02:59 02 Dezember 2020
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    Der jüngste gewaltsame Zusammenstoß im Ladakh-Tal war der heftigste im chinesisch-indischen Grenzgebiet seit einem halben Jahrhundert – die Grenzsoldaten gingen in den Nahkampf, bewarfen sich mit Steinen und Stöcken.

    Wie Indien und China im Himalaya-Gebirge zwischen Frieden und Krieg balancieren – darüber lesen Sie in diesem Artikel.

    Prestige-Linie

    Die indische Armee hat ihren Soldaten den Ausgang gesperrt, die Streitkräfte an der Grenze zu China stehen in erhöhter Bereitschaft. Die Situation eskalierte am Abend des 15. Juni.

    Beide Seiten schieben sich gegenseitig die Verantwortung für diese Eskalation zu. Das chinesische Außenministerium erklärte seinen Protest. Das indische Außenministerium erklärte daraufhin, dass es die Chinesen gewesen seien, die gegen die vereinbarte Kontrolllinie verstoßen hätten.

    Das Kommando der indischen Landstreitkräfte meldete 20 tote Soldaten, allerdings sind die Umstände nicht ganz klar. Beide Seiten griffen bei dem blutigen Scharmützel an der Grenze nicht zu  Schusswaffen. Laut Informationen vor Ort, wurden die Inder totgeschlagen. Einige Soldaten fielen wahrscheinlich hin oder mussten in die Tiefe springen und wurden dabei verletzt. Nach Angaben der indischen Nachrichtenagentur ANI waren bei dem Zusammenstoß im Grenzgebiet 43 Chinesen beteiligt. Zwischenfälle an der umstrittenen Grenze der beiden  Nuklearmächte und der am stärksten besiedelten Länder im Hochgebirge gibt es bereits seit Beginn des 20. Jahrhundert. Die Grenze zwischen den Gebieten des Britischen Imperiums und Tibet wurde 1914 gezogen - die sogenannte  McMahon-Linie, benannt nach dem Sekretär für auswärtige Angelegenheiten Britisch-Indiens.

    In den 1940er-Jahren erlangte Indien seine Unabhängigkeit, und China erneut die Kontrolle über Tibet. Die Chinesen weigerten sich, die McMahon-Linie als Staatsgrenze anzuerkennen. Laut Peking hatte Lhasa nicht das Recht, eigenmächtig Grenzen festzulegen. Deswegen wird das Gebiet südlich von der Grenze von den chinesischen Behörden als Südtibet bezeichnet.

    Die Beziehungen zwischen Delhi und Peking entwickelten sich in den 1950er-Jahren zum Guten  – der damalige indische Ministerpräsident Javaharlal Nehru sagte: „Inder und Chinesen sind Brüder“. Doch China begann mit dem Bau einer Straße in den umstrittenen Gebieten - durch die Region Akesaiqin. Die Autobahn sollte zwei chinesische Regionen verbinden – Xinjiang und Tibet. Indien war darüber sehr verärgert.

    Im Herbst 1962 brach der chinesisch-indische Grenzkrieg aus. Dabei ging es nicht nur um einen Territorialstreit. Nach dem gescheiterten Tibetaufstand 1959 gewährte Neu-Delhi dem Dalai Lama, Oberhaupt der Buddhisten in Tibet, Asyl, worüber Peking sehr erbost war.

    Die Chinesen drängten die Inder von der McMahon-Linie zurück. Anschließend erklärte China einseitig den Waffenstillstand. Indiens Premier Nehru wurde im eigenen Land wegen seines laschen Umgangs mit dem Nachbarn kritisiert. Erst in den 1990er-Jahren bekam die Kontrolllinie einen rechtlichen Status, die bis dato als faktische Grenze zwischen den beiden Ländern gilt.

    Dennoch sind die Spannungen geblieben. 2017 kam es zu einem Konflikt zwischen Grenzsoldaten auf dem Doklam-Plateau. Im September bewarfen sich indische und chinesische Soldaten am Pangog-See in der Grenzregion Ladakh mit Steinen. Im Mai kam es zu Handgreiflichkeiten an einem Grenzposten im Bundesstaat Sikkim. So überraschend kam der jetzige Zwischenfall also nicht.

    Indien schwört auf Vergeltung

    Die Ereignisse an der Grenze sorgten für großes Aufsehen in der Öffentlichkeit. In Kalkutta verbrannten rechtsradikale Studenten der nationalistischen Organisation Rashtriya Swayamsevak Sangh vor dem chinesischen Konsulat das Porträt des chinesischen Staatsoberhaupts Xi Jinping. In Neu-Delhi wurden zehn Demonstranten festgenommen, die ebenfalls wegen Pekings Vorgehen in Ladakh protestierten.

