04:10 18 November 2019
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    Aufschrift an der Berliner Mauer nach dem Beitritt der DDR zur BRD am 3. Oktober 1990

    9. November 1989: Als überraschte DDR-Grenzer das Tor in den Westen öffneten. Teil 1

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    Die Mauer fiel, die Mauer steht
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    DDR 1989 – Erst Feier zum 40. Jahrestag, dann "Mauerfall" und Untergang (94)
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    Der Blick auf den 9. November 1989 konzentriert sich auf die Berliner Mauer. Doch die vor 30 Jahren verkündete sofortige Reisefreiheit für DDR-Bürger hat ebenso die lange Grenze zur BRD geöffnet. Auch dort haben noch am 9. November die ersten DDR-Bürger die Trennlinie überquert. Sputnik hat mit einem Ex-Grenzoffizier darüber gesprochen.

    Die auf der Pressekonferenz am Abend des 9. November 1989 von SED-Politbüromitglied Günter Schabowski verkündete Reisefreiheit führte nicht nur zu einem Ansturm der DDR-Bürger auf die Berliner Mauer. Ähnliches geschah an der mehr als 1500 Kilometer langen Grenze der DDR zur BRD, wenn auch nicht gleich in solchen Dimensionen. Dennoch gab es hier ebenfalls noch am 9. November die ersten freien Übergänge von Ost nach West.

    Herbert Prauß war gerade am 6. November 1989 offiziell zum Kommandeur des neu geschaffenen Grenzbezirkskommandos (GBK) 4 Suhl ernannt worden. Drei Tage später, in der Nacht zum 10. November, erlebte er mit, wie durch eine chaotische Entscheidung in Berlin die Grenze der DDR zur BRD geöffnet wurde, die mehr als nur eine „innerdeutsche Grenze“ war, wie sie allgemein bezeichnet wird.

    Prauß (Jahrgang 1948) war zu dem Zeitpunkt Oberst der Grenztruppen der DDR, in denen er seit 1967 diente. Er hatte nach der Offiziersschule die ganze militärische Dienstgradstufenleiter einschließlich Militärakademie erklommen. Bevor er Chef des GBK 4 wurde, war er Stabschef im Grenzkommando Süd der DDR. Das wurde in Folge einer Strukturreform in den Grenztruppen 1989 aufgelöst und aufgeteilt, entsprechend der Grenzen der DDR-Bezirke. Es reichte vom Südharz bis Bad Elster im Vogtland.

    Oberst a.D. Harald Prauß nach dem Gespräch mit Sputnik im thüringischen Gotha
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Oberst a.D. Harald Prauß nach dem Gespräch mit Sputnik im thüringischen Gotha

    Überraschte DDR-Grenztruppen

    Der ehemalige Grenzoffizier hat kürzlich in der Zeitschrift „Kompass“ beschrieben, wie am 9. November 1989 die Grenzöffnung zwischen DDR und BRD ablief. Diese wird allgemein als „Mauerfall“ bezeichnet und meist mit Blick auf Berlin gesehen und beschrieben. „Kompass“ ist die Zeitschrift des „Verbandes zur Pflege der Traditionen der NVA und der Grenztruppen der DDR“. Im Gespräch mit Sputnik berichtete Prauß, wie er die Ereignisse vor 30 Jahren erlebte.

    „Außerordentlich überraschend“ sei für ihn gewesen, was damals geschah. Er habe an dem Abend des 9. November 1989 im Kommandostab in Sonneberg zufällig im Fernsehen die übertragene Pressekonferenz gesehen, die alles ins Rollen brachte. Auf der hatte SED-Funktionär Günter Schabowski erklärt, die DDR-Bürger könnten „ab sofort“ und „unverzüglich“ über die Grenze zur BRD und zu West-Berlin reisen und ausreisen.

    „Wir waren in jeder Hinsicht, wie jeder andere Bürger der DDR, überrascht“, erinnerte sich Prauß. Es habe niemanden gegeben, der ihm und den anderen Grenzern etwas dazu habe erklären können. Das sei auch im Vorfeld nicht geschehen. „Wir haben mit allem gerechnet, aber nie damit.“ Allerdings sei an der Grenze zur BRD – das Grenzbezirkskommando 4 befand sich im heutigen Thüringen – erst einmal alles wie bisher weitergelaufen, so der Ex-Oberst.

