06:15 18 November 2019
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    Die Mauer fiel, die Mauer steht

    „Die Mauer ist offen!“ – „Ihr habt ja wohl 'ne Macke‘

    Die Mauer fiel, die Mauer steht
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    DDR 1989 – Erst Feier zum 40. Jahrestag, dann "Mauerfall" und Untergang (94)
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    Die Berliner Mauer wurde am 9. November 1989 zuerst an der Bornholmer Straße geöffnet. Martin Schaal war gegen 23.30 Uhr einer der ersten, der aus dem Osten nach West-Berlin ging. Dort traf er auf Dietmar Arnold. Gemeinsam feierten sie die ganze Nacht und tanzten auf der Mauer am Brandenburger Tor. Der Beginn einer deutsch-deutschen Freundschaft.

    Dies sollte eigentlich ein Interview werden. Fragen müssen wir unsere beiden Gäste allerdings nicht zu dieser historischen Nacht vom 9. November 1989. Es sprudelt nur so heraus aus Martin Schaal und Dietmar Arnold, als sei es gestern gewesen, dass sie sich auf der Bornholmer Straße in Berlin kennenlernten. Sie waren dabei, als sich hier die Berliner Mauer zum ersten Mal öffnete und damit die DDR und der gesamte Ostblock zum Einsturz gebracht wurden.

    „Vorwärts immer, rückwärts nimmer“

    Davon ahnt der 19-jährige Martin Schaal noch nichts, als er am 9. November 1989 gegen 19 Uhr die Nachrichten schaut. Günter Schabowski, Politbüro-Mitglied der DDR gibt eine Pressekonferenz und verkündet mehr oder weniger aus Versehen, dass die Ausreise aus DDR „unverzüglich“ möglich wäre. Der Musikstudent Schaal sitzt in der Kopenhagener Straße, vielleicht 200 Meter Luftlinie entfernt von der Bornholmer Straße, mit Freunden gebannt vor dem Fernseher, wie an so vielen Abenden zuvor in dieser spannenden Zeit des Auf- und Umbruchs im Osten.

    „Wir haben dann beschlossen, uns das mal anzuschauen“, erinnert sich Schaal. „Keiner wusste wirklich etwas. Es war ruhig an den Grenzübergängen, obwohl von Westseite schon Kamerateams standen. Gegen 21.00 - 21.30 Uhr kamen wir zum Übergang ‚Bornholmer Straße‘. Da standen wir dann und es drückten immer mehr Menschen in Richtung Grenzübergang. Wir haben noch gewitzelt ‚Vorwärts immer, rückwärts nimmer‘, weil es wirklich so voll war, dass es nicht mehr zurückging. Dann passierte erst einmal eine ganze Weile gar nichts und irgendwann wurden wir in Grüppchen durch die Abfertigungsanlagen geschleust. Ich habe noch in meinen Personalausweis einen Ausreisestempel bekommen. Gegen 23 Uhr muss das gewesen sein. Und dann waren wir plötzlich auf dieser Brücke. Und dann kamen uns auch schon Menschen mit Sektflaschen entgegen und es war sofort eine unglaubliche Stimmung. Die Menschen sind sich in die Arme gefallen.“

    Was Schaal in dem Moment nicht wusste, war, dass ein Stempel neben dem Passbild bedeutete, dass er nicht wieder in die DDR zurück darf. So war zumindest noch an dem Abend die interne Anweisung an die Grenzbeamten. Am nächsten Morgen, nachdem Tausende Ost-Berliner in den Westen spaziert waren, war das allerdings schon Makulatur.

    Martin Schaals Original-Personalausweis vom 9. November 1989
    © Foto : Martin Schaal
    Martin Schaals Original-Personalausweis vom 9. November 1989

     

    „Ihr habt ja wohl 'ne Macke!“

    Martin Schaal war einer der letzten, der noch regulär abgefertigt wurde an der Bornholmer Straße. Um 23:30 Uhr wurden die Passkontrollen eingestellt und die Massen strömten Richtung Wedding. Da war Schaal schon auf der Osloer Straße, wie die Verlängerung der Bornholmer auf Westseite heißt. Hier traf er auf Dietmar Arnold. Der damals 25jährige Stadtplaner schob gerade mit einem Freund einen drei Meter langen Kleiderständer über die Straße, den er zu seiner Freundin, einer Schneiderin bringen wollte. Irgendetwas war anders in dieser Nacht, wie sich Arnold erinnert:

    „Da war so eine ganz seltsame Stimmung. Es war laut, obwohl das sonst immer eine ganz ruhige Ecke war. Wir rollen also den Kleiderständer auf die Straße und da kommt uns von hinten eine Wand von mehreren Tausend Menschen entgegen. Und da war auch Martin dabei und ich spreche ihn an ‚Wat issen dit für ‘ne Demo?‘ Was anderes konnte ich mir nicht vorstellen. Und Martin meinte dann: ‚Die Mauer ist offen!‘ und ich darauf zu ihm: ‚Ihr habt ja wohl 'ne Macke!‘. Man hat gar nicht daran gedacht, dass hier auch ein Grenzübergang ist. Erst als Martin dann seinen Personalausweis aus der Tasche zog, hab ich ihm geglaubt und wir sind uns heulend in die Arme gefallen.“

