14:38 02 Juni 2020
SNA Radio
    Аusland
    Zum Kurzlink
    Von
    41833
    Abonnieren

    Die Effizienz der Maßnahmen, die Seoul zur Eindämmung der Coronavirus-Epidemie ergriffen hat, wird sowohl von den Medien, als auch von vielen Staats- und Regierungschefs und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gelobt.

    Flächendeckende Tests für die Bevölkerung sowie Offenheit gegenüber den Medien verhinderten bislang drastische Einschränkungen im öffentlichen Leben. Dabei sind Kritiker der Regierung innerhalb des Landes der Meinung, dass auch der erste Ausbruch der Epidemie hätte vermieden werden können. Alarmierend ist aber vor allem, dass Südkorea demnächst von einer neuen großen Infizierungswelle überrollt werden könnte. Was Seoul dabei half, das Worst-Case-Szenario zu vermeiden und warum Smartphones zum wichtigsten Instrument im Kampf gegen Corona wurden – das lesen Sie in diesem Artikel. 

    Erste Bekanntschaft

    Der Ausbruch der Lungenkrankheit SARS-CoV, einem Verwandten des jetzigen Covid-19,  hatte auf Südkorea im Jahr 2003 nahezu keine Auswirkungen. Im Lande gab es nur drei Fälle der atypischen Pneumonie, alle Erkrankten wurden wieder gesund.

    Doch während die ersten zwei Infizierten in Südkorea dank Wärmebildgeräten am Flughafen entdeckt wurden, konnte der dritte ungehindert die Kontrolle passieren und hatte innerhalb von drei Tagen Kontakt mit knapp hundert Menschen. Die Regierung hielt entsprechende Informationen von der Öffentlichkeit fern. Es wurde dabei nicht berichtet, wo die Kranken untergebracht waren und welche Orte Menschen mit Verdacht auf eine Virus-Infizierung besucht hatten.

    Die WHO bezeichnete Südkorea damals als Vorbild. Die Regierung beschloss, auf Basis des staatlichen Instituts für Gesundheitswesen ein Büro zur Kontrolle von Erkrankungen einzurichten, wobei ein US-Modell übernommen wurde. Auf diese Weise entstand in dem Land eine Struktur, die Erfahrungen bei der Verfolgung neuer Erkrankungen und beim schnellen Reagieren auf Krisensituationen sammelte. Das war sehr behilflich während der Schweinegrippe-Pandemie im Jahr 2009. Doch 2015 versagte das System.

    Eigene Fehler

    Als in Südkorea der erste MERS-Cov-Patient auftauchte, war diese Erkrankung in der Welt bereits seit drei Jahren bekannt. Die Zahl der Infizierten lag weltweit bei mehr als 1000, der Hotspot war in Saudi-Arabien.

    Doch in Bahrain, von wo der 68-jährige südkoreanische Geschäftsmann zurück in seine Heimat gereist war, war alles ruhig. Als der Mann nach einigen Tagen mit Husten und Fieber Krankenhäuser bzw. vier medizinische Einrichtungen aufsuchte, wurde er nicht einmal gefragt, ob er Länder mit MERS-Risiko besucht hatte.

    Die Regierung rechnete damit, die Situation schnell unter Kontrolle zu bringenб und beschloss deshalb, die Details des Vorfalls bis zur Feststellung des vollständigen Kontaktkreises des Geschäftsmannes nicht offenzulegen.  Es wurde nicht geschafft, die Kontaktpersonen schnell zu identifizieren und zu isolieren, in den Krankenhäusern brach eine Epidemie aus.

    Nachdem der Fehler zugegeben worden war, 18 Tage nach der Diagnose für Patient Nummer eins, begannen die Behörden mit der Veröffentlichung der Informationen. Insgesamt wurden 186 Menschen angesteckt, 36 kamen ums Leben. Fast 17.000 Menschen mussten in Quarantäne. Das war eine Lehre. Für epidemische Untersuchungen war es fortan erlaubt, alle Personaldaten über poteziell Infizierte - selbst ohne ihre Einwilligung -  abzufragen. Die genauen Bewegungsrouten mit dem GPS der Smartphones, Aufnahmen von Überwachungskameras, der Verlauf der Einkäufe mit Kreditkarten konnten nun analysiert werden. Alles außer den Namen des Erkrankten, mussten die Behörden nun veröffentlichen.

