01:24 26 November 2020
SNA Radio
    Аusland
    Zum Kurzlink
    Von
    422237
    Abonnieren

    Noam Chomsky, weltberühmter Linguist und politischer Aktivist, hat in einem Interview mit dem Magazin „Truthout“ den Umgang der USA mit der Coronakrise scharf kritisiert. Das Problem sei jedoch nicht Trump allein, sondern der tief verwurzelte neoliberale Kapitalismus. Gesundheitsfürsorge bringe eben keinen Profit.

    Das Ausmaß der Seuche sei überraschend und schockierend, nicht aber ihre Auswirkungen oder die Tatsache, dass die USA am schlechtesten dabei abschneiden würden, auf die Krise zu reagieren, stellt Chomsky gleich zu Beginn des Interviews klar. Wissenschaftler hätten seit Jahren vor einer Pandemie gewarnt, besonders seit Ausbruch der SARS-Epidemie 2003, die ebenfalls durch ein Coronavirus verursacht worden war. Impfstoffe seien damals entwickelt worden, diese seien aber nicht über das vorklinische Level hinausgekommen. Damals wäre die Zeit gewesen, Systeme zu entwickeln, die es erlauben würden, schnell auf einen Ausbruch eines Virus reagieren zu können. Man hätte Mittel dafür zur Seite legen und Behandlungsansätze entwickeln können.

    Doch wissenschaftliche Einsicht sei eben nicht genug, so der 91-Jährige. Die moderne sozioökonomische Ordnung stehe einem solch umsichtigen Handeln entgegen. Der Markt habe klar signalisiert: Es gibt keinen Profit in der Verhinderung einer zukünftigen Katastrophe. Seit den Zeiten Reagans habe es in den USA die Entwicklung gegeben, politische Entscheidungen zu einem großen Teil in die Hände der Wirtschaft zu geben, und in den folgenden Jahren habe dies der uneingeschränkten kapitalistischen Ordnung eine Dosis neoliberaler Brutalität verliehen.

    Wie tiefgreifend das Problem ist, zeige sich aktuell an dem Mangel an Beatmungsgeräten. Die Gesundheitsbehörde habe das Problem vorhergesehen und Verträge mit einem kleinen Unternehmen abgeschlossen, das günstige und einfach einsetzbare Beatmungsgeräte herstellt. Diese sei dann aber von einem großen Unternehmen aufgekauft worden. Mit Verweis darauf, dass es nicht profitabel sei, habe das Unternehmen sich aus dem Vertrag zurückgezogen und keine Beatmungsgeräte an die Regierung geliefert.

    Die US-Administration sei bezüglich einer Pandemie vorgewarnt gewesen – die letzte Simulation eines solchen Szenarios stamme aus dem Oktober des vergangenen Jahres. Dennoch habe Trump in seiner Amtszeit jedem relevanten Teil der Regierung die Mittel und die Handhabe entzogen und Reglementierungen aus dem Weg geräumt, die den Profit hätten behindern können.

    Nachdem China die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits am 31. Dezember 2019 über die Ausbreitung einer unbekannten Lungenkrankheit informiert und am 7. Januar die Ursache als Coronavirus identifiziert habe, hätten US-Nachrichtendienste vergeblich versucht, bei Präsident Trump Gehör zu finden. Gegenüber der Presse hätten Vertreter der Behörden gesagt, sie hätten ihn einfach nicht dazu bringen können, etwas zu unternehmen. „Das System hatte die roten Warnleuchten an.“

    Schweigsam sei der Präsident nicht gewesen. Im Gegenteil, er habe selbstsicher verlautbart, es sei nur ein Husten, er habe alles unter Kontrolle, es sei zwar ernst, aber er habe vor allen anderen gewusst, dass es eine Pandemie sei. Die Krönung sei gewesen, als im Februar, während das Virus bereits im Land wütete, der neue Haushaltsplan vorgestellt worden sei. Darin vorgesehen: weitere Kürzungen im Gesundheitssektor sowie mehr Mittel für die wirklich wichtigen Dinge – das Militär und die Mauer an der Grenze zu Mexiko.

