10:44 02 Dezember 2020
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    Im November 1989 sind nicht nur in der DDR unglaubliche Ereignisse passiert. Auch für den afrikanischen Süden war dies ein Schicksalsmonat. Damals war der frühere DDR-Diplomat Hans-Georg Schleicher in Namibia und verfolgte dort die ersten freien Wahlen und den Mauerfall. Im Sputnik-Interview spricht er über sein neues Buch.

    Die Deutsche Demokratische Republik (DDR) und der afrikanische Kontinent haben auf dem ersten Blick nur wenig miteinander zu tun. Dieser Eindruck ändert sich bei der Lektüre des Buches „Doppelte Zeitenwende: Der Süden Afrikas und Deutschlands Osten“, jüngst erschienen im Hause „WeltTrends“. Verfasst hat es der frühere DDR-Diplomat Hans-Georg Schleicher, basierend auf seiner eigenen, langjährigen Erfahrung als Botschafter in Staaten des südlichen Afrikas.

    „Ich habe die dramatischen Jahre 1989/90 vor 30 Jahren aus einer besonderen Perspektive erlebt“, sagte Schleicher im Interview mit Sputniknews.

    „Damals im südlichen Afrika, wo mit der Unabhängigkeit Namibias 1990 das Zeitalter des Kolonialismus seinen Abschluss fand und in Südafrika die Apartheid überwunden wurde. Das waren historische Entwicklungsprozesse, die mich persönlich sehr bewegt haben. Gleichzeitig vollzogen sich dramatische Entwicklungen der DDR, von denen ich auch unmittelbar betroffen war. Die damals stürmischen Entwicklungen in der DDR haben wir zumeist aus der Ferne verfolgt.“

    DDR-Botschafter in Simbabwe

    Nach seinem Studium der Geschichte und Geografie mit dem Schwerpunkt Afrika an der Martin-Luther-Universität in Halle (Saale) war er im Jahre „1969 in den diplomatischen Dienst der DDR eingetreten. Dort war ich über zwei Jahrzehnte mit dem afrikanischen Kontinent befasst. Auch vor Ort in Afrika selbst und bei den Vereinten Nationen in New York. Afrika und seine Menschen lagen mir schon immer sehr am Herzen.“

    Von 1983 bis 1988 war er als Botschafter der DDR in Simbabwe und darauffolgend als Leiter der Beobachtermission in Namibia tätig. Danach betrieb er zeitgeschichtliche Forschungen zur deutschen Afrikapolitik und zum südlichen Afrika. Mehrfach beobachtete er Wahlen in Afrika für die Vereinten Nationen (Uno) und die Europäische Union (EU).

    Frühere deutsche Kolonie Namibia

    Das im Südwesten Afrikas gelegene Land Namibia wurde 1884 zum „Schutzgebiet“ des Deutschen Reichs erklärt und fortan unter der Bezeichnung Deutsch-Südwestafrika als Kolonie geführt. Während des Ersten Weltkrieges besetzten Truppen aus Südafrika das Gebiet und nach Kriegsende wurde es durch Beschluss des Völkerbundes der früheren „Südafrikanischen Union“ als Mandatsgebiet zugeteilt. In den folgenden Jahrzehnten entbrannte auf namibischer Seite ein Befreiungskampf um staatliche Unabhängigkeit, letztlich ein Guerilla-Krieg. Der militärische Arm der „Südwestafrikanischen Volksorganisation“ (Swapo) wehrte sich gegen die südafrikanische Besatzungsmacht.

    Die Swapo begann als marxistisch-sozialistische Befreiungsbewegung, erhielt daher auch Unterstützung durch sozialistische Staaten wie die DDR und die Sowjetunion. Militär-Experten sprechen von einem asymmetrischen Krieg zwischen Swapo-Angehörigen und den südafrikanischen Streitkräften, der damals auch Nachbarland Angelo betraf. Nachdem es – auch dank Vermittlungen durch die Uno – 1988 zu einem Waffenstillstand gekommen war, fanden schließlich vom siebten bis elften November 1989 die ersten freien Wahlen in Namibia statt. Der frühere DDR-Diplomat Schleicher erlebte diese hautnah mit.

