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    Neue Normalität in der Corona-Pandemie: Lockerungen weltweit (80)
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    Serbiens Chef-Epidemiologe und Mitglied des Corona-Krisenstabs, Predrag Kon, erklärt die Proteste in der Hauptstadt Belgrad und einigen Großstädten des Landes am Dienstag und Mittwoch damit, dass die Menschen wegen der durch die Pandemie ausgelösten Spannungen wütend werden.

    Ihm zufolge richtet sich die negative Energie der Menschenmenge vor allem gegen das Virus.

    Im Laufe der vergangenen Wochen verschlechterte sich die epidemiologische Lage in Serbien, die Infektionszahlen sind höher als im April. Präsident Aleksandar Vucic wandte sich an die Nation und erklärte, dass wieder harte Antivirus-Maßnahmen ergriffen werden müssten, darunter eine Ausgangssperre von Freitag bis Montag.

    Die Idee der erneuten Ausgangssperre stieß in der serbischen Gesellschaft auf große Widerwehr. Am Abend und in der Nacht kam es am 7. Juli in Belgrad sowie am Abend und in der Nacht am 8. Juli in Belgrad, Novi Sad, Nis und Kragujevac zu Massenprotesten, die sich in gewalttätige Unruhen verwandelten.

    Nach den Protesten am 7. Juli, bei denen Protestierende versuchten, in das Parlamentsgebäude einzudringen, Polizeiautos und Mülleimer in Brand setzten, Schaufenster zerschlugen sowie Steine und Flaschen auf Polizisten warfen, erklärten zunächst Gesundheitsminister Zlatibor Loncar und danach Präsident Vucic, dass der Beschluss über die Ausgangssperre nicht endgültig sei und man anscheinend auch ohne diese auskommen werde.

    • Ausschreitungen in Belgrad am 8. Juli 2020
      Ausschreitungen in Belgrad am 8. Juli 2020
      © Sputnik / Alexandar Djorovich
    • Ausschreitungen in Belgrad am 8. Juli 2020
      Ausschreitungen in Belgrad am 8. Juli 2020
      © Sputnik / Alexandar Djorovich
    • Ausschreitungen in Belgrad am 8. Juli 2020
      Ausschreitungen in Belgrad am 8. Juli 2020
      © Sputnik / Alexandar Djorovich
    • Ausschreitungen in Belgrad am 8. Juli 2020
      Ausschreitungen in Belgrad am 8. Juli 2020
      © Sputnik / Alexandar Djorovich
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    © Sputnik / Alexandar Djorovich
    Ausschreitungen in Belgrad am 8. Juli 2020

    Der Krisenstab erläuterte nach zwei Tagen des Nachdenkens die endgültigen neuen Maßnahmen – das Verbot für Versammlungen von mehr als zehn Menschen sowohl in geschlossenen Räumen als auch auf der Straße, Beschränkung der Öffnungszeiten von Clubs, Cafés und Restaurants – Innenräume müssten von 21.00 bis 6.00 Uhr, Terrassen von 23.00 bis 6.00 Uhr geschlossen sein. Die neuen Maßnahmen gelten nur in Belgrad, weil dort die epidemiologische Lage am ernstesten ist.

    Wut, Verzweiflung und negative Energie

    Neben den Protesten gegen die Ausgangssperre äußerten die Demonstranten in Belgrad und anderen Städten ihre Unzufriedenheit über die Arbeit des Krisenstabs – dem Stab und seinen Vertretern wird vorgeworfen, sich ständig zu widersprechen, die Zahl der Corona-Opfer kleinzureden und sich bei den Beschlüssen nicht nach medizinischen, sondern vor allem nach politischen Gründen zu richten.
    Chef-Epidemiologe Predrag Kon reagierte auf die Vorwürfe der Protestierenden und nahm im Gespräch mit Sputnik zu den Protesten Stellung. Ihm zufolge ist es wichtig zu verstehen, dass der Hauptgegner in diesem Kampf das Virus ist. Der ganze Planet, darunter Menschen mit verschiedenen politischen Haltungen und unterschiedlichen Werten, hat nur einen Wunsch: Ihn zu bekämpfen.

    „Wir konnten am Beispiel der Proteste die sich angesammelte Wut, Verzweiflung, negative Energie, die in erster Linie gegen das  Virus gerichtet sind, doch als Reaktion auf alles entstehen, was als negativer Faktor in der Situation wahrgenommen wird, wenn das Virus uns alle überrennt, sehen“, so Kon.