    Im Ergebnis habe man in den USA viel zu spät und nicht in der Breite getestet und damit eine erfolgreiche Implementierung einer Strategie zur Eindämmung des Virus unmöglich gemacht. Selbst den besten Krankenhäusern fehle es an Ausstattung mit dem Nötigsten. „Jetzt sind die USA das Epizentrum der Krise“, bilanziert Chomsky, der zu Trumps größten Kritikern gehört.

    Doch nicht Trump allein sei an dem Desaster schuld. Er sei in einer kranken Gesellschaft in sein Amt gekommen, leidend unter 40 Jahren Neoliberalismus mit noch tieferen Wurzeln. Das profitorientierte US-Gesundheitswesen sei schon lange ein internationaler Skandal gewesen, mit doppelt so hohen Pro-Kopf-Ausgaben als in anderen entwickelten Gesellschaften und mit den schlechtesten Ergebnissen von allen.  Die neoliberale Doktrin habe ihm einen weiteren Schlag versetzt, in dem Maßnahmen wirtschaftlicher Effizienz eingeführt worden seien: Sofort-Dienstleistung ohne Rücklagen. „Irgendeine Störung und das System bricht zusammen“, so der Intellektuelle.

    Noch in den letzten Jahren der Reagan-Administration hätten 70 Prozent der Bevölkerung sich dafür ausgesprochen, dass die garantierte Gesundheitsversorgung in die Verfassung aufgenommen wird. Diese Unterstützung für das Gesundheitswesen sei eingebrochen als die Business-Propaganda eingesetzt und mit einer astronomisch hohen Steuerlast für die Bürger gedroht habe.

    Ja, die Steuern würden steigen, bescheinigt Noam Chomsky. Jedoch habe jüngst eine Studie gezeigt, dass eine allgemeine Gesundheitsfürsorge die Ausgaben im Gesundheitswesen um 13 Prozent, also 450 Milliarden US-Dollar jährlich senken würde. Zudem seien die Macher der Studie zu dem Schluss gekommen, dass der Zugang zu medizinischer Versorgung jedes Jahr 68.000 Leben und 1,73 Millionen Lebensjahre retten würde.

    Wie es anders gehen könne, zeige ein Blick auf China und benachbarte Staaten, die früh die Warnzeichen erkannt und die Ausbreitung des Virus inzwischen unter Kontrolle gebracht hätten. Auch einige europäische Staaten hätten angemessen reagiert.

    „Deutschland scheint den Weltrekord in Sachen niedrige Todesrate zu halten – dank der guten Ausstattung mit Gesundheitseinrichtungen, der diagnostischen Kapazität und der schnellen Reaktion. In Norwegen scheint es ähnlich zu sein. Boris Johnsons Reaktion in Großbritannien war hingegen beschämend. Und Trumps USA sind das Schlusslicht.“ 

    Entscheidend scheine hierbei nicht der Unterschied zwischen Demokratien und Autokratien, sondern zwischen funktionalen und dysfunktionalen Gesellschaften, bemerkt der Intellektuelle.

    Auch der nun beschlossene Rettungsfonds werde kaum bei der notleidenden Bevölkerung, sondern vielmehr bei den Unternehmen ankommen, schließt Chomsky.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren

    Zum Thema:

    „Überraschung für Russen“: USA verlegen Raketenwerfer von Ramstein ans Schwarze Meer
    Russland kostengünstig in die Knie zwingen – Strategien der US-Denkfabrik „Rand Corporation“
    Medizinprofessor kritisiert Corona-Politik: „Die Zahlen des RKI sind das Papier nicht wert“
    Mine explodiert an Öltanker vor Küste Saudi-Arabiens
    Tags:
    Coronavirus, Neoliberalismus, USA, Noam Chomsky