    Indiens Premier versprach Vergeltung für den Tod der 20 jungen Soldaten. „Für uns ist am wichtigsten die Einheit und Souveränität der Nation. Indien will Frieden, doch wenn wir provoziert werden, sind wir imstande, eine würdige Antwort zu geben“, sagte Narendra Modi.

    China reagierte auf den Vorfall eher zurückhaltend. Die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua zitierte Außenminister Wang Yi, der mit seinem indischen Kollegen Subrahmanyam Jaishankar telefonierte. Beide Seiten würden das Zusammenwirken und die Koordinierung bei der Konfliktregelung festigen und gemeinsam Frieden und dRuhe in den Grenzgebieten bewahren, so Wang Yi.

    „Die Chinesen bemühen sich bislang, keine zu große Aufmerksamkeit auf diesen Vorfall zu lenken“, sagte der Politologe von der Moskauer Higher School of Economics Wassili Kaschin. „Offizielle Medien und Dienste verhalten sich sehr korrekt. Doch das fällt ihnen leichter, als den Indern. Journalisten zufolge gingen die Chinesen aus den Schlägereien als Sieger hervor – sie bekämpften die Gegner und gewannen das Schlachtfeld“. Beide Seiten befinden sich in einer schwierigen diplomatischen Situation, es stehen nicht einfache Verhandlungen zur Deeskalation des Konfliktes bevor.  Neu-Delhi werde es schwerer fallen, so der Experte. „In Indien gibt es viele Akteure in der Politik, der Staat hat keine Kontrolle über die Medien, im Gegensatz zu China. Das alles wird die Regierung von Ministerpräsident Modi unter Druck setzen, dem Schwäche nicht verziehen wird, zumal es das größte Blutvergießen seit dem Zusammenstoß im Gebirgspass Nathu La im Jahr 1967 ist“, so der Experte.

    Dem Politikwissenschaftler Kaschin zufolge besteht das Wesen des Konflikts mittlerweile nicht mehr nur in der Kontrolle über die Gebiete, durch die eine wichtige Straße für China verläuft. „Mit der Vertiefung der Konfrontation entstanden auch neue Ansprüche. Chinas fixe Idee besteht darin, dass die Grenze 1914 nicht richtig gezogen wurde. Keine einzige chinesische Regierung setzte ihre Unterschrift unter die Dokumente zu dieser Linie“, so der Experte.

    Nachdem die Grenze in Himalaya für beide Länder eher eine Frage von irrationaler Gerechtigkeit und nicht von pragmatischen Interessen geworden sei, werde es zunehmend schwerer, gegenseitiges Verständnis zu erreichen, so Kaschin.

    Die Prügeleien an der Grenze sorgten auch wegen der Position Pakistans für großes Aufsehen. „Bei früheren Ausbrüchen wie auf dem Doklam-Plateau, zeigten die Pakistaner nicht nur großes Interesse – ihre Medien verbreiteten mehrere Fakes über Schusswechsel und Opfer. Selbst offizielle Medien berichteten, dass es Artillerieduelle gab. Deswegen werden die Mitteilungen über Getötete in Himalaya so scharf aufgenommen“, so Kaschin.

    Wer zuerst zuschlägt

    Der Mitarbeiter des Instituts für Weltpolitik und internationale Beziehungen der Russischen Akademie der Wissenschaften Alexej Kuprijanow beschreibt die Landschaft im Kampfgebiet im Himalaya: „Das Gebiet ist de facto kaum besiedelt, Gebirge, Gestein. Die Luft ist trocken, unter den friedlichen Einwohnern gibt es wohl nur einzelne Viehzüchter, die dort umherziehen. Keine der Seiten hat dauerhafte Lager, die Grenze ist nicht demarkiert.“

    Wegen der Landschaft werden die beiden Seiten in Atem gehalten. „Wer als erster zuschlägt, hat einen operativen Vorteil, zumindest für die nächste Zeit“, so Kuprijanow. „Die Länder vertrauen sich nicht. Sobald jemand Kräfte verlegt bzw. Infrastruktur errichtet, tut der Gegner das auch“.

    Die Lösung des Konflikts erfordere von Peking und Neu-Delhi politischen Mut, von Indien sogar mehr, so der Experte. „Die indische Regierung, die einem Kompromiss in Ladakh zustimmt, riskiert ihren Rücktritt. Es wurden aber Versuche unternommen. Einer Lösung des Grenzkonflikts näherte sich Premier Vajpayee Wadschapai in den 2000er-Jahren an, doch er verlor bei den Wahlen und alles geriet ins Stocken. Um mit China eine Einigung zu erreichen, muss die Lage im eigenen Land stabil genug sein“, so der Experte.

    Trotz der vielen Schwierigkeiten hätten beide Seiten Gründe, den Territorialstreit zu beenden, so der Experte. Denn weder China noch Indien brauchen einen ernsthaften Krieg.

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    Tags:
    Eskalation, Himalaya, Konflikt, Grenzsoldaten, Grenze, Indien, China