11:48 02 Dezember 2020
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    Russische Friedenswächter haben bereits zwei Flüchtlingskolonnen durch den Latschin-Korridor nach Bergkarabach geleitet. Flüchtlinge, die vor einer drohenden Blockade ihrer Stadt geflohen waren und nun allmählich wieder nach Stepanakert zurückkehren. Das Leben in der Hauptstadt der nicht-anerkannten Republik beginnt allmählich wieder.

    Die nächtliche Stille wird zerrissen vom Heulen der Polizeisirenen. Eine Kolonne rollt laut auf den zentralen Platz der Stadt, bis an den Sitz der Regierung von Arzach (so nennen die Einheimischen die Region Bergkarabach). Vier Busse, begleitet von zwei Truppentransportern des russischen Friedenskontingents. Die Fahrer hupen erbarmungslos in die Nacht hinein, grüßen das schlafende Stepanakert. Hinter den Busscheiben sind müde Menschengesichter zu sehen: Der Weg, den die Einheimischen zurückgelegt haben, war lang. Mit müdem Lächeln winken sie ihren Verwandten zu, die gekommen sind, die Flüchtlinge willkommen zu heißen.

    Russische Soldaten packen mit an: Sporttaschen, Kisten mit spärlichem Hausrat, riesige karierte Leinensäcke (die ewigen Begleiter von Flucht und Vertreibung) – alles muss raus aus den Bussen. „Danke“, sagt eine ältere Frau und greift zaghaft nach dem Ärmel eines Russen, „dass ihr uns geschützt habt. Danke, dass wir nach Hause können.“ Der Soldat, wortkarg: „Bitte nicht dafür“.

    „Am 5. November sind wir aus Stepanakert weggefahren. Wir dachten, die Aserbaidschaner werden früher oder später in die Stadt eindringen“, sagt Anusch Petrossjan, eine Einheimische mit einem Baby in den Armen.

    „Wir wollten nicht fliehen, wollten hier bleiben bis zum Schluss. An den Luftalarm hatten wir uns längst gewöhnt und auch an die Keller, in denen wir uns vor den Angriffen versteckten. Erst als ein Geschoss im Nachbarhaus einschlug, war uns klar, dass wir wegmüssen. Mein Mann blieb hier, ich mit dem Baby und meiner Mutter bin nach Eriwan aufgebrochen. Verwandte nahmen uns auf. Aber hier, zuhause, ist es natürlich besser.“

    Der 65-jährige Aram Stepanjan und seine Frau Irina sind seit Oktober Flüchtlinge. An den Tagen hatten aserbaidschanische Truppen nach schweren Kämpfen Hadrut eingenommen. Das Ehepaar nahm so gut wie nichts mit, ließ fast alles zurück. Aus Stepanakert wurden sie am 6. November in das armenische Wardenis evakuiert. „So konnten wir auf unsere alten Tage noch ein wenig Reisen. Ein Abenteuerurlaub sozusagen“, ironisiert der Rentner.

    „Jetzt wollen wir zusehen, dass wir nach Hadrut kommen. Es ist doch unser Zuhause, egal, wer da die Macht hat.“

    Eine Geisterstadt

    Wegen ständigem Artilleriebeschuss geriet Stepanakert an den Rand einer humanitären Katastrophe. Die Straßen sind leer, die Läden, Banken und Cafés geschlossen, das Funknetz ist zusammengebrochen, nur in der Lobby des „Armenia“-Hotels ist ein schwaches WLAN verfügbar. Die Lokalregierung tut alles, damit die Stadt wieder zu einigermaßen normalem Leben zurückfinden kann. Im Rathaus erhalten Menschen täglich das Allernötigste: Wasser, Brot, Konserven.

    „Es wird schon werden, Schritt für Schritt“, sagt David Sarkissjan, Bürgermeister von Stepanakert. „Das größte Problem im Moment sind die Kommunikationsnetze. Auch ist die Gasversorgung durch den Beschuss unterbrochen worden. Momentan sind wir damit beschäftigt. In mehreren Stadtbezirken gibt es kein warmes Wasser, im Norden fällt die Stromversorgung immer wieder aus. Circa 60 Prozent des Stadtgebiets haben unter Beschuss gelitten. Die Versorgungsdienste tun ihr Möglichstes, haben aber noch gewaltige Kriegsfolgen zu beseitigen. Nach unserer Einschätzung sind gegenwärtig im Vergleich zur Vorkriegszeit gerade mal 40 Prozent der Menschen noch in der Stadt.“

    Auf dem Stadtmarkt räumt man noch Trümmer auf: Hinterlassenschaften der Raketenartillerie, aber der Handel läuft schon. Die Händler rufen die russischen Journalisten in aller Gastlichkeit herbei, die echte armenische Dolma zu probieren. „Vor wenigen Tagen haben wir auch eure Friedenstruppen mit der Dolma verköstigt“, lächelt Serge, Inhaber eines kleinen Cafés.

