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02:39 20 Oktober 2019
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    Zigarettendose aus dem Aluminiumblech eines abgestürzten Flugzeuges

    Gereimte Kriegsgefangenschaft Königsberg- Moskau und zurück

    © Foto vom Blogger Zivilist
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    Mein Großvater war damals 53 Jahre alt. Aus dem Aluminiumblech eines abgestürzten Flugzeuges hat er eine Zigarettendose gemacht.

    Meine Kriegsgefangenschaft

     

    Ich will jetzt hier in bunten Bildern

    Versuchen, meine Kriegsgefangenschaft zu schildern.

    Den 10. 04. (1945) vergesse ich nicht —

    Führt man uns ab vom Königsberger Amtsgericht.

    Man sagte uns "Gott ist gerecht"

    Doch anstatt Herren wurden wir nun Knecht.

    Erst war's ein Propagandamarsch nur durch die Stadt,

    Von hier, wir waren schon recht müd und matt,

    Gings über Juditten und Tannenwalde Goldschmid zu,

    bis man uns gönnt ein halbes Stündchen Ruh.

    Noch 20 Kilometer dann marschierten wir

    Bis man uns gab auf freiem Felde Nachtquartier

    Trotz Decke, Mantel und auch Kleider,

    Haben gefroren wir so wie die Schneider.

    Doch Tags darauf, es war des Guten fast zu viel,

    Erreichten wir nach 25 Kilometer unser Ziel.

    Luisenfelde, ein Gefangenenlager nahm uns auf,

    Dann nahm das Schicksal weiter seinen Lauf.

    Man gönnte uns 3 Tage und 3 Nächte Ruh,

    Dann gings Gefangenenlager Zargen, dicht bei Tapiau, zu.

    Nach einer Nacht im Freien und bei Regen,

    Empfanden wir 3 Wochen Scheunenaufenthalt als Segen

    Doch die Verpflegung,- Wasserrübensuppe, grobes Brot,-

    Bracht viele Kameraden hier in Not.

    Der Magen rebellierte, welche Plage,

    Manch Einer war nicht Herr mehr seiner Lage,

    sein Hemd wurd braun, drum wurd und klar,

    Dass er auf Hitlers Spuren war.

    Auch gab man uns durch Freude Kraft

    durch Arbeit in der Landwirtschaft.

    Man soll das Gute nicht vergessen,

    Es Gab dafür ein Sonderessen.

    Auch bracht die gute Allgemeinbehandlung,

    Bei manchem Nazi innerliche Wandlung.

    Doch eines Tages marschierten wir nach Wehlau ab,

    Mal ging es langsam, mal schneller und auch Trab.

    Per Bahn gings nun im großen Stil,

    Nach Insterburg, dem nächsten Ziel.

    Lager Georgenburg, es war nicht weit,

    Erreichten's auch nach kurzer Zeit.

    Doch nur 2 Tage machten wir hier Rast,

    Zurück nach Insterburg ging es in großer Hast.

    Noch einmal mußten wir im Freien übernachten,

    Die Posten andern Tags uns unterbrachten

    In Eisenbahnwaggons zu 50 Mann,

    Die große Reise ihren Anfang nahm.

    Fünf Tage lang der Zug nach Osten rollte,

    Lager Rybinsk das nächste Ziel sein sollte,

    Nordöstlich Moskau sollt es liegen,

    Wir mußten uns in unser Schicksal fügen,

    Es überlassen höhrem Walten,

    Doch sollt es sich recht gut gestalten.

    Die Unterkunft war besser als gedacht,

    In Häusern, die aus Holz gemacht

    Verpflegung ungewohnt, auch wurd man nicht recht satt.

    Und ward man von der Fahrt noch etwas matt

    So fand Erholung Herz und Magen

    In sechzehn Quarantänetagen

    Jedoch das Klima Manchem Krankheit brachte,

    Sich auch bei mir bemerkbar machte

    Erkältung, Fieber auch zuweilen,

    Musst ich im Lagerlazarett ausheilen

    In einer Kur, fünf Wochen lang.

    Gesund war ich dann, Gottseidank.

    Zwei Tage Schonung noch, und dann-

    Die Wiedergutmachung begann

    Durch Arbeit mancherlei Gestalt,

    Die man hier gab für jung und alt.