    Verzögerte Reaktion

    Zustände wie die Massenaufläufe an den Grenzübergängen zwischen Ost- und West-Berlin noch in derselben Nacht habe es in dem Grenzbereich, der ihm unterstand, nicht gegeben. „Da war eher Ruhe“, stellte er rückblickend fest. Es sei nicht so schnell wie in Berlin gegangen, bedingt durch die andere Lage.

    Die Menschen aus den nahen Ortschaften seien erst mit einigen Stunden „Verspätung“ zu den Grenzübergängen zwischen dem heutigen Thüringen und Hessen/Bayern geströmt. Allerdings seien zuvor, gegen 2 Uhr nachts, die Übergänge bei Meiningen und bei Eisfeld geöffnet worden. Dort seien kurz nach der Schabowski-PK die ersten mit dem Auto angekommen, um zu sehen, ob es stimmt, was sie im Fernsehen gehört hatten.

    Prauß verwies darauf, dass die Passkontrollen durch Offiziere der Passkontrolleinheiten (PKE) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) erfolgten. Diese hätten zwar die Uniform der Grenztruppen getragen, mit diesen selbst aber nichts zu tun gehabt. Die Grenztruppen seien dagegen für die militärische Sicherheit am Übergang und an der Grenze rechts und links verantwortlich gewesen. Innerhalb des Übergangs seien der jeweilige PKE-Kommandeur sowie die entsprechende Einheit des Zolls der DDR verantwortlich gewesen.

    Ein übriggebliebener DDR-Grenzstein im ehemaligen Grenzgebiet, fotografiert im April 1993
    © Foto : Herbert Prauß
    Ein übriggebliebener DDR-Grenzstein im ehemaligen Grenzgebiet, fotografiert im April 1993

    Unwissende Vorgesetzte

    Nach den Berichten aus Berlin sei dann in der Nacht zum 10. November durch die Passkontrolleure entschieden worden, die Übergänge zu öffnen, erinnerte sich Prauß. Die TV-Meldungen und Liveberichte hätten dafür gesorgt, dass zunehmend mehr Menschen zu den Übergängen an der Grenze zwischen der DDR und der BRD kamen und die verkündete Reisefreiheit testen wollten.

    Ohne zentrale Informationen hätten die Übergangsstellen und die Grenzbezirkskommandos sich untereinander über die Lage ausgetauscht. „Wir haben auch versucht, über die Vorgesetzten Informationen zu bekommen. Aber da war anfangs nichts möglich, da kam nichts.“. Direkter Vorgesetzter von Prauß war der Chef der DDR-Grenztruppen, General Klaus-Dieter Baumgarten.

    Der hatte mit in der ZK-Tagung gesessen, in der SED-Generalsekretär Egon Krenz die geplante Reiseverordnung vorlas, bevor er sie Schabowski weitergab und der sie voreilig verlas. Aber Baumgarten selbst schien an dem Tag nicht begriffen zu haben, was er da hörte. Er entschuldigte sich später, die DDR-Grenzer in der Nacht vom 9. November 1989 im Stich gelassen zu haben.

    Fehlende Vorinformationen

    Der gesamte Stab der Grenztruppen sei vorab nicht informiert worden, erinnerte sich Prauß: „Wir haben uns dann schon selbst helfen müssen.“ In den folgenden Stunden und Tagen sei ein enormer Druck auf die Grenzer entstanden. „Die Menschen wollten dann nicht mehr 100 Kilometer bis zur nächsten Grenzübergangsstelle fahren. Sie wollten dann ihre eigene Grenzübergangsstelle haben.“

    Noch bis in den Herbst 1989 hätten die militärischen Befehls- und Kommunikationslinien von oben nach unten funktioniert, erklärte Prauß auf Nachfrage. Aber schon zuvor seien diejenigen, die Beschlüsse und Befehle umsetzen mussten, nicht einbezogen worden, wenn diese vorbereitet wurden. Bereits bei der Strukturreform der Grenztruppen 1989 habe sich das gezeigt und zu Problemen geführt. „Das System wurde uns fix und fertig auf den Tisch gelegt, zur Kenntnis gegeben und wir haben es umgesetzt.“