    Schicksalsjahr 1989 – für Namibia und die DDR

    „Namibia befand sich nach langer deutscher, und später südafrikanischer Kolonialherrschaft, nach einem anhaltenden Befreiungskampf ab 1989 auf dem Weg zu Selbstbestimmung und staatlicher Unabhängigkeit“, erinnerte der ehemalige DDR-Diplomat und Autor.

    „Ich habe dort noch das alte Regime mit Rassismus und südafrikanischer Dominanz erlebt. Neben der Befreiungsbewegung Swapo, die ich bereits aus dem Exil kannte, habe ich Namibia verschiedene andere politische Kräfte getroffen, die sich teilweise auch in ihrer ethnischen Herkunft orientierten. So erlebte ich gleichzeitig die kulturelle Vielfalt, aber auch die sozioökonomischen Verwerfungen in einem Land, das zu den Ländern der Welt mit den gravierendsten Einkommensunterschieden gehörte“.

    „Zeitlich parallel zu den Ereignissen in Namibia haben sich 89/90 diese Entwicklungen in meiner Heimat, der DDR, vollzogen. Beispielsweise als wir in Windhoek die Wahlen in Vorbereitung auf die Unabhängigkeit Namibias verfolgten, wurde in Berlin die Mauer geöffnet. Einige Monate später, im März 1990, genau drei Tage nach den entscheidenden Wahlen in der DDR, wurde Namibia als letzter afrikanischer Staat unabhängig.“

    Bis heute ging die Swapo aus allen demokratischen Wahlen als stärkste politische Kraft hervor und stellte bisher alle Regierungen Namibias.

    Warum DDR und Sowjetunion afrikanische Befreiungsbewegungen unterstützten

    „Im südlichen Afrika hatten die UdSSR und die DDR über Jahrzehnte hinweg die Befreiungsbewegungen im Kampf gegen Kolonialismus und Rassismus unterstützt und gehörten zu deren wichtigsten Verbündeten“, blickte der frühere Botschafter zurück.

    Die Sowjetunion hatte ein hohes Ansehen in diesen Bewegungen und der Bevölkerung genossen. Als dann in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre im Zuge eines neuen Denkens in der UdSSR einzelne Stimmen auch auf Kontakte zum offiziellen Südafrika orientierten, gab es in Kreisen der Befreiungsbewegungen Kritik.“ Demnach ging damals die Sorge darum, dass diese von den wichtigen sowjetischen Verbündeten „im Stich gelassen“ würden. „Wir selbst haben damals unsererseits beispielsweise sehr dezidiert darauf geachtet, dass wir unsere anhaltende Bündnistreue gegenüber den Befreiungsbewegungen betont haben. Als dann das Ende der Sowjetunion kam, wurde das von deren Freunden im südlichen Afrika mit großer Sorge verfolgt.“

    Ost-Berlin und „die DDR hatte besonders in den 70er Jahren eine aktive, ja teils sogar überdimensionierte Afrika-Politik betrieben. Ein Schwerpunkt war die Unterstützung des Befreiungskampfes besonders im südlichen Afrika, wo die DDR neben der UdSSR und Kuba wohl der wichtigste Partner der Befreiungsbewegungen war. In Namibia hatte die DDR zudem die Bemühungen der Uno, das Land kontrolliert zur Unabhängigkeit zu führen, aktiv unterstützt und sich an diesem Unabhängigkeitsprozess beteiligt.“

    Autor und ex-Diplomat Schleicher betrachtete anschließend die Gegenwart:

    „Ganz offensichtlich wird Russland mit seiner aktiven Außenpolitik, grade auch gegenüber Afrika, dort als wichtiger internationaler Faktor und als interessanter bilateraler Partner wahrgenommen.“

    Kooperation von Botschaftsmitarbeitern der DDR und BRD in Afrika

    „Die konkrete Arbeit der beiden deutschen diplomatischen Missionen in Windhoek sei ohne jeden Vorbehalt kooperativ gewesen“, schreibt Schleicher in seinem Buch.