    Große Krankenhäuser mussten seit dieser Zeit über mindestens ein isoliertes Krankenzimmer mit Unterdruck verfügen. 2015 gab es nur 79 solche Stationen, Ende 2019 waren sie schon um das Zehnfache angewachsen. Die eilig eingerichteten medizinischen Stellen zur MERS-Diagnostik halfen maßgeblich in der jetzigen Situation.

    Gerüstet

    In den Zeiten der SARS-Epidemie reisten aus China nach Südkorea täglich rund 7000 Menschen ein, im Dezember 2019 waren es 40.000. Im Januar, nach der Nachricht über die unbekannte Pneumonie in Wuhan, verstärkten die südkoreanischen Gesundheitsbehörden die Grenzkontrollen. Innerhalb einer Woche wurde eine Datenbank über alle Ausreisenden aus den Regionen mit Corona-Hotspots angelegt und es wurde ermöglicht, Krankenhäusern und Apotheken den Zugriff auf diese zu bekommen. 

    Zunächst wurden die Tests mit einer Methode durchgeführt, die bei MERS und allgemeinen Coronaviren ausprobiert wurde. Doch dabei mussten die Ergebnisse anschließend unbedingt zusätzlich präzisiert werden, was mehr Zeit erforderte. Mitte Januar, nachdem China die Nukleotiden-Reihenfolge von SARS-CoV-2 enträtselt hatte, begannen die Behörden mit der Entwicklung schnellerer Tests. Als Basis wurde der deutsche Test auf Grundlage der Polymerase-Kettenreaktion mit rückläufiger Transkription (rRT-PCR), der von der WHO empfohlen wurde, genommen.

    Am Ende des Monats wurden alle Prüfungen abgeschlossen - die Tests, die Ergebnisse innerhalb von sechs Stunden brachten, wurden von 18 regionalen Gesundheitswesen- und Umweltgremien gestartet. Am 7. Februar kamen weitere 38 Labore bei Krankenhäusern und acht Organisationen für Labordiagnostik hinzu. 

    Parallel wurde mit der Annahme von Anträgen von Unternehmen für neue Tests begonnen. Am  4. Februar wurden die Tests der Firma Kogenbiotech genehmigt, die über große Kapazitäten zur Produktion von Testsystemen verfügt. Innerhalb eines Monats wurden weitere drei Sets gebilligt, die innerhalb vier bzw. zwei Stunden ein Ergebnis bringen. Somit konnten in Südkorea mehr als 10.000 Menschen pro Tag getestet werden – die beste Zahl weltweit.

    Schwarzer Schwan

    Am 4. Februar sperrte Seoul die Grenzen für Ausländer, die in den vergangenen zwei Wochen Wuhan besucht hatten. Südkoreanische Staatsbürger, die aus Wuhan gekommen waren, wurden in häusliche Quarantäne geschickt. Wie sich leider bald herausstellte, war es schon zu spät. Als am 18. Februar bei einer 61 Jahre alten Frau Covid-19 diagnostiziert wurde, geriet die Lage außer Kontrolle, weil sie als Mitglied der Sekte Shincheonji Massenveranstaltungen in der Stadt Daegu mit ihren 2,5 Mio. Einwohnern besucht hatte. Dabei war sie weder im Ausland noch hatte sie Kontakt mit Chinesen. Dieser Irrglaube verleitete sie dazu, trotz Symptomen und der Empfehlung ihres Arztes auf einen Test, den sie hätte selbst bezahlen müssen, zu verzichten. Dafür aber ging sie zu den Zeremonien der Sekte.

    Dabei gibt es (nicht bestätigte) Beweise dafür, dass bei einem Treffen der Leitung dieser Sekte am 12. Januar Missionare aus Wuhan dabei waren. Und einige von ihnen besuchten angeblich die Beerdigung des älteren Bruders des Sektengründers Lee Man-hee, die vom 31. Januar bis 2. Februar in einem Krankenhaus unweit von Daegu stattfand, wo sich insgesamt 119 Menschen infizierten. Vorerst wurden nur zwei Sektenmitglieder identifiziert, die im Januar aus Wuhan gekommen waren, und keiner von ihnen war den Behörden zufolge der ursprüngliche Infektionsverbreiter. 