    Das spitzte sich dann bei den geplanten neuen Reiseregelungen für DDR-Bürger zu. Das bestätigte Grenztruppenchef Baumgarten in seinen „Erinnerungen“, denen zufolge selbst er nicht vorher informiert wurde. Prauß stellte in seinem „Kompass“-Beitrag mit Blick auf den 9. November klar: „Hätte der Genosse Schabowski nicht gesagt, das gilt sofort, sondern, wie geplant, ab dem 10.11.89 04.00, wäre die Entwicklung wohl kaum anders verlaufen.“ Das Ministerium für Verteidigung und die Grenztruppen der DDR seien in die Vorbereitungen nicht einbezogen worden.

    Hilflose Machtorgane

    Nach der Grenzöffnung in der Nacht vom 9. November seien die höchsten Führungsorgane nach der ersten Schockstarre den Ereignissen aber nicht mehr hinterher gekommen, so Prauß. Die bisherigen Mechanismen hätten nicht mehr ausgereicht, um der Lage Herr zu werden. Als der DDR-Ministerrat am 12. November 1989 beschloss, die bisherige Sperrzone vor der Grenze abzuschaffen, seien die Grenztruppen wieder überrascht worden. Nun konnten die DDR-Bürger ungehindert bis an den Grenzzaun gehen, selbst alle Ausländer, die im Land lebten und arbeiteten.

    Die ersten neuen Übergänge im Bereich des GBK 4 seien dann bereits am 12. November in Vacha bei Bad Salzungen und in Höhnbach bei Sonneberg eingerichtet worden. Das sei dem Druck von Tausenden auf beiden Seiten der Grenze geschuldet gewesen, erinnerte sich der Ex-Offizier.

    Zwar habe die militärische Befehlskette zu diesem Zeitpunkt wieder funktioniert, so Prauß. „Aber die politische Macht im Lande war real nicht mehr so vorhanden wie das vorher üblich war. Und wie man das benötigt hätte, um eine solche Grenze in hergebrachter Art und Weise zu sichern. Dazu hatten wir keine Chance und das haben wir auch begriffen.“ Die Grenztruppen hätten sich deshalb mit den örtlichen Behörden abgestimmt, mit den Bürgermeistern und den Räten der Kreise, soweit sie noch regulär arbeiteten.

    Keine Gegenmaßnahmen

    „Da gab es nur noch eine Möglichkeit: Wir machen auf und kontrollieren. Das Reisegesetz sagt, die Menschen dürfen und können reisen.“ Das Kommando der DDR-Grenztruppen in Pätz habe es nicht mehr bewältigt, jeden neuen Übergang erst noch zu genehmigen. Manchmal hätten die Bürgermeister der Orte auf beiden Seiten nicht warten wollen und schon alles organisiert, samt Feier mit der Blaskapelle der örtlichen Freiwilligen Feuerwehr. Laut Prauß haben die DDR-Grenzsoldaten jeweils in der Nacht zuvor die Übergänge vorbereitet und die entsprechenden Stellen von den Grenzsicherungsanlagen befreit.

    Die Grenzsoldaten hätten die notwendigen Vorbereitungsarbeiten gern erledigt, „weil sie merkten, sie werden gebraucht“. Zu ihnen seien die Bewohner der grenznahen Orte überwiegend freundlich gewesen, froh, endlich in den Westen fahren zu können. Noch bis Mitte Januar 1990 hätten die Angehörigen der PKE des bisherigen MfS die Grenzgänger kontrolliert. „Das mussten wir dann komplett selbst übernehmen“, erinnerte sich Prauß.

    Es habe vor Ort keine Diskussionen zu Gegenmaßnahmen gegeben, um die Grenze wieder zu schließen, sagte er auf die Frage danach. Gegen solche hatte sich auch der Grenztruppenchef Baumgarten ausgesprochen, wie er in seinen Erinnerungen schrieb. „Für mich und viele andere aus meinem Bereich war klar, dass diese Entwicklung nicht mehr rückgängig zu machen ist“, so Prauß dazu. Es sei nur noch versucht worden, die Zahl der neuen Grenzübergänge klein und überschaubar zu halten. Das sei aber oft nicht gelungen, fügte er hinzu, „weil einfach die Bürgermeister oft ihr Heil in der Flucht suchten und versuchten, etwas Gutes für die Bürger zu tun“.

