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17:22 12 November 2019
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    Annekathrin Bürger auf der Demo am 4. November 1989 in Berlin

    Exklusiv: Filmstar Annekathrin Bürger über die DDR und die Demo am 4. November 1989

    CC BY-SA 3.0 / Bundesarchiv / Bild 183-1989-1104-050 / Link, Hubert
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    DDR 1989 – Erst Feier zum 40. Jahrestag, dann "Mauerfall" und Untergang (91)
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    Annekathrin Bürger war ein Filmstar in der DDR. An der Seite von Armin Müller-Stahl oder Manfred Krug wurde sie in den 1960er Jahren populär. Bei der berühmten Demo am 4. November 1989 in Berlin stand die Schauspielerin neben Gregor Gysi oder Stefan Heym auf der Bühne. Für die DDR hätte sie sich einen anderen Weg gewünscht. Im Exklusiv-Interview.

    - Frau Bürger, wie begann Ihre Kariere?

    - Mit dem Film "Eine Berliner Romanze". Regisseur Gerhard Klein suchte damals ein echtes Berliner Mädchen. Und ich bin ja in Berlin-Charlottenburg geboren. Und da bin ich dann mit 18 Jahren zusammen mit über 14.000 Mädchen zu dem Casting. Die Vorauswahl traf damals der Assistent von Klein Heiner Carow. Und der hat mich erstmal nach Hause geschickt. Später bin ich dann aber doch genommen worden.

    - Die "Berliner Romanze" war 1956. Als dann die Mauer gebaut wurde 1961 waren Sie schon ein angehender Star.

    - Ich hatte damals gerade begonnen mit Armin Müller-Stahl und Frank Beyer als Regisseur "Königskinder" zu drehen. Der musste dann unterbrechen, weil er selbst mit eingezogen wurde zum Mauerbau, weil er bei den Kampfgruppen der Arbeiterklasse war. 

    An dem Tag war ich am Theater Senftenberg. Ich erinnere mich, dass ich im Juli noch mal in West-Berlin war, um mir Schuhe zu kaufen für das Internationale Filmfestival in Moskau, wo ja damals noch die Weltstars kamen, weil der Kalten Krieg noch nicht so angefeuert war. Als die Mauer gebaut wurde im August saß ich also in Senftenberg und hab nur gedacht, schade, da kann ich jetzt da keine Schuhe mehr kaufen.

    - Und Sie haben nicht überlegt, noch schnell rüberzugehen?

    - Nee. Ich habe nicht gedacht, oh, jetzt habe ich keine Freiheit mehr oder so. Ich war ja zu dem Zeitpunkt auch schon auf Filmfestivals in Ägypten und Tunesien gewesen. Und auch in Dänemark und in Moskau. Irgendwie berührte mich das nicht so. Wir hatten auch keine nahen Verwandten drüben. 

    - Für viele berühmte Künstler war die Ausbürgerung von Wolf Biermann beziehungsweise der Protest dagegen eine Weggabelung. Viele, die damals unterschrieben, haben Probleme bekommen. War es das wert? 

    - Ich kann Biermann heute nicht leiden. Ich mag ihn und seine Aussagen nicht. Das hat aber nichts zu sagen. Als er hier war in der DDR, waren wir befreundet. Wir hatten ja damals diese Konzertreihe "Jazz & Lyrik" mit Manfred Krug. Und wir hatten diese Veranstaltung 1965 in der Kongresshalle am Alexanderplatz. Und Biermann war gerade verhaftet worden. Und Manne Krug und ich, wir sagten auf der Bühne vor ausverkauftem Haus, wir fangen nicht eher an zu spielen, bis Biermann frei ist. Und das hat dann tatsächlich geklappt.

    Die Ausweisung kam ja erst 1976. Manne Krug sammelte Unterschriften dagegen. Jurek Becker (Schriftsteller, Drehbuchautor und DDR-Dissident, Anm. d. Red.) klingelte bei mir und ich habe auch sofort unterschrieben. Es gab dann aber noch einmal ein Treffen bei der Schauspielerin Barbara Dittus, wo viele, auch Uschi Brüning und ich unsere Unterschriften zurückzogen. Ich hatte nämlich am nächsten Tag einen Termin beim Minister für Kultur Hans-Joachim Hoffmann, der eigentlich ein ganz vernünftiger Mensch war, und wollte mich da persönlich einsetzen. Mich kannten ja alle. So konnte ich mich auch einsetzen für Leute. Blöderweise war dann aber Hoffmann just an dem Tag nicht da, sondern auf der Sitzung, auf der die Biermann-Ausweisung endgültig beschlossen wurde.

