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    Ein siegreicher Krieg in Bergkarabach zwischen Armenien und Aserbaidschan ist aufgrund der begrenzten Ressourcen auf beiden Seiten unmöglich, Kompromissbereitschaft sei bei den Parteien allerdings keine vorhanden. Der Kaukasus-Experte Stanislaw Pritschin hat in einem Sputnik-Interview die Wurzeln des Konfliktes analysiert.

    „Der Südkaukasus war lange Zeit eine Arena für die Konfrontation zwischen mehreren Reichen – dem Persischen, dem Ottomanischen, dem Russischen  – alle Prozesse in den Regionen waren von ernsthaften Migrationsströmen begleitet. Daher ist es heute sehr schwer zu sagen, wer seit Jahrhunderten wo gelebt hat, wo wessen Land ist. Das Hauptmerkmal ist jedoch, dass die gegenwärtigen Staaten des Südkaukasus während der Sowjetzeiten gebildet wurden. Sie spiegeln eher eine politische als eine ethnische Konfiguration wider“, erklärte Stanislaw Pritschin, leitender Forscher des Zentrums für wissenschaftliche Forschung des postsowjetischen Raumes am Institut für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen.

    Wie der Experte darlegte, sei das ein Kernpunkt des Konzepts des Sowjetstaates gewesen. Der Wohnsitz der verschiedenen ethnischen Gruppen sei bewusst aufgeteilt worden, damit  es in dem großen Land keine ethnischen Formationen geben würde. Es sei notwendig gewesen, ein internationales Umfeld zu schaffen, damit man der Präsenz verschiedener Völker in der Verwaltung der Gebiete der Sowjetunion demokratischer und toleranter begegne. „Die Aufgabe bestand darin, eine staatliche Identität aufzubauen, keine ethnische. Mit der Anwesenheit eines sowjetischen Vermittlers, der mit Hilfe von Ideologie, dem Bündnissystem und der Beteiligung aller Parteien am Dialog und an der Verwaltung agierte, war es möglich, die Schwierigkeiten und Widersprüche zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen auszugleichen.“

    Nach dem Zusammenbruch der UdSSR (1991) änderte sich die Situation deutlich. Bergkarabach erlangte innerhalb des sowjetischen Aserbaidschans Autonomie, wurde aber hauptsächlich von Armeniern bevölkert. Als die „Parade der Souveränitäten“ begann, wollten die Armenier nicht mehr auf dem Territorium Aserbaidschans leben. Es begann eine Bewegung für die Abspaltung der Region Bergkarabach von Aserbaidschan, die den Beginn des Karabach-Krieges darstellte. Der Krieg endete 1994 mit einem Waffenstillstand. Im postsowjetischen Raum stellt das Thema allerdings nach wie vor einen Spannungspunkt dar – es ist ein nach wie vor ungelöster gordischer Knoten.

    „Schon 30 Jahre lang ist es nicht möglich, eine Formel zu finden, wie beide Seiten koexistieren können. 2007 wurden auf einem Treffen der OSZE-Mitgliedstaaten in Spanien die Madrider Grundsätze vorgeschlagen. Egal wie fantastisch sie heute aussehen, sie sind wahrscheinlich das realistischste und möglichste Szenario für die Existenz von Armenien und Aserbaidschan, weil niemand den Krieg zu einem siegreichen Ende führen wird – das ist aufgrund der begrenzten Ressourcen auf beiden Seiten unmöglich. Da die Parteien nicht bereit sind, Kompromisse einzugehen (Karabach kann nur uns gehören!), ist es sehr schwierig, eine stabile Formel zu finden“, betont der Experte.

    Die Madrider Grundsätze sehen die Entmilitarisierung der Region, die Einführung von Friedenstruppen, die Rückgabe des Territoriums in der Umgebung Bergkarabachs an Aserbaidschan und die Lösung des Problems des Status von Karabach durch ein Referendum vor. Zu entscheiden sei, ob es in einer Konföderation mit Aserbaidschan oder unabhängig sein wird.

    Russland könne eine Schlüsselrolle bei der Versöhnung der Konfliktparteien in Bergkarabach spielen, so der Professor für Politikwissenschaften Alexander Gusew gegenüber Sputnik. „Das ist ein Konfliktherd nahe der südlichen Grenze Russlands, was Russland nicht braucht. Für Russland ist es sehr wichtig, sich in den Verhandlungsprozess einzubringen, und es scheint mir, dass viel von der russischen Führung abhängt. Es ist noch keine Frage der Versöhnung der Parteien – der Frieden ist noch weit entfernt. Aber ein kalter Frieden ist besser als ein heißer Krieg.“

    Russland, die Türkei, die Vereinigten Staaten und Frankreich können die Parteien davon überzeugen, das Feuer einzustellen, meint Dmitri Schurawlew, Direktor des Instituts für regionale Probleme. „Die armenische Seite ist, wie aus ihren Aussagen hervorgeht, jetzt bereit, das zu tun. Es scheint, dass die aserbaidschanische Seite jetzt auch versteht, was die Beobachter verstehen: Ein militärischer Sieg ist unmöglich. Wenn sich beide Seiten dessen bewusst sind, wird es mit Unterstützung internationaler Strukturen möglich sein, einen Waffenstillstand zu erreichen “, stellte der Experte im Sputnik-Gespräch fest.

    Zwischen Armenien und Aserbaidschan kam es am 27. September zu schweren militärischen Auseinandersetzungen, die seitdem andauern. Auf beiden Seiten gibt es inzwischen Tote und Verletzte zu beklagen. Baku und Jerewan machen sich gegenseitig für die Verschärfung der Lage verantwortlich. Armenien rief wegen der Zuspitzung den Kriegszustand und eine allgemeine Mobilmachung aus. Das aserbaidschanische Parlament beschloss ebenfalls, in einigen Städten und Regionen das Kriegsrecht auszurufen.

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    Tags:
    Armenien, Aserbaidschan, Bergkarabach-Konflikt