    Auf der Mauer, auf der Lauer

    Die ersten Ostberliner Grenzgänger kamen zu Fuß über die Bösebrücke, wie die imposante Stahlbrücke an der Bornholmer Straße heißt. Wenig später fuhren die ersten Mutigen bereits mit ihren Autos gen Westen, wie Arnold erzählt:

    „Wir standen dann da mit unserem Kleiderständer jubelnd in der Menge. Und dann kamen auch die ersten Wartburgs und Trabis angefahren. Die wurden natürlich alle beklatscht. Da haben wir so ein Spalier gebildet. Wir haben dann den Kleiderständer bei meiner Freundin abgeladen und sind mit Martin losgezogen zum Ku‘damm. Vorher haben wir noch einen Spätkauf leergekauft. Auf dem Ku‘damm haben wir dann gefeiert und anschließend sind wir zu Fuß weitergezogen zum Brandenburger Tor.“
    Martin Schaal und Dietmar Arnold am Morgen des 10. Novembers 1989 vor dem Brandenburger Tor
    © Foto : Dietmar Arnold
    Martin Schaal und Dietmar Arnold am Morgen des 10. Novembers 1989 vor dem Brandenburger Tor

    Die beiden Berliner sind sich einig, dass sie noch nie eine so „unglaubliche Stimmung“ in der Stadt erlebt hatten. Allerdings stand alles noch auf Messers Schneide. Am Potsdamer Platz vorbeizugehen, der sich damals noch im Todesstreifen befand und völlig unbebaut war, sei „gespenstisch“ gewesen. Auch am Brandenburger Tor war die Lage noch nicht ganz geklärt, wie Arnold erzählt:

    „Wir sind dann beim Brandenburger Tor auf die Mauer rauf. Wir haben noch ‚Auf der Mauer, auf der Lauer' gesungen. Vor uns sind noch Leute runtergesprungen und durchs Brandenburger Tor gelaufen. Das ging dann bei uns schon nicht mehr. Da kam dann eine Kette von Grenzsoldaten und die haben Leute, die runtergesprungen sind, abgeführt. Wir haben uns dann auch nicht mehr getraut, durchs Brandenburger Tor zu laufen. Man wusste ja noch nicht so genau, wie es weitergeht.“

    „Für sie war die Welt da zu Ende“

    Die Menschen haben in dieser Nacht gefeiert, als ob es kein Morgen gäbe. Niemand wusste genau, ob nicht die Grenze wieder geschlossen wird. So zogen auch Dietmar und Martin bis zum Morgen durch die Stadt. Die beiden hatten sofort etwas gemeinsam: die Liebe zur Musik. Arnold war Statist an der Deutschen Oper im Westteil, Schaal spielte als Student Kontrabass an der Komischen Oper im Osten. Sein neuer Freund Dietmar sah sich in den nächsten Wochen jede Vorstellung an der Komischen Oper an.
    Schaal erzählt, dass er damals von seiner Hochschule in der Wilhelmsstraße aus die Berliner Philharmonie zwar sehen, aber nie besuchen konnte. Diesen Traum erfüllte er sich gleich in der ersten Nacht im Westen.

    Martin Schaal und Dietmar Arnold 2019 auf der Bösebrücke
    © Sputnik / Armin Siebert
    Martin Schaal und Dietmar Arnold 2019 auf der Bösebrücke

    Im Gegensatz zu Schaal konnte Arnold als West-Berliner schon vor der Wende in den Osten reisen und war seit 1986 fast monatlich in Ost-Berlin. Trotzdem sei die Situation in der geteilten Stadt auch für ihn nicht alltäglich gewesen, wie er erzählt:

    „Da hat man dann auch drüben Studenten kennengelernt und war befreundet und dann war das völlig skurril, wenn die einen noch bis zum Tränenpalast, also bis zum Grenzübergang Friedrichstraße begleitet haben und sie konnten nie auf ein Bier mit zu mir kommen, obwohl ich nur zwei Stationen weiter in ‚Bellevue‘ gewohnt habe. Für sie war die Welt da zu Ende. Das war schon abartig.“

    Drei Tage wach

    Am Morgen nach der Nacht des 9. Novembers war ganz Berlin berauscht. Trotzdem gingen die Menschen zur Arbeit, es war ein Freitag. So auch Martin Schaal. Während in den Monaten zuvor immer mehr seiner Orchesterkollegen der Komischen Oper über Ungarn die DDR verließen, hat „interessanterweise am 10. November abends bei der Vorstellung keiner gefehlt.", erzählt Schaal.