    - Sie hatten damals sogar ein Gespräch mit Erich Honecker. Wie kam es dazu?

    - Naja, wir Künstler waren schon alle frustriert, nachdem dann nach Biermann auch Manne Krug rüber ist. Wir hatten auch mitbekommen, wie er auf seinen letzten Konzerten von der Stasi gepiesackt wurde. Und ich habe dann einfach einen Brief an das ZK und persönlich an Honecker geschrieben. Und erstaunlicherweise kriegten mein Mann und ich dann auch sehr schnell einen Termin. Und Honecker begrüßte mich freudig: „Ach du bist es, die Annekathrin.“ Die haben ja draußen in Wandlitz auch die Filme mit mir geschaut. Und wenn dann so ein Mann erzählt, was ihm die DDR bedeutet, wie er 1937 bei den Nazis ins Zuchthaus kam, da hast du erst mal keine Argumente. Wir versuchten Honecker dann zu erklären, was wir nicht mögen und was wir wollen. Er ist da aber gar nicht drauf eingegangen und meinte nur: bleibt, wie ihr seid. Und er erzählte wie selbstverständlich von Thomas Brasch, der als Kind noch auf seinem Schoß saß. Und, dass die Katharina Thalbach ja jetzt auch rübergegangen sei. Wir sollen sie mal schön grüßen, wenn sie mal wieder hier ist. Er war also ganz freundlich und persönlich. Ich qualmte ihm derweil die Bude voll bei ihm im Büro im Staatsratsgebäude. Und er ermahnte mich väterlich, dass ich zu viel rauche. Vor der Tür warteten derweil schon die Handelsminister Gerhard Schürer und Günther Mittag und waren ziemlich sauer, weil unser Treffen mit Honecker so lange ging. 

    - Sie sind bei der berühmten Demo am 4. November 1989 aufgetreten. Wie kam es dazu? 

    - Das, was dort passierte, wie das zustande kam, das war einmalig. Ich sollte ja eigentlich gar nicht auftreten. Aber dann hat Walter Janka (in der DDR verurteilter und später rehabilitierter  Dramaturg und Verleger, Anm. d. Red.) abgesagt, weil Markus Wolf (leitete bis 1986 den Auslandsnachrichtendienst der DDR, Anm. d. Red.) auftreten sollte. Später haben die beiden sich dann Gott sei Dank versöhnt.

    Die Organisation der Demo wurde ja von der Volksbühne angeschoben und dann haben das Deutsche Theater und das Berliner Ensemble übernommen. Ich bin dann noch mal zu der letzten Planungssitzung in die Kantine des BE gegangen und da hörte ich, dass Walter Janka ausfällt. Und da schlug ich vor, dass ich das Lied „Worte eines politischen Gefangenen an Stalin“ von Bulat Okudschawa, dem sowjetischen Liedermacher, für Janka singe. Mein Mann und ich kannten Janka. Wir hatten ihn und seine Frau besucht. Er war ja auch Dramaturg bei der DEFA.

    Und auf dem Alex hab ich dann Hans-Eckardt Wenzel gebeten, mich auf der Gitarre zu begleiten. Ich brauchte das als Stütze. Ich war wie erstarrt über diese Masse an Menschen, über diesen Widerhall. Das war irre. Ich hätte mir beinahe in die Hose gemacht. Seitdem hab ich das Lied nie wieder auf der Bühne gesungen. So etwas kann man nicht wiederholen. Das kann keiner mehr nachvollziehen, was damals los war in den Menschen.

    Vor mir hatte Christa Wolf geredet. Ihr ging es schlecht. Sie musste ins Krankenhaus. Und ich wartete dann noch den anderen Redner nach ihr ab und ging dann da hoch. Ich hatte das Lied vorher nur einmal mit Wenzel geübt. Und dann da oben zu stehen...