    Zur Arbeit wurden wir geweckt um 6 Uhr früh,

    3/4 Liter Suppe uns dann neue Kraft verlieh,

    Und auch 1/4 Liter Kascha, den man uns gereicht,

    Sollt stärken unsre Arbeitsfähigkeit.

    Um 7 1/2 marschierten wir zur Arbeit ab,

    So manchen von uns machte sie recht schlapp.

    Bis 12 Uhr mußten wir dann werken,

    dann konnten wir uns nochmals stärken

    Durch eine Suppe und auch Brot,

    Das man uns hier für unsre Arbeit bot

    Bis 6 Uhr abends rührten fleißig sich die Hände,

    Dann war der Arbeitsdienst zu Ende

    Zurück zum Lager gaben Posten das Geleit,

    Die Abendsuppe, sie stand schon bereit,

    Wurd noch der Rest vom Brot verzehrt

    Um 10 Uhr gings dann zur Ruh,

    Manch einer macht die Augen zu,

    Dem Schlaf sie den Tribut nun zollten

    Wenn es die bösen Wanzen wollten.

    Doch eines Tages wurden wir zum Waldkommando kommandiert,

    Ein Auto hat an Ort und Stelle uns geführt.

    Am Wolgastrand begann nun unser emsig Wirken

    wir mußten fällen Fichten und auch Birken.

    Doch Tanen auch und manchmal Kiefern,

    Mußten wir der Wolga Fluten Überliefern

    Zu Flößen baut man sie zusammen dort,

    Ein Wolgadampfer bracht sie zum Bestimmungsort.

    Den bösen Wanzen waren wir entrückt

    Und von der Landschaft ganz entzückt

    Gaben wir bei der Arbeit das Beste her —

    Doch Baumstämme tragen, es ist schwer.

    Weil uns die Graupensupp gab ungeheure Kraft,

    Hat's Mancher, der's nicht glaubte, doch geschafft.

    Die Leitung, die das Lager tut verwalten,

    Bemühte sich, die Freizeit recht gut zu gestalten.

    Man konnt vergessen fast sogar,

    Daß man noch Kriegsgefangener war

    Doch das verhältnismäßig freie Leben,

    Das man uns hier bei Waldluft hat gegeben,

    Konnt auch beim allerbesten Willen

    Nicht unsre Heimatsehnsucht stillen.

    Stets steht die Frag im Vordergrund,

    Zu allen Zeiten, jeder Stund,

    Und war das Leben noch so schön

    "Heimat, wann werden wir uns wiedersehen"?

    Rückkehr zur Heimat, so schwirrten die Parolen,

    Doch Sterne kann man nicht vom Himmel holen,

    Drum ließ in trüben und auch guten Zeiten,

    Ich stets vom Schicksal mich geleiten.

    Geschwollene Füße, eine typische Erscheinung

    Und auch Bronchitis, mußte ich nach Meinung

    Der Schwester- sie tat's der Leitung kund-

    Im Lazarett ausheilen, bis ich ganz gesund.

    Am 13. Dezember dann die Kur begann,

    Das Weihnachtsfest, es nahte schnell heran.

    Stille Nacht, heilige Nacht,

    An euch, ihr Lieben, wir haben gedacht.

    Tausende Kilometer mußten wir überbrücken,

    Um unsere Grüße zu euch hinüberzuschicken.

    Die Herzen voll Trauer, in den Augen Tränen,

    So ging zu uns vielleicht euer Sehnen.

    Wir aber, wie gerne würden wir zu euch eilen,

    Um euer Leid redlich mit euch zu teilen.

    Habt Mut, ihr Kinder Mütter und Frauen,

    Ihr müßt hoffnungsvoll in die Zukunft schauen.

    Denn einmal muß auch wieder die Sonne scheinen

    Und das Schicksal wird uns für immer vereinen.

    Die Zeit verflog mit Blitzesschnelle,

    So überschritten wir des neuen Jahres Schwelle

    Wird uns der Neujahrsglocken Klingen,

    Erfüllung unsrer Wünsche bringen?

    So nahte auch der 12. Januar heran,

    Als aus dem Lazarett ich zur Entlassung kam.

    Da schlug wie eine Bombe ein das Wort

    "350 Mann bereit halten zum Abtransport".

    Und schon orakelte man hin und her,

    Was wohl das Ziel der Reise wär.

    Ist's Moskau oder kann die Heimat man erhoffen,

    Die Frage stand für alle von uns offen.

