08:51 09 August 2020
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    Die Regierung des Senegal hat die Botschafterin der Schweiz zu einem Gespräch ins Außenministerium einbestellt, wie diese besondere Form der Maßregelung in der Diplomatensprache heißt. Hintergrund ist ein Artikel des Ehemannes der Botschafterin, in dem dieser das Verhalten von sogenannten „rich kids“, Kindern reicher Eltern, kritisiert hat.

    Wenn die Regierung eines Landes einem akkreditierten Botschafter ihre Missbilligung aussprechen will, dann bestellt das Außenministerium des Gastlandes den jeweiligen Diplomaten zu einem Gespräch ein, wie es förmlich heißt. „Einbestellen“ ist die diplomatische Formulierung für das Wort Vorladung. In einem solchen Gespräch wird einem Botschafter dann in Form einer sogenannten Note die Kritik des Gastlandes übermittelt.

    So ist es jetzt der Botschafterin der Schweiz in der Republik Senegal, Marion Weichelt Krupski, ergangen. Sie musste am 15. Juli im Außenministerium in Dakar eine Protestnote entgegennehmen, in der Außenminister Amadou Ba namens seiner Regierung sein Missfallen zum Ausdruck brachte, dass Ihre Exzellenz „eindeutig über die inakzeptable Natur der Äußerungen ihres Ehepartners informiert wurde, die einen offensichtlichen Verstoß gegen die elementaren Grundsätze der Höflichkeit und der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten des Entsendestaates darstellen“. So berichtete es unter anderen die Internet-Plattform „Seneplus“ am 16. Juli. 

    Dazu ist es nötig, sich in Erinnerung zu rufen, dass gemäß der Wiener Übereinkunft über diplomatische Beziehungen (WÜD) vom 18. April 1964 die Ehepartner von Botschafterinnen und Botschaftern diesen im Grad ihrer Immunität gleichgestellt sind, aber damit auch den gleichen Anforderungen unterliegen – also Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten des Empfangsstaates und Achtung, Respekt und Höflichkeit gegenüber dem Gastland, seiner Bevölkerung und seinen staatlichen Institutionen.

    Frust-Kolumne des Ehemanns der Botschafterin mit ungeahnten Folgen

    Grund für den diplomatischen Zwist zwischen dem Senegal und der Schweiz ist eine Kolumne des Mannes von Botschafterin Marion Weichelt Krupski, die zuerst am 20. März auf der Internetseite seiner Firma „WAKR Online-Coaching“ veröffentlicht, inzwischen aber auch nachgedruckt wurde, beispielsweise vom vergleichsweise kleinen Schweizer „Urner Wochenblatt“.

    In der Kolumne „Die Zukunft Afrikas zu Gast“ schrieb Waldemar Krupski eindeutig undiplomatisch über das seiner Meinung nach inakzeptable Verhalten von zwei 17-jährigen Gastschülern aus Kamerun, deren zeitweilige Gasteltern das Diplomatenehepaar war. Die beiden Jugendlichen nahmen an einem Basketballturnier in der Schule teil, in der auch die Kinder der Krupskis lernen.

    Die Kolumne beginnt mit dem Foto einer PET-Mineralwasserflasche, die Krupski zum wiederholten Mal im Garten seines Hauses, der Residenz der schweizerischen Botschafterin in Dakar, gefunden hatte und von der er wusste, dass sie von seinen beiden Gastschülern stammte. Warum Krupski das so aufregt, rechnet er in seiner Kolumne vor:

    „Achtlos wurde sie weggeworfen. Genauso achtlos wohl, wie sie gekauft wurde. Sie, die Wasserflasche, 25cl klein. Glaube ich der Aufschrift, handelt es sich um „Eau Mineral Naturelle des Alpes“, wird produziert in Frankreich und kostet hier im Laden 600 CFA. Das entspricht in etwa einem Schweizer Franken. Oder dem Stundenlohn eines schlecht bezahlten Bauarbeiters hier in Dakar.“

    Es geht um mehr als eine weggeworfene Wasserflasche

    Krupski erinnert sich in der Kolumne dann an seinen ersten Eindruck von den zwei 17-Jährigen:

    „Wie zwei wandelnde Werbesäulen sehen sie aus, als sie am Mittwoch spät abends im Schlepptau von unserem Jüngsten bei uns zu Hause eintreffen. In ihrem Auftritt vergleichbar mit unseren Spielern der Fußball-Nati, einfach ohne Tattoos. Und ohne selbst verdientes Geld, nehme ich mal an. T-Shirt: ein Monatslohn unserer Haushälterin. Schuhe: drei Monatslöhne unseres Gärtners. Shorts: ein Monatslohn einer lokal Angestellten. Rucksack: ein halber Jahreslohn eines Bauarbeiters. Manieren? Keine!“

    Waldemar Krupski macht dafür die Eltern verantwortlich: „Wie zum Teufel kann man Anstand und Respekt lernen, wenn die Eltern nicht einmal die Bedeutung dieser Wörter kennen?“ Wie schon erwähnt: Die beiden Jugendlichen stammen aus Kamerun. Und Krupskis Schilderung einer Standpauke an den einen der beiden gleich am Morgen des ersten Tages, dürfte die Regierung des Senegal vermutlich wenig aufgeregt haben.