    „Schade, dass die russische Armee sich erst spät eingemischt hat. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte man keine Friedenstruppen, sondern Spezialeinheiten nach Arzach entsandt. Die Halunken aus Syrien sind ja nicht einfach so weg. Wer weiß, wo die hinziehen. Nach Armenien, Georgien, ins russische Dagestan? Aserbaidschan nimmt die Extremisten bestimmt nicht auf und für die Türkei sind sie nur noch Kanonenfutter, für das es im Moment keine Verwendung gibt.“

    Das Stadtzentrum hat am meisten gelitten unter dem aserbaidschanischen Beschuss. Mitten auf einer Hauptstraße ist eine Kassettenbombe explodiert, abgefeuert von einem Raketenartilleriesystem „Smertsch“. Die Wände der nahegelegenen Postfiliale sind mit Kerben übersät: Spuren der Bombensplitter. Unter den Füßen knirscht zerbrochenes Glas – bis hierhin haben es die kommunalen Dienste noch nicht geschafft. Am Straßenrand: ein ausgebrannter Geländewagen mit einer komplett verdrehten Motorhaube: ein Direkttreffer. Die Bankfiliale in der Nähe sieht auch sehr mitgenommen aus: Statt der fehlenden Glasscheiben sind in den Fensterrahmen Sandsäcke aufgetürmt worden.

    Überhaupt sind viele Fenster im Stadtzentrum, auch Schaufenster von Geschäften, zu Bruch gegangen. Aber die Waren, das muss man den Menschen in der Stadt hochanrechnen, sind immer noch in den Regalen: Plünderungen habe es in Stepanakert nicht gegeben, sagt der Polizeibeamte Aschot Wartanjan. Nur am Stadtrand seien Autos, die unter Beschuss geraten seien, für Ersatzteile ausgeschlachtet worden.

    Immer wieder fahren Fahrzeuge des Internationalen Roten Kreuzes durch die Stadt. Die Organisation fungiert in Arzach als Vermittlerin beim Austausch der sterblichen Überreste von Konfliktbeteiligten. Allein am Sonntag wurden nahe Schuscha 150 tote armenische Soldaten abtransportiert.

    Die Kämpfe um das Städtchen waren die härtesten. Schuscha liegt auf einer Anhöhe oberhalb von Stepanakert, und wäre der Krieg weitergegangen, hätten die aserbaidschanischen Truppen die Hauptstadt Bergkarabachs direkt von oben beschießen können. Am 9. November hatten sie das Städtchen eingenommen, aber selbst nach dem Waffenstillstand blieben armenische Soldaten noch dort.

    „Wir haben Schuscha erst am 14. November verlassen“, sagt der 20-jährige Arssen, ein Soldat unter den Verteidigern Bergkarabachs. „Wir verschanzten uns nach den Kämpfen in einem Gebäude. Die Aserbaidschaner ließen uns allerdings in Ruhe. Am Ende haben uns eure Friedenstruppen hinausgeführt. Ich hatte Glück, bin nicht Mal verletzt. Aber viele meiner Freunde sind gestorben. Das Schlimmste an diesem Krieg sind die aserbaidschanischen Drohnen, vor allem die Kamikazedrohnen. Du siehst sie nicht, du hörst sie nicht, aber sie schlagen sehr treffsicher zu.“

    An der Einfahrt nach Schuscha stehen russische Friedenstruppen an einem Kontrollposten. Niemand darf in die Stadt. Die Vereinbarung zwischen Moskau, Eriwan und Baku sieht vor, dass eine Umgehungsstraße rund um das Städtchen gebaut werden soll, damit die Armenier ungehindert nach Stepanakert gelangen können. Auch die Fernstraße aus der armenischen Hauptstadt durch den Latschin-Korridor nach Arzach soll bald eröffnet werden: Das russische Friedenskommando muss nur sicher sein, dass dort keine Gefahr für Flüchtlinge besteht. Die Armenier selbst können die Freigabe kaum noch erwarten.

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    Tags:
    Russland, Friedenstruppen, Flüchtlinge, Bergkarabach-Konflikt