05:44 18 November 2019
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    Wladislaw Terechow, Ex-Botschafter der UdSSR in Deutschland seit 1990

    Vertane Chancen der Wiedervereinigung – Deutschland-Expertenrunde in Moskau

    © Sputnik / Nina Zotina
    Die Mauer fiel, die Mauer steht
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    DDR 1989 – Erst Feier zum 40. Jahrestag, dann "Mauerfall" und Untergang (94)
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    Die Wiedervereinigung Deutschlands hing laut Wladislaw Terechow, Ex-Botschafter der UdSSR in Deutschland seit 1990, nicht von dem Mauerfall ab, der nur eine rein psychologische Wirkung auf die Bevölkerung ausgeübt hat. Erst die darauffolgenden Ereignisse bestimmten die Bedingungen, unter denen sich die beiden deutschen Staaten vereinigen sollten.

    „Diese waren aber für die Sowjetunion ungünstig“, sagte er während einer Expertenrunde in der Nachrichtenagentur „Rossija segodnja“, in welcher russische Deutschland-Experten vertane Chancen der Wiedervereinigung am Vorabend der Maueröffnung erörterten, „da schwierige Probleme zu lösen waren, wie der Abzug der sowjetischen Truppen aus Deutschland oder die Auflösung des Warschauer Paktes. Die damalige Situation rund um Deutschland musste uns Sorgen machen. Dies ist auch heute zu berücksichtigen.“

    Sergei Kudrjaschow vom Deutschen Historischen Institut Moskau sprach darüber, dass die Euphorie der Wiedervereinigung schnell vorüber war.

    „In der DDR hoffte man, weiterhin auf die gleiche Weise, aber für einen höheren Lohn arbeiten zu können. Dann erwies sich aber, dass keiner die Industrie oder die Lehrkräfte der DDR brauchte und die Löhne alles andere als hoch waren. Man fühlte sich noch lange gedemütigt. Nicht zufällig meinen laut soziologischen Studien immer noch 17 bis 19 Prozent der ehemaligen DDR-Bürger, es sei alles anders gekommen als sie sich vorgestellt hatten, und bedauern dies.“

    Der Historiker betont, dass dies eine große Zahl im Hinblick darauf sei, dass inzwischen zwei Generationen herangewachsen seien. „In Bezug auf das heutige Russland muss man aber auch eine Lehre daraus ziehen, nämlich, dass man für seine Verbündeten zu sorgen hat, statt sie im Stich zu lassen wie die DDR. Sie war ein Vorposten der Sowjetunion in Europa, einige Hundert Milliarden Rubel wurden darin investiert, sie war quasi ein Abdruck des sowjetischen Lebensstils. Viele studierten in der Sowjetunion, hatten dort Freunde, nun kommt plötzlich eine neue Führung und meint, sie sollen selbst zusehen, wie sie weiterleben.“

    Kudrjaschow fährt fort: „Die größte Schande für uns ist, dass diese Menschen dann verfolgt wurden. Man hätte ausmachen sollen, dass dies nicht geschehen darf. Man versteht schon, dass alle staatlichen Gremien der DDR auf die Bekämpfung des Westens ausgerichtet waren und weitgehend das taten, was die Sowjetunion verlangte. So war es nur natürlich, wenn die ‚Sieger‛ sich an diesen Menschen rächen und sie als soziale Feinde abstrafen wollen. Davon zeugt u. a., wie Honecker von ihnen behandelt wurde. Ferner war die DDR so gestaltet, dass sie mit der Sowjetunion und dem RGW wirtschaftlich zusammenhing — das betrifft die Herstellung von Kunststoffen, Medikamenten, Möbeln und anderes mehr. Auf einmal war das alles überflüssig, viele Betriebe wurden geschlossen.“

    Der Experte für internationale Sicherheit von der Moskauer Lomonossow-Universität, Alexei Fenenko, erinnerte daran, dass sich Ostdeutschland mit Preußen und Magdeburg seit dem frühen 19. Jahrhundert stets von dem Rheinischen Teil Deutschlands unterschieden hat, der sich dem Westen verbunden fühlte.

    „Auch das deutsche öffentliche Denken war schon immer dualistisch. Es gab auf der einen Seite die Meinung, Deutschland gehöre zur westlichen Kultur. In Preußen dagegen setzte sich die Idee durch, Deutschland bilde eine Zivilisation für sich, die mit dem Westen und Europa nichts zu tun hat. Es gab sogar einen starken Flügel, der behauptete, Deutschland stünde dem Russischen Kaiserreich näher.“

    An diesen Gedanken anknüpfend, meint der Experte, beginnend mit 1989 würden sich innerhalb des deutschen Establishments zwei Gruppen bekämpfen. „Die erste, vertreten von Kohl und Schröder, hat sich für Deutschlands Entwicklung zur Weltmacht, für die Abschaffung der nach dem Krieg eingeführten Souveränitätseinschränkungen sowie für die Annäherung an Russland stark gemacht. Die zweite Partei gibt der wirtschaftlichen Erschließung Osteuropas - Polen, Tschechien, Baltikum und die Ukraine - den Vorrang. Letzteres setzt eine Kooperation mit den USA und einen Konflikt mit Russland voraus, wodurch sich Deutschland in eine osteuropäische Regionalmacht verwandelt, die Russland feindlich gegenübersteht.“ Als typischer Repräsentant dieser Partei nennt der Experte Merkel.

    Die Sputnik-Frage, wann wächst es nun zusammen, was zusammen gehört, und ob die Ostdeutschen politisch und materiell auf gleicher Höhe mit dem anderen Deutschland stehen und ob es dafür Voraussetzungen gibt, beantwortete Fenenko wie folgt: „England und Schottland können seit inzwischen gut 500 Jahren nicht zusammenwachsen und leben doch nebeneinander. Auch Ostdeutschland wird seine Mentalität und einen historisch bedingt niedrigeren Lebensstandard behalten“.

    Laut Terechow wird viel „von der Position der einzelnen Bundesländer abhängen, die eine bedeutende Rolle in Deutschlands Politik spielen, darunter von Bayern, das sein Fortbestehen im Staatsverband des geeinten Deutschlands manchmal in Frage stellt. Werden nicht etwa einzelne Regionen Deutschlands den Wunsch bekommen, sich von den Schwierigkeiten zu distanzieren, mit denen Deutschland im Rahmen der EU konfrontiert wird?“ Kudrjaschow meinte dagegen, „es mag kulturelle wie mentale Unterschiede geben, aber das wirtschaftliche Niveau der beiden Teile Deutschlands muss sich unvermeidlich ausgleichen“.

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    DDR 1989 – Erst Feier zum 40. Jahrestag, dann "Mauerfall" und Untergang (94)
    Tags:
    DDR, Sowjetunion, Deutschland, Wiedervereinigung, Wiedervereinigung Deutschlands in 1989, Mauerfall-Jahrestag, 30 Jahre Mauerfall, Mauerfall