    Egal wie, aber die Shincheonji-Kirche, die 245 000 Anhänger und 65 000 Novizen hat, wurde vieler anderer fraglicher Fälle beschuldigt. Es wurden alle ihre Filialen geschlossen, und die Kirche wurde verklagt, einer Überprüfung des Steueramtes unterzogen und verboten. Sektenmitglieder aus Daegu wurden in Quarantäne nach Hause geschickt.

    „So leicht geben wir nicht auf!“

    Gleichzeitig wurden landesweit etliche Sanitätsstellen für Patienten mit Syndromen  von Atemwegserkrankungen eröffnet. Üblicherweise waren bzw. sind das umgebaute Container auf Parkplätzen vor staatlichen Kliniken. 

    Aber der Empfang eines Patienten dauerte mindestens eine halbe Stunde, denn er sah Desinfizierung des Containers vor, wobei die Ärzte, die Schutzanzüge anhatten, sich umziehen mussten. Da die Zahl der Menschen, die sich auf Covid-19 testen lassen wollten, rasant gestiegen war, mussten die Mediziner die Überprüfung der Patienten mit kaum ausgeprägten Symptomen verweigern, womit viele von ihnen unzufrieden waren. 

    Am Ende beschlossen die Behörden, die Anforderungen an die Patienten etwas zu mildern und quasi nach dem „McDrive“-Prinzip zu handeln: Der Fahrer bleibt am Steuer, füllt das ihm vom Arzt überreichte Formular aus, und dann wird ihm die Blutprobe entnommen. Der Kontakt mit dem Arzt erfolgt dabei durch das Fenster. Dann muss der Arzt nur die Handschuhe wechseln. Das ganze Verfahren nimmt jetzt etwa zehn Minuten in Anspruch. 

    Aber solche Kontrollstellen gibt es relativ wenige, und sie liegen vor allem in dicht besiedelten – und relativ wohlhabenden – Bezirken. Dabei wurden beispielsweise in Daegu, wo 70 Prozent aller Infizierten registriert wurden, mehr als 50 Prozent aller Blutproben bei den Patienten zu Hause oder unmittelbar im Ort der Ansteckung entnommen. Dabei haben fast 400 junge Ärzte eine wichtige Rolle gespielt, die  als Reservisten vor kurzem ihren Wehrdienst begonnen haben – einen Monat früher als geplant.

    Solche mobilen Gruppen besuchten etwa sieben oder acht Orte am Tag, nahmen die Blutproben ein und wechselten vollständig ihre Schutzanzüge. Aber der Aufwand rechtfertigte sich total: Die Ärzte konnten dadurch eine ziemlich klare Vorstellung von der Infektionsverbreitung bekommen und neue Ansteckungen verhindern. 

    Zudem sahen die Behörden ein, dass mehr als 80 Prozent der Patienten in Südkorea (wie auch in China) die Krankheit relativ leicht ertragen, und Patienten wurden in spezielle Behandlungszentren befördert, wo sie für mehrere Tage blieben. Dort müssen nicht allzu viele Ärzte arbeiten, denn sie kontrollieren lediglich den Zustand der Kranken – vor allem per Telefon. Sollte sich der Zustand des jeweiligen Patienten verschlechtern, wird er sofort ins Krankenhaus befördert. Aber in zwei Wochen und nach zwei negativen Tests binnen von 24 Stunden werden die Patienten wieder gesundgeschrieben.

    Die gute alte Peitsche

    Die Sterblichkeit am neuen Coronavirus ist in Südkorea eine der geringsten in der ganzen Welt: 1,6 Prozent. Außerdem hat das Land den Höhepunkt der Seuche noch am 12. März erlebt, und zwei Wochen später gab es schon mehr gesundgeschriebene als erkrankte Menschen (aktuell beläuft sich die Zahl der Patienten auf weniger als 4500). 