    „Bereits vor der Ankunft von Harald Ganns als Botschafter in Nambia hatte ich gute Beziehungen zum stellvertretenden westdeutschen Missionschef Wolfgang Ringe. Namibia wurde damals regelrecht überschwemmt von Delegationen aus der Bundesrepublik – Politiker, Wissenschaftler, Wirtschaftsvertreter. Manche von ihnen kamen auch zu mir – vor allem wohl, weil wir beste Beziehungen zur Swapo hatten. Natürlich wollte man dann auch unsere Meinung zur Situation in der DDR wissen.“

    Im Sputnik-Gespräch schilderte er dazu weitere Details:

    „Das war eine der Erfahrungen meines letzten diplomatischen Einsatzes. Ich war einigermaßen überrascht. Die zitierte Aussage stammt aus einer Publikation des deutschen Ministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Sie bestätigt eigentlich meine eigenen Erfahrungen, dass es bereits 1989/90 in diesem Unabhängigkeitsprozess Namibias – und zwar ganz konkret dort – in Windhoek eine zum Teil erstaunliche Kooperation zwischen den Vertretern der beiden deutschen Staaten gab.“

    Das alte und das neue Südafrika

    In Südafrika, frühere britische Kolonie, herrschte bis 1994 das Apartheidsregime: Ein rassistisches Herrschaftssystem, das Weiße begünstigte und Schwarze stigmatisierte und benachteiligte. Ein System der Rassentrennung, das erst nach Ereignissen, die zu einer Phase der Verständigung führte, beendet wurde.

    Dabei spielte Nelson Mandela, der erste schwarze Präsident des Landes, eine entscheidende Rolle. Er hatte bereits in den 60er Jahren begonnen, den Afrikanischen Nationalkongress (ANC) aufzubauen. Damit verbunden auch bewaffneter und paramilitärischer Widerstand gegen das Unrechtssystem. Schließlich stürzte das Regime unter immer lauter werdenden Protesten der schwarzen Bevölkerung, Uno-Mitglieder erließen eine Konvention zur Ahndung der Verbrechen der Apartheid. Bei einem Referendum im März 1992 sprachen sich über 68 Prozent der weißen Südafrikaner für die Abschaffung der Rassentrennungspolitik aus, der Weg in die neue Zeit war geebnet.

    Die Konfliktlinien in Südafrika verliefen laut ex-DDR-Diplomat Schleicher nicht nur – wie damals von vielen Medien häufig dargestellt – zwischen der dortigen schwarzen und weißen Bevölkerung, sondern waren komplexer aufgestellt.

    „Solidarität der DDR bleibt dort unvergessen“

    „Dabei spielten auch sozioökonomische und politische Gründe eine Rolle. Nur mit einem solchen differenzierten Herangehen konnten schließlich in Südafrika eben auch die Verhandlungslösungen erzielt werden“, stellte er im Sputnik-Gespräch klar.

    Viele Politiker des neuen Südafrikas und des unabhängigen Namibias kannte ich bereits aus deren Exil. Darunter befanden sich beeindruckende Persönlichkeiten, spätere Präsidenten und Minister. Bei ihnen blieb die Solidarität der DDR unvergessen, auch bei meinen persönlichen Kontakten. In diesem Buch, das von solchen Begegnungen lebt, gehe ich darauf zum Teil detailliert ein. Nelson Mandela habe auch ich natürlich erst nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis erlebt. Als eine außergewöhnliche Persönlichkeit, mit der Fähigkeit Gräben zu überwinden und Aussöhnung glaubhaft zu machen. Ich war dabei als er 1994 den Wahlsieg seiner Partei verkündete und war an diesem Abend zutiefst beeindruckt von seiner menschlichen Größe und gleichzeitig Bescheidenheit, in dieser historischen Stunde, die von einer weltpolitischen Dimension war.“

    Als Schlussfolgerung „haben wir zunächst die Lösung dringlicher Entwicklungsprobleme für Afrika in den Vordergrund gestellt, die auch durch eine systemübergreifende Zusammenarbeit zwischen Ost und West angestrebt werden sollte“, so Schleicher in seinem Buch. „Eine aktive Afrikapolitik der DDR sollte die Beziehungen zu afrikanischen Staaten weitgehend unabhängig von deren ideologischer Orientierung gestalten.“

