00:21 10 Juli 2020
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    Weil eine von der US-Polizei bei der Fahndung eingesetzte Gesichtserkennungssoftware offenbar Schwierigkeiten hatte, Gesichter von dunkelhäutigen Menschen korrekt zuzuordnen, ist ein unschuldiger Afroamerikaner verhaftet worden. Doch nicht nur Gesichtserkennungssysteme, sondern auch Film und Fotografie sind auf weiße Standards eingestellt.

    Von sozialen Netzwerken kennen wir es seit Jahren: Kaum ist ein Foto hochgeladen, fragt Facebook, ob wir nicht unsere Freunde darin markieren wollen, und liefert gleich Vorschläge mit, wer sich auf dem betreffenden Bild befinden könnte. Oft hat der Algorithmus mit der Gesichtserkennung recht – aber eben nicht immer.

    Software zur Gesichtserkennung wird inzwischen rund um den Globus in den verschiedensten Feldern eingesetzt – ob zum Entsperren des Smartphones, anstelle einer Ausweiskontrolle am Flughafen oder für das bargeldlose Bezahlen. Auch bei der Fahndung nach Verdächtigen kommt die Gesichtserkennung zum Einsatz. Doch wenn sie sich dabei irrt, dann ist es nicht nur ein lästiges Ärgernis, wie etwa beim Markieren von Freunden auf Facebook.

    Festnahme aufgrund von falscher Gesichtserkennung

    So geschehen im US-amerikanischen Detroit. Wie das Portal „npr“ am Mittwoch berichtete, hat die örtliche Polizei nach einem Ladendieb gesucht, der fünf Uhren im Wert von geschätzten 3800 US-Dollar gestohlen hatte. Von dem Diebstahl lagen Videoaufzeichnungen von Überwachungskameras vor. Die Ermittler vergrößerten ein Standbild des Täters und ließen sein Gesicht durch eine Software mit den verfügbaren Datenbanken abgleichen. Schnell war ein Verdächtiger gefunden: Die Software gab an, den 42-jährigen Afroamerikaner Robert Julian-Borchak Williams aus dem nahegelegenen Farmington Hills erkannt zu haben, und der Mann wurde umgehend verhaftet. Dumm nur: Er war es nicht. Ein direkter Vergleich des Standbildfotos mit Williams Bild auf seinem Führerschein zeigte zwei völlig verschiedene Männer.

    Er habe das Bild genommen, es neben sein Gesicht gehalten und dem Polizisten gesagt: „Ich hoffe, Sie denken nicht, dass alle Schwarzen gleich aussehen“, so Williams. Nachdem er 30 Stunden festgehalten wurde, entließ ihn ein Gericht nach seiner Anhörung wegen Mangels an Beweisen.

    Laut US-amerikanischen Bürgerrechtlern ist das der erste dokumentierte Fall einer falschen Festnahme auf Grundlage von Gesichtserkennung. Brisant dabei ist, dass sich die Polizei offenbar ausschließlich auf den Gesichtsabgleich verlassen hat und weder Aussagen von Augenzeugen, noch Williams nach einem Alibi gefragt hatte.

    „Was wäre gewesen, wenn das nicht ein Fall von Ladendiebstahl, sondern Vergewaltigung oder Mord gewesen wäre“, fragt Williams. 

    „Rassistische“ Technologie

    Die Diskussion um fehlerhafte Gesichtserkennung ist nicht neu. Eine groteske Fehlerkennung aus dem Jahr 2015 hatte aber die rassistische Dimension überdeutlich gemacht: Damals beschwerte sich Jacky Alcine, Googles Foto-App habe ihn und seine ebenfalls dunkelhäutige Freundin als „Gorillas“ identifiziert.

    Tatsächlich ist die Fehlerquote von Gesichtserkennungssystemen am niedrigsten, wenn es sich bei den gesuchten Individuen um weiße Männer handelt, bestätigen die Autorinnen Frederike Kaltheuner und Nele Obermüller in ihrem Buch „Daten Gerechtigkeit“. So liege sie bei hellhäutigen Männern bei gerade einmal 0,3 Prozent, bei dunkelhäutigen Männern bei 6 Prozent und bei dunkelhäutigen Frauen sogar bei 30,3 Prozent. Ein Grund dafür könne sein, dass zu wenig Vielfalt in den Daten bestehe, auf Grundlage derer die Maschinen die Gesichtszuordnung lernen würden.

    Rassismus bereits in Fotografie und Film angelegt

    Die Ungleichbehandlung von weißen gegenüber dunkleren Hauttypen hat eine lange Tradition. So waren Normen bei Fotografie und Film seit ihren Anfangstagen auf weiße Haut ausgelegt, weswegen dunkle Gesichter viel weniger zur Geltung kamen und auf manchen Bildern mit dem Hintergrund zu verschmelzen schienen. Zur Kalibrierung der Farbtöne benutzte Kodak seit Mitte der fünfziger Jahre beispielsweise sogenannte „Shirley cards“ und verteilte diese an Fotolabore weltweit. Auf den Karten abgebildet war das Modell Shirley Page. Ihr elfenbeinfarbener Teint diente als Standard für die Abmischung. Auch die Kameras von Polaroid waren auf einen weißen Standard eingestellt. Wie der „Guardian“ berichtete, musste für Südafrika extra ein „Boost“-Blitz gebaut werden, um verwertbare Passfotos der schwarzen Bevölkerung machen zu können.

    Was für Fotografie gilt, gilt ebenso für Film. Barry Jenkins, Regisseur des oscarprämierten Films „Moonlight“, bestätigte gegenüber dem Tagesspiegel: „Technisch gesehen war das Kino immer schon auf helle Haut fixiert: Setlicht, Make-up, selbst die Filmemulsion, auf der Kinobilder über ein  Jahrhundert lang festgehalten wurden. Dunkle Haut reflektiert das Licht anders als helle Haut. Um Reflexionen zu vermeiden, wird sie mit Puder zugekleistert.“

    Die Ungleichheit bei der Abbildung von heller und dunkler Haut endete nicht mit dem Umstieg auf digitale Fotografie – auch diese ist auf helle Haut eingestellt. „Ohne zusätzliches Licht geht bei schwarzen Menschen nichts“, so Tagesspiegel-Fotografin Kitty Kleist-Heinrich.

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    Tags:
    Software, Rassismus, Terrorist, Fahndung, Gesichtserkennung, USA