    Er sagte, dass in Belgrad alles daran gesetzt werde, dass das Gesundheitssystem diese Belastung übersteht – die Situation verschlechtere sich. Die Erfahrung zeige, dass die härtesten Maßnahmen wie Ausgangssperre und Quarantäne am schnellsten Ergebnisse bringen.

    ​In den vergangenen zwei Wochen lag die Zahl der Corona-Infizierten und -Toten in Serbien pro Tag deutlich höher als im April. Am 7. Juli wurden 299 neue Fälle und 13 Tote (Negativrekord der Todesrate seit Beginn der Epidemie), am 8. Juli 357 neue Fälle (fast die höchste Zahl seit Beginn der Epidemie, mehr gab es nur am 2. Juli mit 359 Fällen) und elf Tote fixiert.
    Kon zufolge gibt es einen alternativen Weg, um der wachsenden Virusgefahr Herr zu werden.

    „Ich hoffe, dass immer mehr Menschen einsehen, dass die Maskenpflicht eine adäquate Alternative für solche Ausgangssperren sein kann. Das heißt, dass man überall Kontakte meiden muss – auch auf der Straße. Wenn die Distanz weniger als einen Meter beträgt, muss die Maske auch auf der Straße getragen werden, in geschlossenen Räumen gilt die Maskenpflicht unabhängig von der Entfernung zwischen den Menschen. Weil die mögliche Ausbreitung des Virus in diesem Fall bei einem Prozent liegt“.

    Serbiens Chef-Epidemiologe befürwortet das Verbot für Versammlungen von mehr als zehn Menschen und betont, dass die Kürzung der Öffnungszeiten von Restaurants und Clubs vernünftig sei. Denn in Räumen, wo gesungen und getanzt werde, breite sich das Virus schneller aus, die Wahrscheinlichkeit einer Infizierung sei höher.

    Ärzte als einheitliche Front

    Unzufriedene Bürger fordern unter anderem den Austausch der Ärzte im Krisenstab, weil sie häufig sich widersprechende Meinungen äußern. Kon postete am Mittwoch auf Facebook, dass er seinen Platz im Krisenstab gerne für den „verehrten und angstlosen“ Professor Branimir Radovanovic räumen würde. Doch bislang blieb es nur bei dieser Facebook-Äußerung.

    Er schlägt vor, die Epidemiologen in ein separates Team als Teil des Krisenstabs zusammenzubringen, damit in Zukunft keine solchen Situationen entstehen.

    „Wir brauchen eine starke gemeinsame Position der Epidemieforscher aus einem einfachen Grund – weil sie sich von den anderen Meinungen stark unterscheiden kann. In Teams kommt es vor, dass der Beschluss gemeinsam getroffen wird, doch jeder diesen Beschluss auf eigene Weise deutet. Gerade das sorgt bei vielen Menschen für Verwunderung. Meines Erachtens ist es nicht richtig, doch das bedeutet nicht, dass der Beschluss, von dem ich spreche, getroffen wird“.

    Man braucht transparente Angaben über die Virus-Opfer

    In der serbischen Gesellschaft wächst die Überzeugung, dass die täglich veröffentlichten Corona-Todeszahlen nicht der Realität entsprechen. Die reale Zahl der Opfer könnte deutlich darüber liegen.

    „Das ist eine Million-Dollar-Frage. Es hängt davon ab, wie man das betrachtet. Wie haben zum ersten Mal mit einer solchen Epidemie zu tun. Unsere IT-Spezialisten entwickelten eine spezielle App, die vor Ort ausgefüllt wird - in Krankenhäusern und Laboren. In unserer Gesetzgebung ist eindeutig festgeschrieben, wie Tote durch Infektionskrankheiten registriert werden sollen. Nun haben wir erstmal ein Instrument, das es ermöglicht, es schnell zu machen. Niemand von uns hatte Zweifel an der App“, so der Experte.

    Allerdings sei es unmöglich, in dieser kurzen Zeit absolut zuverlässige Todeszahlen zu bekommen, weil jeder Tod durch eine Ansteckungskrankheit bestätigt werden muss. Kon zufolge verfügt er über absolut genaue Daten für März und April, die Daten für den aktuellen Zeitraum würden erst im September erhältlich sein.

    „Noch nie zuvor hatten wir Ärzte so viel Arbeit. Nun wird diese Arbeit an den Pranger gestellt“, so der Epidemieforscher.

    Ihm zufolge sollten die Infektionszahlen in Serbien bei Einhaltung der neuen Antivirus-Maßnahmen des Krisenstabs innerhalb von zwei bzw. drei Wochen zurückgehen.

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    Aleksandar Vučić, Ausschreitungen, Quarantäne, Coronavirus, Serbien