    Vier Tage später dann der Zug südwestlich mit uns rollte,

    Nach Moskau uns das Schicksal führen sollte.

    Die Fahrt, 300 Km dauerte sechs Tage,

    Sie war erlebnisreich wohl ohne Frage.

    Die Worte waren manchmal nichtmehr fein,

    Im Tierpark glaubte man zu sein

    Da haucht man Ochse, Esel, krummer Hund,

    Esel, Hammel, Rindvieh und

    Sau und auch Rhinozerus,

    Auch Kamel und auch Walross,

    Meint's einer gut, sagte er schnell:

    Klappriges Kriegsgefangenengestell

    In Moskau ein Musterlager vorzufinden,

    Die Hoffnung ließ sich nicht begründen.

    Wohl zeigte bei der Arbeit man Vernunft

    Doch mäßig war Verpflegung und auch Unterkunft.

    Jedoch der Monat März zur Besserung führte

    Als man mit 50 Mann mich plötzlich kommandierte,

    Man schrieb bereits den 15. April

    Nach Tuschino, wie es das Schicksal will.

    Das Lager lag von Moskau 25 Km weit,

    Der Wechsel tat uns gar nicht leid.

    Hier werkte ich — Wer's nicht glaubt,

    zahlt einen Taler — Als Hilfsarbeiter für Maurer und auch Maler.

    Der 26. April dann eine Änderung brachte,

    Weil wieder sich bei mir bemerkbar machte,

    Eine Bronchitis, die an das Lebensmark mir fuhr,

    Drum musst' ins Lagerlazarett ich schnell zur Kur.

    Die ärztliche Betreuung muß ich wirklich loben,

    doch nach drei Wochen wurd' ich wieder abgeschoben,

    Erhielt zur Nachkur 14 Tage freie Zeit,

    Dass sie zu Ende, tat mir wirklich leid.

    Im Stillen stellt ich mir die Frage:

    Was bringen wohl die nächsten Arbeitstage?

    Ich hatte Glück — auf alle Fälle,

    Denn nahrhaft war sie sehr, die Küchenheizerstelle,

    Die wohl den Körper manchmal machte matt,

    doch war das Essen reichlich, und man wurde satt.

    Ganz unerwartet, wie aus fremder Sphäre,

    Waren Worte, inhaltsschwere,

    Die unsre Ohren nahmen auf,

    "Der Rücktransport nimmt seinen Lauf"

    Gedanken flogen durch die Himmelsräume,

    Zum Heimatland, zum Land der Träume.

    Denn Sehnsucht reift, wie jede Blüte reift,

    Doch die Erfüllung ist es, die man nicht begreift.

    Sollt wirklich der Zug uns nach Deutschland tragen,

    Man könnte vor Freude Purzelbaum schlagen.

    Doch die Erfüllung, ihr müßt es verstehn,

    Der 17. Juli, er hat es gesehen.

    Man glaubte, man hätte sich selbst verlassen,

    Solch Freude kann man nicht in Worte fassen.

    Die Strapazen der Reise, wir ertrugen sie gern,

    Denn das Glück, es lag ja jetzt nicht mehr fern,

    Der Blick nur gerichtet nach den Gleisen,

    Als wollt er den Weg nach dem Westen weisen.

    Noch einmal erbebten die Herzen vor Lust,

    Man schreibt bereits den 3. August,

    Da konnten den Ährenschmuck der Auen

    Wir endlich im Deutschen Vaterland schauen.

    In Frankfurt a.O. mussten wir noch einmal das Lager passieren,

    Dann endlich sollte der Weg in die Freiheit uns führen.

     

    Und jetzt brauch ich nicht durch Wertvergleichen,

    den Russen hier herauszustreichen.

    Wie war er oft so kaltbedächtig,

    recht herzlos und auch wieder prächtig

    Auch gehört es nicht zu seiner Ehre Kodex

    Daß mancher erhielt manchen Tritt in den Podex

    Doch genug des Grams, wir dürfen nicht erliegen,

    Wer sich dem Leben stellt, wird siegen.

    Aus ist es mit der Gefangenschaft,

    Damit wir leben, wird wieder gerafft,

    Die Gedanken jedoch zu den Kameraden gehen,

    Wir grüßen aus der Heimat, auf Wiedersehen!

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    Tags:
    Gefangenschaft, Zweiter Weltkrieg