20:47 06 April 2020
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    Tansania, unter deutscher Kolonialherrschaft Deutsch-Ostafrika, will Verhandlungen mit der Bundesregierung über eine mögliche Wiedergutmachung für die deutschen Kriegsverbrechen während der Kolonialzeit. Deutschland solle Verantwortung übernehmen, fordert der tansanische Botschafter Abdalla Possi.

    Neben Gebieten wie Togoland (1884-1919) und Kamerun (1884-1919) hatte das Deutsche Reich in seiner relativ kurzen Zeit als Kolonialmacht eine Reihe von „Schutzgebieten“ auf dem afrikanischen Kontinent, darunter auch Deutsch-Ostafrika (1885-1919) - heute Tansania, Ruanda, Burundi und das Kionga-Dreieck in Mosambik. Obwohl gemäß dem Versailler Vertrag vor mehr als 100 Jahren die unter deutscher Kolonialherrschaft stehenden Gebiete abgetreten worden waren, sind die koloniale Vergangenheit und die damit verbundenen Menschenrechtsverletzungen bis heute nicht aufgearbeitet. So starben beispielsweise im Maji-Maji-Krieg, als sich verschiedene Volksgruppen in Deutsch-Ostafrika gegen die deutschen Kolonialherren stellten, Schätzungen zufolge etwa 300.000 afrikanische Männer, Frauen und Kinder. An anderer Stelle hat Tansania bis heute keine genaue Kenntnis über die Ausmaße der deutschen Kriegsverbrechen.

    Um einen ersten Schritt in Richtung Aufarbeitung und möglicher Wiedergutmachung zu gehen, fordert Abdalla Possi, tansanischer Botschafter in Berlin, von der Bundesregierung „möglichst bald darüber informiert zu werden, wie viele menschliche Gebeine und Kulturobjekte aus dem heutigen Tansania während der Kolonialzeit nach Deutschland gebracht wurden und wo sie sich heute befinden.“

    Anschließend könnten die beiden Seiten mit Verhandlungen über Wiedergutmachungen beginnen.

    „Es gibt bislang nicht eine schriftliche Vereinbarung zwischen den Regierungen von Deutschland und Tansania über die Aufarbeitung der Kolonialgeschichte“, sagte Possi. „Das ist etwas, das wir dringend ändern sollten.“

    Laut Possi koenne Berlin zeigen, „dass die Deutschen endlich Verantwortung für die Menschenrechtsverletzungen aus der Kolonialzeit übernehmen und das, was in der Vergangenheit in unserem Land passiert ist, wirklich ernst nehmen.“

    Koloniale Vergangenheit

    Nach der Definition des deutschen Historikers Prof. Jürgen Osterhammel ist eine Kolonie „ein durch Invasion (Eroberung und/oder Siedlungskolonisation) in Anknüpfung an vorkoloniale Zustände neugeschaffenes politisches Gebilde, dessen landfremde Herrschaftsträger in dauerhaften Abhängigkeitsbeziehungen zu einem räumlich entfernten ‚Mutterland‘ oder imperialen Zentrum stehen, welches exklusive ‚Besitz‘-Ansprüche auf die Kolonie erhebt.“ Unterschieden werden die vier Hauptformen „Herrschaftskolonie“ (darunter fallen die meisten europäischen Kolonien, die zwischen dem 16. Und dem 18. Jahrhundert gegründet wurden), „Stützpunktkolonie“ (wie Niederländisch-Indien), „Siedlungskolonie“ (Nordamerika) und „Strafkolonie“ (beispielsweise Australien, Sibirien und Französisch-Guyana).

    Denkt man an europäischen Kolonialismus, fallen einem große Kolonialmächte wie Portugal, Spanien, die Niederlande, Frankreich oder das mächtige British Empire ein. Allesamt große Handels- und Seemächte, militärisch gut aufgestellt, „entdeckungslustig“ und bei ihren jeweiligen Landnahmen oft grausam und rücksichtslos gegenüber der jeweiligen indigenen Bevölkerung. Ende des 19. Jahrhunderts gesellte sich dazu das Deutsche Kaiserreich, das zuvor keine kolonialen Bestrebungen gezeigt hatte und dessen Kanzler und Außenminister Otto von Bismarck die Idee von Überseegebieten anfangs rundweg abgelehnt und später unter zunehmendem gesellschaftlichen und politischen Druck nur widerstrebend angenommen hatte. In nur dreieinhalb Jahrzehnten wuchsen die deutschen Kolonien zum flächenmäßig drittgrößten Kolonialreich nach dem britischen und dem französischen an. Dazu gehörten nicht nur ausgedehnte Gebiete auf dem afrikanischen Kontinent, sondern unter anderem auch Teile von Papua-Neuguinea, diverse Inseln in Ostasien und Ozeanien und Gebiete in China. Den erhofften wirtschaftlichen Zuwachs brachten die Kolonien dem Deutschen Reich nicht und entpuppten sich fast komplett als Verlustgeschäft. Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges wurden die deutschen Kolonien abgetreten und die deutschen Siedler mussten die Kolonien verlassen.

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    Tags:
    Kolonie, Tansania, Deutschland