    Von seiner Wohnung in der Oderberger Straße aus, konnte der Musikstudent über die nur wenige Meter entfernte Berliner Mauer schauen. Bereits am 11. November wurde unmittelbar vor Schaals Haustür die Mauer abgetragen und ein Grenzübergang eingerichtet. „Ich hätte nie daran gedacht, dass ich dort mal über die Straße gehen kann. Das war unvorstellbar.", so Schaal. In den nächsten Wochen war er oft drüben, den Westteil der Stadt erkunden, wie die vielen Ausreisestempel in seinem DDR-Personalausweis von damals bezeugen. Am 11. November bekam Schaal seinen Stempel direkt vor der Haustür von einem LKW herunter in den Pass gedrückt. Sein neuer Freund Dietmar begrüßte ihn Akkordeon spielend drüben auf der anderen Seite. Am nächsten Tag war Arnold das erste Mal zum Gegenbesuch bei seinem neuen Kumpel in dessen Studentenbude auf der Oderberger Straße. Das war die erste von vielen Ost-West-Feten dort. „Eigentlich haben wir vier Tage nur Party gemacht", erinnert sich Arnold."“Das war die schönste Zeit", schwärmt sein Freund Martin.

    Wer ist Ossi und wer ist Wessi?

    Die Gegend um die Oderberger Straße im Bezirk Prenzlauer Berg ist jetzt eine der teuersten Wohngegenden der Stadt und Touristen-Hotspot. Dietmar Arnold, der sein Hobby zum Beruf gemacht hat, ist inzwischen Vorsitzender des Vereins "Berliner Unterwelten“, der eben jene Gegend zwischen Oderberger und Bornholmer Straße zu seinem Forschungsobjekt gemacht hat. Im Berliner Untergrund legen die Enthusiasten hier Fluchttunnel, Bunker und andere historische Stätten der wechselhaften Berliner Geschichte frei.

    Martin Schaal und Dietmar Arnold nach 30 Jahren wieder an der Bornholmer Straße
    © Sputnik / Armin Siebert
    Martin Schaal und Dietmar Arnold nach 30 Jahren wieder an der Bornholmer Straße

    Martin Schaal spielt bis heute Kontrabass im Orchester der Komischen Oper. Der Autor dieser Zeilen hat die beiden Freunde übrigens zu Beginn falsch eingeordnet und den breit berlinernden Arnold, der Anfang der 1990er Jahre eine Russin heiratete, für einen Ossi und den eher seriösen Opernmusiker Schaal für den Wessi gehalten. So kann es gehen 30 Jahre nach dem Mauerfall. Berlin ist halt Berlin. Während viele Westdeutsche bis heute noch nie im Osten waren, hatten die Berliner kurze Wege und so ist die Stadt vielleicht am schnellsten wieder zusammengewachsen.

    Statt Stacheldraht nun Supermarkt

    Am ehemaligen Grenzübergang an der Bösebrücke auf der Bornholmer Straße erinnern heute Gedenktafeln, ein Stück der Original-Mauer und ein "Platz des 9. Novembers 1989" an den historischen Ort. Leider wurden die DDR-Grenzanlagen komplett abgerissen und mussten einem Discounter Platz machen.

    „Ich hatte auch gehofft, dass es zumindest eine Stelle gibt, wo man sich das Unmenschliche dieser ganzen Konstruktion und Apparatur anschauen kann, die darauf ausgerichtet war, jedes Durchkommen unmöglich zu machen.“, sagt Arnold.

    In ganz Berlin wurde Anfang der 1990er Jahre radikal die 160 km lange Mauer abgetragen, die sich kreuz und quer durch und um Berlin herum zog. Größere Abschnitte wurden als Denkmal nur an der Bernauer Straße und bei der sogenannten "Eastside Gallery" in Mitte/Friedrichshain erhalten.

    Inzwischen verbindet die beiden Freunde Martin und Dietmar mehr als nur die Erlebnisse dieser historischen Nacht. Aber hier begann alles:

    „Das Spannende für uns in dieser Nacht war erstmal, dass es friedlich geht. Und allen war irgendwo klar, egal, wie lange es dauern wird, diese Teilung ist jetzt vorbei. Auf dieser Brücke diese Erfahrung zu machen, wie sich Menschen von beiden Seiten weinend in den Armen liegen, das war einen unglaubliche Stimmung, die diese Stadt noch eine ganz Weile getragen hat.“, erzählt Schaal bewegt.

    Jedes Jahr versammeln sich am 9. November in den Abendstunden an der Bösebrücke Berliner, um bei einem Glas Sekt an die Ereignisse von 1989 zu erinnern. In diesem Jahr zum 30. Jubiläum des Mauerfalls dürfte am 9. November etwas mehr los sein auf der Bösebrücke. Vielleicht treffen sich dann auch Martin Schaal und Dietmar Arnold. Der „Späti“ dort, wie die Berliner zum Kiosk sagen, dürfte wieder leergekauft werden.

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