    - Und nicht ausgebuht zu werden.

    - Ausgebuht wurde ja nur Günther Schabowski.

    - Und Markus Wolf.

    - Wobei ich den Markus Wolf für einen guten, für einen sehr klugen Kopf gehalten habe. Die Amis haben ihm ja nicht umsonst sofort angeboten, in die USA zu gehen. Aber klar, damals auf dem Alex war "Stasi" ein rotes Tuch für die Menschen, Dabei war das eigentlich Mielkes Schuld und nicht Wolfs Schuld.

    - Was haben Sie noch mitbekommen von der Veranstaltung?

    - Vorher war ja noch die Demonstration gewesen. Da sind wir marschiert mit unseren Transparenten. Ich ärgere mich, dass ich meine "Keine Gewalt"-Schärpe einem Jungen geschenkt hatte. Die hätte ich gern behalten bis heute als Erinnerung. Die hatten ja die Werkstätten der Volksbühne extra geschneidert.
    Nach meinem Auftritt bin ich erst einmal ins Café hinten im Haus des Lehrers. Ich war völlig erschöpft. Da saßen noch Stefan und Inge Heym. Ich hab mich dazugesetzt. Wir waren ja sehr befreundet.

    - Ist das Wirklichkeit geworden, wofür Sie am 4. November auf die Straße gegangen sind?

    - Nein. Das war schon vorbei, als dann bei der Wahl im Palast der Republik im März die CDU gewann. Da haben sich die Leute für Bananen und Westgeld entschieden. Aber klar, die Leute hatten die Schnauze voll von der SED und da war Kohl so clever, schnell in die Bresche zu springen und das ganze Ding zu übernehmen. Ich finde nach wie vor, dass ein neuer Weg eines "freundlichen Sozialismus" besser gewesen wäre. Aber auch nur ein Gedanke in diese Richtung stößt ja in diesem Land auf eine derartige Hysterie. Die Linken werden ja sogar vom Verfassungsschutz beobachtet.

    - Was hätten Sie gern erhalten von der DDR?

    - Da gab es Einiges. Ich denke nur an die Frauen, die waren ja eh vernünftiger bei uns, weil alle ihren Mann stehen mussten. Es gab überall Kitas und das Niveau an den Schulen war gut. Nicht umsonst haben die Finnen unser System übernommen und dann bei der Pisa-Studie gewonnen. Das wurde alles abgeschafft. Und so etwas verwächst sich auch nicht so schnell. So schnell ist nicht alles eins zwischen Ost und West. Oder auch diese Russophobie. Das finde ich zum Kotzen. Russland ist eine Macht und Putin hält das zusammen. Ich weiß nicht, was passieren würde, wenn er nicht da wäre. Schon bei Gorbatschow begann es ja auseinanderzubrechen.

    - Zusammen mit ihrem Mann gründeten Sie 1993 den Verein „Waisenkinder am Don“. Woher rührte Ihr Engagement für Russland?

    - Immer, wenn ich in Russland war, in Moskau, in St. Petersburg und dann bei unserem Verein in Rostow am Don hab ich die Herzlichkeit der Menschen gespürt. Zehn Jahre haben wir dort mit unserem Verein geholfen, bis mein Mann gestorben ist. Die Verbundenheit mit Russland ist ja auch etwas typisch Ostdeutsches. Wir sind mit der russischen Kultur, mit den Filmen und Büchern aufgewachsen. Und es ärgert mich, wie das jetzt alles nivelliert wird. Die Russen haben uns befreit! Erst dann kamen die Amis und die Alliierten mit ihrem D-Day.

    Ich habe ja auch mit Russen gedreht. Das erste Mal bei "Fünf Tage, fünf Nächte" 1961 mit Lew Arnstam. Ich habe Dmitri Schostakowitsch noch persönlich kennengelernt, der die Musik für den Film gemacht hat. Bei der Filmpremiere in Leningrad war Arnstam dann mit mir im Blockademuseum und hat mir erzählt, wie seine Familie dort verhungert ist. Ich hatte so wunderbare Begegnungen mit Russen. Ich habe das geliebt.

