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    Barack Obama erklärte am 31. August 2010 den Einsatz des US-Militärs im Irak für beendet. Seitdem sind amerikanische Soldaten immer noch in Bagdad, das Land selbst ist gespalten – ethnisch, religiös, kulturell. Welchen Preis hat das irakische Volk für die Demokratiehilfe der Vereinigten Staaten zahlen müssen?

    Die Invasion der US-Armee im Irak begann am 19. März 2003 mit einer vielversprechenden Erklärung von George Bush Junior: „In diesen Stunden beginnen die Koalitionskräfte eine Militäroperation, um den Irak zu entwaffnen, sein Volk zu befreien und die Welt vor einer tödlichen Gefahr zu schützen.“ Keine zwei Stunden später schlugen seegestützte Tomahawks aus dem Persischen Golf auf irakischem Boden ein, während die „Koalition der Willigen“ von Kuwait kommend in die Bodenoffensive ging.

    Für die Vereinigten Staaten war dies eine weitere Wegmarke im Krieg gegen den internationalen Terrorismus nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Kämpfer der Al-Qaida hatten an dem Tag fast 3000 Menschen ermordet; George Bush versprach seinem Volk, die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen. Den „Top-Terroristen“ Osama bin Laden zu ergreifen, war der US-Armee im Afghanistan-Krieg zwar misslungen. Dafür nahmen die Amerikaner Saddam Hussein ins Visier, dem aufgrund geheimdienstlicher (wie sich später herausstellte: manipulierter) Angaben Terrorunterstützung vorgeworfen wurde.

    Die Allgemeinheit wurde lange im Voraus auf den Irak-Feldzug vorbereitet. Dass die „Achse des Bösen“ um ein weiteres Mitglied erweitert worden sei, sagte Bush Jr. erstmals im Januar 2002. Im September drohte er vom Rednerpult in der Generalversammlung der UNO, der Krieg sei unausweichlich, sofern Saddam seine Waffen nicht freiwillig niederlege.

    Bald darauf wurde dem US-Präsidenten eine Kongressresolution vorgelegt, die den Einsatz von Gewalt gegen Bagdad gestattete, derweil der Senat einer für das ganze Jahrzehnt beispiellosen Aufstockung der amerikanischen Rüstungsausgaben zustimmte: um 37,5 Milliarden auf gut 355 Milliarden US-Dollar.

    Im Januar 2003 erklärte Bush Jr., der US-Geheimdienst habe Informationen, wonach Hussein über Massenvernichtungswaffen verfüge, nämlich über Milzbranderreger. Dies war der Startschuss für die „Iraqi Freedom“ genannte Armeeoffensive.

    Überfall im Blitzverfahren

    „Die, die in böser Absicht kommen – die Feinde Gottes, der Heimat und der Menschheit –, haben eine Dummheit begangen und unser Vaterland wie unser Volk überfallen“, verkündete der irakische Rundfunk am Tag 1 der Invasion. Saddam Hussein ergriff bald darauf die Flucht und wandte sich von da an nur noch in Audiobotschaften an sein Volk.

    Die amerikanisch-britische Militärmaschinerie war unvergleichlich stärker als die irakische Armee. Binnen weniger Wochen fielen unter dem Anprall der Koalition die Städte Basra, Karbala, Kirkuk und Mossul. Am 14. April wurde Tikrit erobert, die Heimatstadt des flüchtigen irakischen Herrschers. Die aktive Phase der Operation nahm 26 Tage in Anspruch: schon am 1. Mai 2003 war alles vorbei, womit die lange Okkupation und die Jagd nach Saddam Hussein begann.

    Neun Monate später sah die Welt Aufnahmen eines zerzausten und verwirrten Saddam Hussein, wie er aus einem Versteck unweit von Tikrit herausgezerrt wurde. Was er bei sich hatte, war eine entladene Pistole, die Präsident Bush dann als Siegestrophäe bewahrte, und ein Koffer mit 750.000 US-Dollar. Zwei Jahre nach der Ergreifung wurde der einstige Präsident zum Tod durch den Strang verurteilt. Hussein wurde hingerichtet, aber der Krieg im Irak war damit nicht vorbei. Eine Welle zwischenkonfessioneller Gewalt kam über das Land.

    Das Ergebnis: Ein Schock

    „Der Irak ist ein Flickenteppich, ein Land, das so komplex ist wie kaum ein anderes in der Region“, erklärt Ruslan Mamedow, Programmdirektor beim Russischen Rat für Internationales. „Die USA haben im Irak nicht nur zwischenkonfessionelle Wunden offengelegt, sondern auch Gegensätze zwischen städtischer Zivilisation und dem Stammesleben auf dem Land, in der Wüste. Eins überlagert das andere und das Ergebnis ist ein gescheiterter Staat, der nach der US-Invasion vor Problemen steht, die er aus eigener Kraft nicht mehr bewältigen kann.“

    Nach dem verhältnismäßig ruhigen Jahr 2004 ist der Konflikt zwischen der sunnitischen Minderheit, die zu Husseins Zeiten an der Macht stand, und der schiitischen wie der kurdischen Mehrheit wieder eskaliert. Nach Ablauf eines Jahres fanden im Irak erstmals seit 50 Jahren wieder mehrparteiliche parlamentarische Wahlen statt, wenn auch von Drohungen begleitet, an den Wahllokalen würden Scharfschützen aufgestellt.

