07:56 27 Oktober 2020
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    Am Gedenktag des Untergangs der Ostseefähre „Estonia“ hat der estnische Premier Jüri Ratas auf einer eigens einberufenen Pressekonferenz über die Notwendigkeit gesprochen, eine neue Untersuchung des Schiffsunglücks, das sich vor mehr als einem Vierteljahrhundert ereignete, aufzunehmen.

    Der Anlass für die plötzliche Erklärung des estnischen Regierungschefs war der Dokumentarfilm „Estland: Ein Fund, der alles verändert“, der am selben Tag im TV-Sender „Discovery“ zum Streamen freigegeben wurde. Bei dem Fund handelt es sich um ein rund vier Meter langes und 1,2 Meter breites Leck im Schiffsrumpf. Entsprechende Unterwasser-Aufnahmen wurden in dem Film gezeigt.

    Diese Neuigkeit sorgte für großen Wirbel, weil in dem offiziellen Bericht der 2009 endgültig abgeschlossenen Untersuchung dieser Schaden keineswegs erwähnt wurde.

    Um zu verstehen, wie das überhaupt möglich war, sollte man sich an die wichtigsten Fakten dieses Falles erinnern.

    Die Fähre „Estonia“ sank am 28. September 1994 auf ihrer Fahrt von Tallinn nach Stockholm im finnischen Verantwortungsbereich für die Suche und Rettung auf hoher See. Von den 989 an Bord befindlichen Menschen überlebten 137. Es wurden nur 94 Leichname gefunden, weshalb 852 Menschen als gestorben bzw. als vermisst gelten. Dieser Vorfall gilt als schwerstes Schiffsunglück in der Ostsee in Friedenszeiten.

    Bugvisier von M/S Estonia
    © AFP 2020 / JAAKKO AVIKAINEN
    Bugvisier von M/S Estonia

    Nachdem sich die Ermittlungen zu dem Unglück über Jahre hingezogen hatten, kam die Untersuchungskommission zu dem Schluss, dass die Ursache des Untergangs das gebrochene Bugvisier und ein starker Sturm war. Schweden, Estland und Finnland ratifizierten ein Bannmeilen-Abkommen, das ein Sperrgebiet um das Wrack der „Estonia“ festlegte - weltweit der einzige Fall dieser Art. Zudem wollten die Schweden das gesamte Wrack in einen Beton-Sarkophag einschließen lassen. Allerdings scheiterte dieser Vorstoß der Schweden. Über die “Estonia” wurden Tausende Tonnen Geröll geschüttet.

    Allerdings hinderte das den Dokumentarfilmer Henrik Evertson nicht daran, den schrecklichen Untergang nochmals genauer unter die Lupe zu nehmen - vor einem Jahr brachte er einen Tauchroboter zum Wrack und machte Aufnahmen, die nun eine Sensation wurden. Laut den in dem Dokumentarfilm befragten Experten hätte ein solches Loch am Schiffsrumpf nicht durch eine Explosion an Bord verursacht werden können. Der norwegische Professor für Meerestechnologie Jorgen Amadal sagte, dieser Schaden könnte durch einen äußeren Schlag mit einer Stärke von 500 bis 600 Tonnen entstanden sein.  

    Der ehemalige Chef der estnischen Untersuchungskommission, Margus Kurm, vermutet, dass die Ursache des Untergangs ein Zusammenstoß mit einem U-Boot gewesen sein kann. Mit einem schwedischen U-Boot. In diesem Gebiet fanden damals übrigens tatsächlich Nato-Militärmanöver statt.

    Nun müssen die Behörden der drei Länder, vor allem aber Schwedens, Antworten auf äußerst unangenehme Fragen vorbereiten. Warum gab es bislang keine Kenntnis von dem riesigen Leck?

    Die Schäden befinden sich am Rumpfteil, der auch 1994 zu sehen war. Das heißt, dass die Fähre damals überhaupt nicht untersucht wurde, oder das Leck wurde entdeckt, darüber aber nicht berichtet, so Kurm.

    Dabei bringen die politischen Maßnahmen wie das einmalige Bannmeilen-Abkommen und das Zuschütten des Wracks (besonders der am stärksten betroffenen rechten Seite) auf den Gedanken, dass bei den Ermittlungen nicht nachlässig gehandelt wurde, sondern eine Verschwörung auf höchster Staatsebene stattfand, um die wahren Gründe des Unglücks zu verheimlichen.

    Estonia-Gedenkstätte in Tallin
    © AFP 2020 / RAIGO PAJULA
    Estonia-Gedenkstätte in Tallin

    Ein wichtiger Umstand: 26 Jahre nach der Katastrophe sind zwar eine ziemlich lange, jedoch nicht unglaublich lange Zeit. Bis heute sind viele Überlebende und enge Verwandte der Opfer am Leben - ebenso viele Staatsbeamte, die an den damaligen Ereignissen unmittelbar beteiligt waren. Der damalige Premier Schwedens war Carl Bildt. Er ist eigentlich in der Welt eher als ehemaliger Außenminister Schwedens von 2006 bis 2014 und Russlandhasser bekannt. Er verließ zwar seinen Posten als Ministerpräsident Anfang Oktober 1994 infolge einer Niederlage bei den Wahlen Mitte September. Doch es wäre interessant, nun seine Kommentare über die ersten Tage nach dem Unglück zu hören.

    Doch Bildt und sein damaliger Nachfolger Ingvar Carlsson weigerten sich bereits, mit der Presse über dieses heikle Thema zu sprechen.

    Das Heikle ist nun, ob an die früheren und amtierenden schwedischen Regierenden unbequeme Fragen gestellt werden, die sie beantworten müssen, oder interessierte Kräfte in Schweden es erneut schaffen werden, wieder zu vertuschen, wie sie das früher schon taten.

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    Tags:
    Finnland, Schiffsunglück, Estland, Schweden