwischen haben zehn Energieunternehmen 22 Gaslieferungen gecancelt. Die vertraglich festgelegten Preise werden die europäischen Firmen trotzdem zahlen müssen, aber von Stornierungen hält sie das nicht ab.

Siebzehn der abgesagten Gaslieferungen wären am LNG-Terminal Cheniere verladen worden, fünf im Gas-Hafen Freeport. Die Verflüssigungsanlagen verdienen weniger am Gas selbst, sondern vor allem an der Verflüssigung als Dienstleistung. Diesen Service müssen die Kunden immer bezahlen, ob sie das Gas abnehmen oder nicht. Heute lohnt es sich für die Kunden mehr, das Gas dennoch nicht abzunehmen.

Das Terminal von Cheniere stellt für die Verflüssigung drei Dollar für eine Million British Thermal Units (BTU) in Rechnung, umgerechnet 105 Dollar je 1000 Kubikmeter. Das Gas selbst wird an der Rohstoffbörse Henry Hub gegenwärtig mit 67 Dollar gehandelt, die Verschiffung nach Europa kostet weitere 36 Dollar. Macht in der Summe 208 Dollar pro 1000 Kubikmeter „Gas Made in USA“.

An der europäischen Gas-Börse TTF ist der Brennstoff momentan für weniger als die Hälfte zu haben: 87 Dollar. Allein die Verflüssigung in den USA ist also deutlich teurer als der eigentliche Rohstoff. Wenn die europäischen Energiekonzerne darauf verzichten, sparen sie 20 Dollar je 1000 Kubikmeter. Da es um Millionenmengen geht, kommt ein solides Sümmchen zusammen.

So erklärt es sich, warum die Auslieferungen an den amerikanischen LNG-Terminals im April um 30 Prozent im Vergleich zum Vormonat eingebrochen sind. „Die Absage an die Gaslieferungen aus den USA war nur eine Frage der Zeit, seit der Preisvorteil verschwunden ist“, sagt der Analyst Nikos Tsafos vom Center for Strategic and International Studies (CSIS).

Dass dieser Trend sich fortsetzt, gilt bei Experten als sicher: Die Preisschere zwischen dem amerikanischen und dem europäischen Gasmarkt wird weiter auseinandergehen. Der Hauptgrund dafür ist die Förderkürzung in den USA. Die im Vorjahr gesunkenen Gaspreise haben dazu geführt, dass inzwischen nur noch die Hälfte jener Gasfelder in Betrieb ist, auf denen Anfang 2019 gefördert wurde.

Die Krise in der Erdölwirtschaft verschärft die Lage auf dem Gasmarkt zusätzlich. Die Erdölfelder in den USA tragen nämlich bis zu 15 Prozent zur amerikanischen Gasförderung bei – durch Begleitgas, das bei der Ölförderung entweicht. Die Ölförderung ist im Zuge der Preiskrise erheblich zurückgegangen, entsprechend gering ist auch die Ausbeute an Begleitgas geworden. Solange der amerikanische Ölmarkt instabil bleibt, so lange legt das amerikanische Flüssiggas im Preis weiter zu.

So kann es noch in den nächsten zwei bis drei Jahren weitergehen, schätzen Marktanalysten. Erst wenn die Einstellung neuer Gasförderprojekte auf dem Markt angekommen ist, erst wenn der Bau neuer Verflüssigungsanlagen eingestellt ist, erst dann geht das Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage weiter zurück.

Bis die Gaspreise sich erholt haben, könnten mehrere Jahre vergehen, sagt Campbell Faulkner, Chef-Analyst von OTC Global Holdings. Maßgeblich ist dabei die Stromerzeugung: „Es müssen mehr Gaskraftwerke entstehen, damit man die derzeitigen Gasüberschüsse wieder etwas abbauen kann. Bis dahin wird der Markt nicht genug Platz für alle Anbieter hergeben.“

Gewinner und Verlierer

Kleinere europäische Energiefirmen, die auf langfristige Verträge mit den US-Lieferanten gesetzt haben, verlieren unter den gegebenen Umständen am meisten. Allen voran der polnische Staatskonzern PGNIG.

Ende 2018 haben die Polen mit der amerikanischen Cheniere Energy einen Dauervertrag für die Lieferung von zunächst 730 Millionen Kubikmetern Flüssiggas unterzeichnet. Für 2023 steht eine Aufstockung der Liefermenge auf 1950 Millionen Kubikmeter an. Zudem hat die PGNIG einen Vertrag über die Lieferung von jährlich zwei Millionen Tonnen Flüssiggas vom amerikanischen LNG-Terminal Plaquemines mit einer Ausweitung der Gasmenge ab 2023.

„Alles in allem werden wir von amerikanischen LNG-Herstellern im Bundesstaat Louisiana 3,5 Millionen Tonnen Flüssiggas erhalten. Nach der Rückvergasung ergibt das 4,73 Milliarden Kubikmeter Gas“, teilte das Unternehmen im Juni letzten Jahres mit.

Jetzt droht dieses Geschäft zu einem einzigen enormen Verlust zu werden, denn die polnische PGNIG kann anders als die Giganten Schell, Total und BP auf die Abnahme von amerikanischem Flüssiggas nicht verzichten – weil die Verträge aus politischen Erwägungen geschlossen wurden: Ein Verstoß gegen die Vereinbarung käme für Washington einem Loyalitätsverlust aufseiten Warschaus gleich.

Die wenigsten Probleme mit dem Flüssiggas haben indes russische Firmen zu befürchten, sagen Experten. „Gazprom ist es gelungen, eine elektronische Handelsplattform zu starten, die den Spothandel erheblich flexibler macht und dadurch neue Kunden angezogen hat“, erklärt Samer Mosis, Chef-Analyst bei S&P Global Platts. Und: Das Flüssiggas von Nowatek wird in Europa „zu einem der niedrigsten LNG-Preise auf der Welt“ verkauft – rund 70 Dollar für 1000 Kubikmeter. „Russland ist zum zweitgrößten Europa-Lieferanten nach Katar aufgestiegen“, so der Marktkenner.

„Russland ist sattelfest im europäischen Markt, weil es große Wettbewerbsvorteile hat“, sagt der Fachjournalist Desmond Wong. „Das sind stärkere Argumente, als die Ansagen von so manchem Politiker, der die Europäer dazu aufrufen will, auf russisches Erdgas zugunsten von amerikanischem Flüssiggas zu verzichten.“

In Brüssel werde es immer einen Bürokraten geben, der mehr Flüssiggas aus den USA fordern werde, so Wong. „Aber Abnehmer, Investoren und Händler lassen sich von wirtschaftlicher Ratio leiten, die sie letztlich dazu bringt, das günstige russische Gas zu nehmen.“

* Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.