    „Mitgliedschaft Südafrikas in BRICS ist Ausdruck neuer Politik“

    Lange Zeit war „Südafrika unter dem Apartheidsregime international ein Paria-Staat gewesen“, analysierte er im Sputnik-Gespräch, eine ausgestoßene Nation. Das Land war über Jahrzehnte „regional und international ein ausgesprochener Konfliktherd. Als solcher war Südafrika auch immer wieder ein Problemfall bei den Vereinten Nationen und im Uno-Sicherheitsrat. Ich war beispielsweise in einem speziellen Komitee des Weltsicherheitsrates zur Kontrolle des Waffen-Embargos gegen Südafrika tätig. Wenn wir nun das Land heute nach der Zeitenwende sehen, ist Südafrika nicht nur international geachtet, sondern auch ein Sprecher Afrikas und ein wichtiger Vertreter der Dritten Welt. Ausdruck dessen ist auch die Mitgliedschaft in der BRICS.“ Ein multilateraler Zusammenschluss aufstrebender Weltmächte, bestehend aus Russland, China, Brasilien, Indien und Pretoria.

    Südafrika verfolge heute eine aktive und konstruktive Außenpolitik, auch bei der Lösung regionaler Konflikten. „Und das als ein Land, das vor Jahrzehnten eben immer Ausgangspunkt von Konflikten war.“

    „Unvergessene Erinnerungen“ an Namibia und Südafrika

    „Ich hatte in meiner Arbeit und persönlich über Jahrzehnte den langanhaltenden Befreiungskampf im südlichen Afrika solidarisch unterstützt. Dessen Ende lange nicht absehbar schien. Das hatte ich auch bei Freunden gespürt, mit denen ich ein enges, persönliches Verhältnis hatte.“

    Das Ende der Apartheid in Südafrika und die ersten freien Wahlen in Namibia 1989 habe Schleicher schließlich als Diplomat sowie „langjähriger Freund und Historiker“ erlebt. Für ihn waren das „echte emotionale Höhepunkte sowie unvergessene Erinnerungen“.

    „Ich erinnere mich an ein gutes, kollegiales, oft freundschaftliches Verhältnis innerhalb unserer DDR-Auslandsvertretung, auch zu den Kollegen im Außenministerium“, erklärte Schleicher mit Blick auf Namibia, wo er viele Jahre lang im diplomatischen Einsatz war. „Aus dieser Zeit haben sich auch Freundschaften erhalten. Wie bei anderen Einsätzen war das Verhältnis zu den westdeutschen Kollegen vor Ort meist korrekt, und – wenn man persönlich miteinander konnte – durchaus auch freundlich.“

    So habe ihm ein westdeutscher Kollege in Windhoek beispielsweise wiederholt Besuch geschickt, den er aus der Bundesrepublik hatte, um sie mit seiner Sicht auf die Dinge, mit seinen Erfahrungen mit der Swapo, zu konfrontieren. „Jahre später habe ich dann mit dem ersten gesamtdeutschen Botschafter in Namibia auf verschiedenen Veranstaltungen über die Afrika-Politik beider deutscher Staaten debattiert und diskutiert.“

    „Berlin sollte Afrika-Außenpolitik stets im Blick haben“

    Die Bundesrepublik Deutschland betone „zu Recht“ die Bedeutung Afrikas für die eigene Außenpolitik, sagte Schleicher abschließend. „Wobei häufig die Migrationsproblematik im Vordergrund steht“, ordnete er ein. „Wichtig ist, dass mit den afrikanischen Partnern auf Augenhöhe gesprochen wird. Zu Namibia gibt es eine besondere Beziehung aufgrund der kolonialen Geschichte vor über 100 Jahren, bei deren Aufarbeitung noch einiges zu tun bleibt.“

    Hans-Georg Schleicher: „Doppelte Zeitenwende: Der Süden Afrikas und Deutschlands Osten“, WeltTrends, Potsdam, 1. Auflage, August 2020, 227 Seiten, 19,85 Euro, ISBN 978-3-947802-53-1. Das Buch ist im Handel erhältlich.

    Das Radio-Interview mit Dr. Hans-Georg Schleicher zum Nachhören:

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    Tags:
    Wiedervereinigung Deutschlands in 1989, Afrika, Südafrika, Namibia, DDR