    Die Sunniten boykottierten die Wahlen mehrheitlich, dennoch konnte eine Interimsregierung mit dem Auftrag, eine neue Verfassung auszuarbeiten, aufgestellt werden. Trotz Gegensätzen zwischen den Schiiten, Kurden und Sunniten konnte letztlich eine Verfassung angenommen und ein neues Parlament gebildet werden. Doch vor der Gewalt war das Land dadurch nicht wirklich sicher.

    „Die neuen Machthaber sind ihrem Wesen nach amerikanische Statthalter. Ihre Väter und Vorväter hatten in der Zeit der Monarchie bis 1958 wichtige Machtämter inne. Eine Verwurzelung im Volk hatten sich nicht“, erklärt Experte Mamedow die komplizierten Machtverhältnisse im Irak.

    Indes wollten die Sunniten die Macht nicht aus den Händen geben. Das Blutvergießen ging weiter, Menschen starben oder flohen außer Landes. 2007 entsandte Präsident Bush weitere 21.500 US-Soldaten in den Irak und erließ eine neue Strategie, die den Konflikt eindämmen sollte. Doch aus den Absichten wurde nichts. Selbst der sicherste Bereich der irakischen Hauptstadt, die sog. Grüne Zone, wurde unsicher. Es kamen immer mehr Zweifel hervor an der Fähigkeit der USA, die Lage im Irak zu beherrschen.

    Mit der Machtübernahme Barack Obamas in den Vereinigten Staaten wurde ein Truppenabzug aus dem Irak beschlossen. 90.000 Militärangehörige kehrten bis Mitte 2010 in die USA zurück, 50.000 Mann blieben im Irak. Am 31. August 2010 erklärte Präsident Obama die irakische Militäroperation für beendet.

    Die Staatlichkeit und das Sicherheitssystem, die die USA im Irak versucht haben zu errichten, sind nach Ansicht des Experten Mamedow gescheitert: „Diese Strukturen sind weder auf äußere noch auf innere Bedrohungen vorbereitet. Kein Wunder, dass der damalige Präsident Nuri al-Maliki nach dem Ende der amerikanischen Militäroperation einen Kurs zur Stärkung der Zentralmacht einschlug und unliebsame Politiker mit dem Terrorismusvorwurf verfolgte. Mit dem Abzug der USA gab es nichts mehr, was ihn hätte aufhalten können, weshalb die Sunniten als Teil des irakischen Volkes letztlich an den Rand der Gesellschaft abgedrängt wurden.“

    Die größte Fehlkalkulation der US-Regierung waren jedoch laut dem Experten die sunnitischen Kämpfer, die zunächst an der Seite der Amerikaner kämpften:

    „Die jungen Männer standen plötzlich mit der Waffe unterm Arm, aber ohne Sold und Führung da. Man hat es versäumt, sie in das kollektive Sicherheitssystem einzubinden.“

    Es sei die prekäre Lage dieser sunnitischen Männer gewesen, die dem radikalen Gedankengut zur Verbreitung verhalf: „2014 kam für uns alle der Schock: Der Islamische Staat* eroberte den Nordwesten des Iraks, und die irakische Führung verlor die Kontrolle über die Hälfte des Landesgebiets“, sagt Mamedow. „Letztlich gelang es dem Irak, den IS niederzuschlagen, aber auch wieder durch die Rückkehr der Amerikaner. Dennoch wäre es eine große Übertreibung, die amerikanische Irak-Operation als erfolgreich zu bezeichnen.“

    Es ist bis heute nicht abschließend geklärt, wie viele Iraker in dem Krieg starben. Bis zu 300.000, sagen amerikanische Medien. Die WHO spricht von 150.000 bis 223.000 Todesopfern allein in den ersten drei Jahren der Invasion. Es gibt auch Schätzungen von bis zu 700.000 Toten. Unvergleichlich kleinere Verluste erlitten die Amerikaner: 4.500 tote und 30.000 verwundete Soldaten von insgesamt rund eineinhalb Millionen US-Bürgern, die im Irak-Krieg dienten.

    Die amerikanischen Steuerzahler kostete die Invasion mehr als zwei Billionen Dollar einschließlich aller Zahlungen an die Kriegsveteranen und ihre Hinterbliebenen. Das Ergebnis ist jedoch weder zufriedenstellend noch eindeutig, erklärt Amerika-Expertin Viktoria Schurawlewa von der Russischen Akademie der Wissenschaften: „Zwar wurden bei Saddam Hussein weder Massenvernichtungswaffen gefunden noch konnten ihm Verbindungen zur Al-Qaida nachgewiesen werden, dennoch ist die Einstellung der Republikaner zum Irak-Krieg eine klare: Die Kriegsentscheidung sei als Vergeltung und Abschreckung für die Zukunft richtig gewesen.“

    Die amerikanische Gesellschaft jenseits der Republikaner werte die Invasion allerdings eher als überflüssig oder zumindest übermäßig. Zumal man inzwischen aus Memoiren wisse, dass Bush die Entscheidung unter enormem Druck getroffen habe, sagt die Expertin: „Es gibt natürlich auch solche, die an den USA als Großmacht festhalten wollen und glauben, dass die Vereinigten Staaten überall ihren Führungsanspruch durchsetzen müssten. Aber wenn amerikanische Kriege plötzlich länger dauern als erwartet und die Verluste steigen, dann kippt die Stimmung ins Negative.

    Trotz der Versprechen Obamas und Trumps bleiben amerikanische Truppen in Bagdad. Der Irak ist für Washington zu wichtig, auch als Pfand im amerikanisch-iranischen Konflikt. Die US-Regierung hält sich den Irak als Hintertür offen.

    * Terrororganisation, in Deutschland und Russland verboten.

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    Tags:
    Truppenabzug, Barack Obama, USA, Irak-Krieg