12:55 28 Oktober 2020
SNA Radio
    Аusland
    Zum Kurzlink
    Von
    18737
    Abonnieren

    Es sei eine sehr dunkle Stunde der Debattengeschichte gewesen, was US-Präsident Donald Trump und sein Herausforderer Joe Biden bei ihrem ersten TV-Duell abgeliefert hätten, sagt USA-Experte Dr. Martin Thunert. Beide Kontrahenten seien auf Krawall gebürstet gewesen, mit Inhalten habe keiner von beiden überzeugt.

    Fünf Wochen vor der anstehenden Präsidentschaftswahl sind in den USA in der Nacht zum Mittwoch Amtsinhaber Donald Trump und sein demokratischer Herausforderer Joe Biden zum ersten Mal bei einem TV-Duell aufeinandergetroffen. Martin Thunert vom Heidelberg Center for American Studies hat die Debatte verfolgt und kommt in seiner Analyse zu einem ähnlich vernichtenden Ergebnis wie die meisten Beobachter dies- und jenseits des Atlantiks.

    „Wir wurden in der Nacht deutscher Zeit und am Abend US-Zeit nicht Zeugen einer einigermaßen zivilisierten Debatte über Politikinhalte zwischen Präsident Trump und seinem Herausforderer Joe Biden, sondern sahen im Grunde zwei raufende Pennäler – die dem Schüleralter allerdings deutlich entwachsen waren. Der den Schulhof beaufsichtigende Lehrer war sichtlich überfordert“, so Thunert. 

    Beide Kontrahenten seien auf Krawall gebürstet  gewesen, der Präsident, da er seinem Herausforderer ständig ins Wort gefallen sei und sich früh mit dem sichtlich überforderten Moderator Chris Wallace angelegt habe, Biden, indem er den Präsidenten einen Idioten und einen Clown sowie Putins Schoßhündchen genannt und ihm die Toten der Corona-Pandemie und den Einbruch der Wirtschaft angelastet habe.

    Da der Herausforderer Biden seit Monaten in nahezu allen Umfragen führe, sei dieses Mal Amtsinhaber Trump als Underdog ins Rennen gegangen.

    „Das strategische Ziel Donald Trumps hätte darin bestehen müssen, die Debatte dazu zu nutzen, den Wahlkampf von einem Referendum über seine Regierungsbilanz wegzurücken und zumindest teilweise zu einer Abstimmung über die Eignung des Herausforderers Joe Biden für das Präsidentenamt zu machen. Das ist Trump allenfalls teilweise gelungen, da er einfach nur wild um sich schlug, statt seine Attacken auf Biden zielgerichteter und dosierter, dafür aber umso wirkungsvoller und punktgenauer einzusetzen. Trumps beste Momente kamen zu Beginn, als er die Richternominierung für den Supreme Court rechtfertigte.“

    Biden wiederum habe zeigen müssen, dass er den Attacken des Präsidenten standhalten könne, ohne die Fassung zu verlieren. Das sei ihm zwar größtenteils gelungen, aber um den Preis, dass er sich von nahezu allen Politikinhalten der progressiven und linken Parteibasis der Demokraten – vom Green New Deal über die Haushaltskürzungen bei den Polizeikräften bis zu einer staatlichen Krankenversicherung – habe distanzieren müssen. „Dass er erklärte, er, nicht Bernie Sanders, sei die Demokratische Partei, dürfte den Enthusiasmus des progressiven Parteiflügels, insbesondere der jungen Aktivist*innen für Biden nicht gerade gestärkt haben.“

    Nach Meinung des Amerika-Experten scheint  Trump weniger auf unentschlossene Wähler abzuzielen als auf die Generalmobilmachung seiner Basis. Das sei eine hochriskante Strategie, die ins Auge gehen könne, so Thunert. Trumps brachialer Stil könne zahlreiche gemäßigte weiße Wähler von ihm und den Republikanern entfremden, daher dürfte selbst ein knapper Sieg sehr schwer zu erreichen sein.

    „Doch Trump vertraut darauf, dass eine Strategie, die 2016 wider alle Expertenmeinungen funktionierte, 2020 nicht falsch sein kann. Biden wiederum möchte seine Führung in den Umfragen irgendwie ins Ziel retten und forderte die Wähler explizit dazu auf, schon jetzt und nicht erst am Ende des Wahlkampfs Anfang November per Brief abzustimmen, oder dort, wo es zulässig ist, ihre Stimme schon früh abzugeben. Ob er seiner Kampagne damit mehr Energie und mehr Enthusiasmus verleiht, scheint zweifelhaft, aber er ist wohl überzeugt, es reicht auch ohne Begeisterung, da es nicht um ihn geht, sondern um ein Referendum über Donald Trump. Auch diese Strategie ist nicht ohne Risiko.“

    Die durchaus vorhandenen jungen politischen Talente in beiden Lagern seien bisher leider nicht zum Zuge gekommen, denn die Wähler hätten anders votiert.

    „Das Resultat dieser Auswahl haben wir gestern betrachten können. Trump begeistert nur eingeschworene Fans, Biden wird von Trump-Gegnern als das kleinere Übel wahrgenommen, niemand begeistert sich für ihn. Diese Konstellation führte zu der gestrigen Peinlichkeit. Es dürfte schwer werden, dass Debattenniveau von gestern noch zu unterbieten“, bilanziert der Politologe.

     Vermutlich werde das Interesse an den beiden weiteren Debatten zwischen Trump und Biden in den USA abnehmen, falls sie überhaupt noch stattfänden. Das Format der Kandidatendebatten im Fernsehen sei vor 60 Jahren zwischen John F. Kennedy und Richard Nixon zum ersten Mal aufgelegt worden.

    „Vielleicht haben wir gestern gesehen, dass sich dieses Format überlebt hat, denn auch der Moderator machte keine gute Figur. Wir haben gestern eine sehr dunkle Stunde in der Geschichte der Präsidentschaftskandidatendebatten erlebt.“

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren

    Zum Thema:

    „Charlie Hebdo“ zeigt Erdogan-Karikatur als Titelbild – Kritik aus Türkei
    MdB Hansjörg Müller (AfD) zum Fall Nawalny: Die deutsche Seite will nicht kooperieren
    Bund will im November massive Beschränkungen für Freizeit und Reisen – Medien
    Tags:
    TV-Duell, Präsidentschaftswahlen, USA, Joe Biden, Donald Trump