    Dennoch ist die Seuche noch nicht vorbei, und zwar nicht nur in Daegu, sondern auch in der ganzen Provinz Gyeongsangbuk-do. Allein in einem Callcenter  im Süden Seouls haben sich 96 Menschen angesteckt und noch ein paar „Gruppenansteckungen“ von gut 50 Menschen in benachbarten Städten provoziert. 

    Seuchenexperten können nicht immer erklären, warum manche gesundgeschriebene Patienten, deren Tests schon negativ waren, später sich wieder anstecken und am Ende sterben. Außerdem bleiben nicht alle Einwohner in Quarantäne. Und schließlich wurde unlängst bekannt, dass eine der U-Bahn-Linien in der Hauptstadt mit Desinfizierungsmitteln mit abgelaufener Haltbarkeitsdauer bearbeitet wurde, die noch seit der Zeit des MERS-Ausbruchs geblieben waren.

    Angesichts dessen kann die Regierung nicht zulassen, dass sich die Bevölkerung entspannt: Seit 22. März wurde es mehr als 500 Kirchen verboten, Versammlungen ihrer Kirchengänger zu organisieren; alle staatlichen Bildungs- und Kultureinrichtungen bleiben geschlossen. Alle Dienstreisen für Beamte wurden abgesagt, und bei minimalen Krankheitssymptomen müssen sie sich krank melden. 

    Experten warnen: Sollten diese Sicherheitsmaßnahmen verletzt werden, könnte es durchaus zu einer neuen Welle der Pandemie kommen. Auch das schlimmste Szenario sei nicht ausgeschlossen: die totale Infizierung, wobei sich bei 70 Prozent der Bevölkerung die natürliche Immunität entwickeln wird. Regierungskritiker verweisen oft darauf, dass die jetzige Situation leicht hätte vermieden werden können, wenn die Behörden von Anfang an die Einreise nach Südkorea für chinesische Staatsbürger untersagt hätten.

    Auch die Behörden sehen das große Risiko ein, denn fast bei der Hälfte der neuen Erkrankungen geht es um Menschen (vor allem südkoreanische Bürger), die aus den USA und Europa heimkehren. Sie alle müssen sich in die zweiwöchige Quarantäne begeben, und seit 1. April gilt das für Menschen, die aus allen Ländern der Welt gekommen sind.

    Allen Einreisenden werden gleich am Flughafen Blutproben entnommen. Denjenigen, die sich weigern, eine App herunterzuladen, die die Angaben zu ihrem Gesundheitszustand an die Behörden weiterleiten wird, wird die Einreise verweigert. Diese App verfolgt nämlich per GPS, ob sich der Besitzer des Smartphones in dem Ort der Isolation befindet. Wer so „clever“ ist und spazieren geht – und sein Smartphone zu Hause lässt, muss mit der „Null-Toleranz-Politik“ seitens der Regierung rechnen. Solche Menschen werden sofort von der Polizei gefasst und vor Gericht gestellt – oder abgeschoben. 

    Seoul ist entschlossen, die Infektion zu besiegen, zumal bald die nächste Parlamentswahl stattfindet. Die Regierungspartei darf sich also in den kommenden zwei Wochen keine „Fehlschüsse“ erlauben. Wie schon vor 17 Jahren, lobt die WHO Seoul für seinen Verzicht auf die totale Sperre der nationalen Grenzen, und für eher moderate Beschränkungen in anderen Aspekten. Ob seine Erfahrungen bei der Covid-19-Bekämpfung in epidemiologische Lehrbücher aufgenommen werden, oder ob die Regierung eine neue Strategie wählen muss, wird sich erst nach dem Ende dieser Pandemie herausstellen. 

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren

    Zum Thema:

    Grenell als US-Botschafter in Deutschland zurückgetreten
    Fall George Floyd: Gerichtsmediziner-Büro in Minnesota nennt Todesursache
    Unbekanntes Objekt unter SpaceX-Rakete entdeckt: Ufo-Jäger nehmen Livestream unter die Lupe – Video
    Russische Forscher wollen Lunge mit UV-Licht von Covid-19 befreien
    Tags:
    Coronavirus, Südkorea