    - Frau Bürger, wie ist es Ihnen nach der Wende ergangen?

    - Da kam erst einmal gar nichts. Mal eine Eintagesrolle. Dann kamen so langsam wieder kleinere Rollen in Fernsehserien. Los ging es dann erst wieder mit dem Tatort 1999. Hans-Werner Honert, der schon zu DDR-Zeiten Polizeiruf gemacht hat, war da Produzent und Regisseur und er besetzte mich in dem Bernsteinzimmer-Tatort als Friederike. Und die Figur blieb dann acht Jahre bis Peter Sodann, der die Hauptrolle spielte, abgesetzt wurde, weil er für die PDS kandidierte. Damit war er weg vom Fenster.

    Dann habe ich noch mit Hallervorden diesen Film gedreht - "Sein letztes Rennen", der sehr gut war. Und ansonsten hatte ich mal hier zwei Drehtage, mal da zwei Tage Soko. Und vor ein paar Jahren hatte ich noch einmal eine Hauptrolle in dem Film "Die Anfängerin".
    Es reicht mir aber auch. Ich habe meine Konzerte und Lesungen und gut. Wenn nicht noch einmal eine wirkliche gute, große Altersrolle kommt, dann muss es auch nicht mehr sein. Ich habe mein Leben und meine Filme gehabt.

    Annekathrin Bürger (82) war eine der bekanntesten Schauspielerinnen der DDR. Mit den Filmen „Eine Berliner Romanze“ (1956), „Verwirrung der Liebe“ (1959) und Königskinder“ (1962) mit Armin Müller-Stahl wurde sie berühmt. In "Tecumseh" (1972), einem der beim Publikum beliebten DEFA-Indianerfilme, spielt sie an der Seite von Gojko Mitic. In insgesamt  22 DEFA – Spielfilmen unter bekannten Regisseuren wie Frank Beyer spielte Bürger Hauptrollen. Der frühe Filmruhm hinderte sie nicht, nach abgeschlossenem Studium an der HFF Babelsberg im Theater anzufangen. Insgesamt 38 Jahre war Bürger an der Berliner Volksbühne engagiert, spielte unter Castorf und Pollesch.

    Annekathrin Bürger heute
    © Foto : L. H. Rammelt Atelier-LHR.de
    Annekathrin Bürger heute

    Nach der Wende spielte Bürger von 1999 bis 2007 im Tatort Leipzig mit Peter Sodann eine Nebenrolle als Waschsalon- und Kneipenchefin. Auch im Kino war Bürger noch mal erfolgreich, so 2004 in dem Kinofilm „Sein letztes Rennen“ mit Dieter Hallervorden. Inzwischen kann Annekathrin Bürger auf über 190 Film – und Fernsehproduktionen zurückblicken.

    Außerdem ist Bürger als Chanson-Interpretin unter anderem von Texten von Bertolt Brecht berühmt.

    Von 1990 bis 1997 war Bürger Vorsitzende der Nationalen Bürgerbewegung. 1993 gründet sie mit ihrem Mann den Verein „Waisenkinder am Don“.
    Annekathrin Bürger war nach einer Verbindung mit dem Schauspieler Ulrich Thein seit 1966 bis zu seinem Tod im Jahr 2000 mit ihrem Kollegen Rolf Römer verheiratet. Annekathrin Bürger lebt in Berlin.

    Aktuell ist Annekathrin Bürger hier live zu erleben:

    • 25.10.2019
      Güstrow
      Lesung „Heymspiel“
      Annekathrin Bürger und Trio Scho
    • 09.11.2019
      Ball auf Villa Marienberg
      Lesung „Heymspiel“
      Annekathrin Bürger und Trio Scho
    • 10.11.2019
      Bad Elster, Theater
      Lesung „Heymspiel“
      Annekathrin Bürger und Trio Scho
    • 20.11.2019
      Berlin, Festsaal Schloss Schönhausen
      Lesung „Fontane ganz privat“
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    Themen:
    DDR 1989 – Erst Feier zum 40. Jahrestag, dann "Mauerfall" und Untergang (91)
    Tags:
    Mauerfall, 30 Jahre Mauerfall, DDR, Stasi, Erich Honecker