    Erleichterte DDR-Grenzer

    Heute erscheint erstaunlich, dass jene, die die DDR-Grenze zu bewachen und zu beschützen hatten, im November 1989 bereit waren, diese zu öffnen. Prauß erklärte dazu, dass die DDR-Grenzer die Grenze „nicht auf ewig“ so sichern wollten, wie es lange Zeit erforderlich war. „Der Dienst an der Grenze war unter diesen Umständen und Bedingungen außerordentlich schwierig und hart. Aber wir haben diese Umstände und Bedingungen nicht geschaffen.“

    Er habe während langjähriger Beschäftigung mit dem Thema festgestellt, „dass die Bundesrepublik und der Westen im allgemeinen nie an einer Wiedervereinigung interessiert waren. Und alles, was getan wurde, wurde getan, um genau das nicht kommen zu lassen. Am Ende hat man das tatsächlich historisch beendet, indem es zum Anschluss gekommen ist. Wir haben bis heute keine Wiedervereinigung. Der Westen hat sein Ziel erreicht. Viele Probleme, die es heute gibt, resultieren aus meiner Sicht einzig und allein aus dieser Tatsache.“

    Die Umstellung sei für die DDR-Grenzer weniger schwierig gewesen, als es scheint, so Prauß. „Wir und unsere Soldaten waren keine ‚waffenstarrenden Monster‘ wie es manchmal zu lesen ist. Sie haben ihre Dienstpflicht getan und waren heilfroh, wenn es am Ende des Dienstes keine Vorkommnisse gab.“ Aus seiner Sicht war die politisch gestellte Aufgabe, die DDR-Grenze unter diesen Umständen hundertprozentig zu sichern, „wohl nicht ganz real“. „Da kann man Sperranlagen errichten wie man will, wenn im Land die Bedingungen nicht stimmen, kann die Grenztruppe als letztes Glied in der Kette das auch nicht zu 100 Prozent sichern.“

    Der ehemalige Grenzstreifen zwischen DDR und BRD in der Nähe von Eisenach, fotografier tim April 1993
    © Foto : Herbert Prauß
    Der ehemalige Grenzstreifen zwischen DDR und BRD in der Nähe von Eisenach, fotografier tim April 1993

    Verpasste Gelegenheiten

    Prauß verwies bei der Frage, wie er die sich entwickelnde Situation in der DDR hin zum Herbst 1989 erlebt hat, auf die Zeit von 1984/85. Damals sei ohne jegliche Vorbereitung der Befehl gekommen, die Selbstschussanlagen und die Erdminen an der Staatsgrenze zu beseitigen. Damals hätten viele DDR-Grenzer gehofft, dass dieser Entspannungsprozess weitergeht. Dazu hätten die Gespräche zwischen Ost und West in der Folgezeit beigetragen. Doch später habe sich gezeigt, dass eine Entspannung im beiderseitigen Interesse auf Dauer nicht gewünscht war.

    „Damals hätte man nachlegen müssen, auch was die Reisemöglichkeiten für DDR-Bürger anging“, sagte er. „Das haben die Menschen gewünscht.“ Nachdenklich fügte er hinzu: „Vielleicht wäre die Geschichte anders verlaufen, ich weiß es nicht.“ Die nachfolgende Entwicklung habe auch unter den DDR-Grenzern zu Enttäuschungen und Unzufriedenheiten geführt. Das sei bis zu den Zügen mit den Botschaftsbesetzern aus Prag und Warschau über das DDR-Gebiet im Oktober 1989 gegangen. Das habe niemand in den Grenztruppen verstanden, dass die DDR-Führung damals so borniert war, erinnerte sich Prauß.

    Teil 2 des Rückblicks von Oberst a.D. Herbert Prauß ist am Sonntag zu lesen. Darin geht es unter anderem um die Frage, warum in der Nacht vom 9. November kein Schuss fiel und was der überraschenden Grenzöffnung folgte.

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    DDR 1989 – Erst Feier zum 40. Jahrestag, dann "Mauerfall" und Untergang (94)
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    30 Jahre Mauerfall, Berliner Mauer, Flucht, Reise, Passkontrollen, Grenze, DDR