06:09 19 Juli 2018
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    Johannes Blaskowitz

    Meine Ahnen im Osten - Teil2

    © Foto : Bundesarchiv
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    von Zivilist
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    Diesmal geht's um meinen Großvater mütterlicherseits, der den zweiten Weltkrieg nur knapp überlebte und um General Blaskowitz, mit dem ich aber nicht verwandt bin.

    Meine Großmutter und ihre beiden Schwestern haben eine gute Ausbildung erhalten, die aus der Witwenrente ihrer Mutter nicht zu bestreiten war. Es ist daher zu vermuten, dass 'Onkel Baske' half, ein Königsberger Humanist, der sich sehr für Volksbibliotheken und die Bildung der Mädchen einsetzte. Meine Großmutter brillierte als Kunststudentin. Nach einem Zwischenstopp im Schloss Torgau, (über der Brücke, wo sich 1945 Russen und Amis trafen) bei einem väterlichen Freund, unter dessen Leitung sie im WW 1 in Ostpreußen aufbauend volontierte, beginnt sie 1920 ihren ersten Job in Mannheim. Zigarrenkistenetiketten lagen ihr besonders und mit dem Scharlachberg Etikett setzt sie sich ein Denkmal, das Unternehmen hatte offenbar goldene 20er Jahre.

    Meine Großmutter 1919 in Torgau
    © Foto vom Blogger Zivilist
    Meine Großmutter 1919 in Torgau
    Dort lernt sie ihren Mann kennen. Wie viele Grafiker war er von japanischer Grafik begeistert und beging die Dummheit, sich im WW 1 zur Marineinfanterie zu melden, in der Hoffnung, Tsingtau verteidigen zu dürfen, er kam aber nur bis zu Flanderns Schützengräben und ihm blieben die Albträume.

    Das Leben war lustig in der Villa eines Bankers, den die wirtschaftlichen Turbulenzen in den Suizid getrieben hatten, leider hatte der jüdische Eigner der Mannheimer Druckerei bald Grund, in die USA abzureisen, und mit 2 Töchtern und ohne Arbeit war das Leben nicht mehr so lustig. Nach langer Suche gab es Arbeit in Bautzen und eine schöne Wohnung in Dresden. Anlässlich der Sudetenkrise wurden die Gasmasken gekauft. Der Vorgänger hatte seinen Job verloren, weil er Vierteljude war, meine Großmutter hat seine Frau einmal besucht und es ist nicht klar, ob der Vorgänger an seinen Arbeitsplatz zurückkehrte oder ob Kunstdruck einfach nicht mehr gebraucht wurde, jedenfalls hatte mein Großvater bald Grund, sich wieder in die Wehrmacht einzureihen. 

    Als Grafiker und 'Weltkriegsteilnehmer' erhält er im Palais Schaumburg eine Schulung, um fast bis Kriegsende Karten zu zeichnen. Frankreich ist schön, er wird oft für Boten-'Gänge' eingesetzt, schickt seiner Frau Stoff aus Paris, später kann er als Kurier doch noch die Wehrmacht als Reisebüro nutzen.

    Mein Großvater in Frakreich
    © Foto vom Blogger Zivilist
    Mein Großvater in Frakreich

    Nun ist es Zeit, das Boot zu wechseln. Die Provinzirrenanstalt Wehlau hatte auch eine Kirche, der Saal war im ersten Stock und 2 Türme wuchsen imposant aus der Fassade eines großen Gebäudes. Zuständig war der Pfarrer Blaskowitz der nächsten Gemeinde, Paterswalde, dort besuchten die Ärzte den Gottesdienst. Die älteste Schwester meiner Großmutter wurde von ihm getauft, von der mittleren weiß ich es nicht, meine Großmutter nicht mehr, weil nämlich Vater Blaskowitz verstarb.  Sein Sohn wurde General, nach dem Polenfeldzug wird er dort mit der Zivilverwaltung betraut, später legt er in Frankreich den Wechselkurs fest, der es den deutschen Besatzern erlaubt, das Land leerzukaufen. Spät kam in diesem Zusammenhang Görings sogenannter 'Schlepperlass' ans Licht, davor mussten deutsche Soldaten mit Hitlergruß ins Reich einreisen, diese Pflicht wurde ihnen erlassen, damit sie mehr mitbringen konnten.

    Blaskowitz ist es aber auch, der in Polen gegen die Behandlung der Zivilbevölkerung durch die SS einschreitet und gegen die Taten der SS in Ouradour auftritt. Hitler mochte ihn nicht, aber seine Untergebenen liebten ihn. Der australische Historiker Christopher Clark, der sich jüngst bei den Deutschen unbeliebt machte, indem er ihnen die Alleinschuld am WW 1 nahm, begann seine publizistische Karriere mit ' Johannes Blaskowitz – Der christliche General '. Da er bei der Beerdigung meiner Urgroßmutter im Königsberg war, müsste er auch während des Hitlerattentates am 20.07. in der Gegend gewesen sein, ich denke aber nicht, dass er involviert war, mit dem Mensch Hitler war er schwerlich einverstanden, aber soweit ich aus ihm schlau werde, lebte er eine 'christliche' Loyalität zum Führer. Blaskowitz war bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen angeklagt und begeht vor seiner Verhandlung Suizid, indem er sich ins Treppenhaus stürzt. Mir ist diese Version reichlich suspekt, es wäre nicht der erste 'Fenstersturz' und wäre es so gewesen, hätten die Ankläger sich blamiert und kein Interesse an einer Aufklärung gehabt und sonst sowieso niemand.

    Zurück zu meinem Großvater, als kartenzeichnender und reisender Stabsangehöriger dürfte er stets gut informiert gewesen sein. Nach Frankreich folgt eine Phase von Entlassung, Bereitschaft in Dresden, Urlaub, schließlich ist er beim Russlandfeldzug wieder dabei und kommt bis zum 'Waldlager Mogilev'.

    Irgendwo in Weißrussland
    © Foto vom Blogger Zivilist
    Irgendwo in Weißrussland

    Bereits während seiner Anwesenheit vergasen die Nazis dort Juden in Autobussen und planen ein großes Lager zur Ermordung der Juden, ich denke, dass ihm das nicht verborgen bleibt. Noch im Jubel des Sieges betreibt er hartnäckig seine Entlassung, und so bleibt ihm Stalingrad erspart. Später finden wir ihn dann bei Graz, wo er zum Funker ausgebildet wird.

    Von dort tritt er zu Fuß seine Heimreise an, ich vermute, dass er wusste, dass ein Nachbar aus Dresden in Pfarrkirchen bereits in US-Diensten war, dort erhält er Entlassungspapiere, schwimmt bei Lauenburg durch die Elbe und kommt schließlich in Hamburg bei der mittleren Schwester an, von dort tritt er die Reise nach Dresden an. Er dürfte sich sehr genau überlegt haben, wie er eine Kriegsgefangenschaft vermeiden kann. In Dresden ist die Freude groß, aber die Portionen sind klein, zumal die mittlere Schwester aus Königsberg zunächst keine Lebensmittelkarten erhält.

    1946 erkrankt er und stirbt nach kurzer Pflege im Krankenhaus am Weißen Hirsch, das später Ardenne's Labor wird. Im Grunde ist er verhungert, ein Schicksal, das meinem anderen Großvater durch die russische Kriegsgefangenschaft erspart blieb.

    Tags:
    Zweiter Weltkrieg, Johannes Blaskowitz
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