    Warum man sich im Außenministerium von Dakar angegriffen und in der Ehre verletzt fühlte, wird beim Weiterlesen klar. Denn Krupski erklärt unter anderem, dass keine Privatschule in Dakar überleben könnte, die es wage, Kinder und Jugendliche „lokaler Potentaten“, wie Krupski sich wörtlich ausdrückte, wegen mangelhafter Leistung und Leistungsbereitschaft aus der Schule zu werfen.

    Rassismusvorwürfe wegen Kritik an afrikanischen Eliten?

    In der senegalesischen Presse, die Krupskis Kolumne ins Französische übersetzte und veröffentlichte, hagelte es Kritik und Vorwürfe rassistischen und kolonialistischen Verhaltens des Botschafterin-Ehemannes. In einem Leserbrief der Lehrergewerkschaft des Senegal hieß es kurz und bündig:

    „Afrika lässt sich nicht mehr beschimpfen.“

    Interessanterweise spielt in den Reaktionen des senegalesischen Außenministeriums auf die Krupski-Kolumne Rassismus und Neokolonialismus keine Rolle. Das Außenministerium kritisierte streng ausgerichtet am WÜD, ohne das „R“-Wort einmal zu benutzen, sondern betonte stattdessen ausdrücklich seinen „Willen, mit der Schweizer Regierung die zwischen den beiden Ländern stets bestehenden Beziehungen der Freundschaft und Zusammenarbeit in gegenseitigem Respekt und Vertrauen fortzusetzen.“

    Auch die Lösung dieses Rätsels – also der wahre Grund für die Empörung in Dakar – findet sich vermutlich im Kolumnentext selbst. Denn es gibt eigentlich nur wenig Zweifel daran, dass sich Waldemar Krupski im Senegal so richtig unbeliebt gemacht hat, als er im letzten Absatz seiner Kolumne schilderte, wie der erste Tag des Aufenthaltes seiner beiden Gastschüler zu Ende ging, nachdem er mit der schon erwähnten Standpauke an den einen der zwei begonnen hatte.

    Wurden politische Eliten im Senegal verärgert?

    Krupski beschrieb nämlich, dass er auf dem Heimweg von der Schule etwas erlebte, was seiner Aussage nach relativ häufig in Dakar vorkomme. Er wurde auf den Gehweg gebeten. Dort mussten sie auf eine Autokolonne warten:

    „Irgendein ganz wichtiger Mensch, meist männlich, wird jetzt von zehn BMW-Motorrädern, fünf Lincoln-Limousinen und x PWs, begleitet von blauen und roten heulenden Sirenen, Richtung Regierungspalast hofiert.“

    Als „völlig überflüssig“ bezeichnete Krupski diese Störung. Um dann mit einer weiteren virtuellen Ohrfeige für seine afrikanischen Gastgeber seine Kolumne zu beschließen. Denn er erklärte, dass es ihn traurig mache, dass die beiden Gastschüler aus Kamerun „ein Teil von Afrikas Elite von morgen!“ seien. Es war vermutlich dieser letzte Satz, der die Gemüter im Senegal so richtig in Wallung brachte.

    Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) versucht, die Angelegenheit so gut es geht klein zu halten. Offiziell heißt es aus Bern, dass Waldemar Krupski „in privater Eigenschaft“ geschrieben habe und ansonsten die „hervorragenden bilateralen Beziehungen“ durch „den Vorfall nicht beeinträchtig“ seien.

    Waldemar Krupski will sich derzeit nicht äußern. Seine Frau sowieso nicht. Es ist nicht das erste Schweizer Botschafterehepaar, das dem EDA Schwierigkeiten macht. Vor ihrem Posten in Dakar war Marion Weichelt Krupski Botschafterin in Berlin. Dort sorgten von 1999 bis 2002 die Eheleute Thomas Borer und Shawne Fielding für glänzende Augen bei den deutschen Boulevard-Reportern und für zunehmend genervte Reaktionen im EDA, weil es wegen der exzentrischen Auftritte des Diplomatenpaares beinahe schon zu Daueraussprachen mit dem Auswärtigen Amt in Berlin kam.  

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    Tags:
    Jugendliche, Kinder, Außenministerium, Manieren, Kolumne, Botschafterin, Afrika, Senegal, Schweiz