03:31 05 Juni 2020
SNA Radio
    Zum Kurzlink
    Von
    59
    Abonnieren

    Als kleiner Jet musste die Boeing 737 besonders kostengünstig konstruiert sein. Bereits in der Vergangenheit zeigten sich Defizite bei der Sicherheit, aber auch bei der Unfallursachenaufklärung, was mit der Größe des Herstellers zusammenhängen könnte.

    Am 19. März ist in Rostow-am-Don eine Boeing 737 abgestürzt und über die Ursache wird noch gerätselt. Das Wetter war schlecht und nach 2 Stunden Warteschleife misslingt ein zweiter Landeversuch, beim Durchstarten stürzt die Maschine aus geringer Höhe ab, es gibt keine Überlebenden. Der letzte Sputnik-Beitrag weist in die Richtung eines Pilotenfehlers. 

    Mehr zum Thema: Boeing-Katastrophe in Rostow am Don

    Ein Bericht von Peter Haisenko vom 06.04. weist in eine ganz andere Richtung, kurz zusammengefasst besagt er folgendes: Aus Kostengründen war die Maschine nur mit 2 statt wie aus Sicherheitsgründen üblich, 3 Autopiloten ausgestattet. Um in geringer Flughöhe die Flugsicherheit gewährleisten zu können, musste Boeing etwas tricksen und das konnte zu einer extrem schwer zu beherrschenden Fluglage führen, wie vermutlich in Rostow geschehen. 

    Bereits im November 2015 berichtete Sputnik, dass die für die GUS-Staaten zuständige Behörde darauf verzichtet hatte, der Boeing 737 die Flugerlaubnis zu entziehen, eine Maßnahme, die ohnehin nur 6 von 190 Maschinen betroffen hätte, vermutlich ältere Versionen, zu denen die abgestürzte 737-800 nicht gehören dürfte. 

    Die schlimmsten Flugzeugkatastrophen
    © AP Photo / New York Police Department
    Die Boeing 737 begann ihre äußerst erfolgreiche Karriere 1967, im nächsten Jahr wird sie also 50, sie war der erste wirklich erfolgreiche kleine Jet und als solcher musste sie besonders sparsam konstruiert sein. Mit zunehmendem Alter wurde sie auch immer größer, mit 189 Sitzplätzen kann man sie nicht mehr als klein bezeichnen und sie ist der Urahn der großen 2-strahligen Jets, deren erfolgreichstes Muster wohl die Boeing 777 ist. Voraussetzung für diese kostenminimale Konstellation ist die extreme Zuverlässigkeit der Triebwerke. Damit steht die 737 für das Geheimnis jeder Effizienzmaximierung: Zahl der Komponenten minimieren, Größe der Komponenten maximieren. 

    Bereits in den 90ern gab es ein Problem mit der Steuerung, 2 Maschinen waren in den USA abgestürzt, ohne dass man eine Ursache finden konnte. 1996 fand man sie: Wenn heißes Hydrauliköl in das kalte Ventil des Seitenruders strömte, konnte dieses so stark verformt werden, dass es klemmte und die Maschine unkontrollierbar machte, dieses Phänomen trat bevorzugt bei der Landung auf, wo es fatale Folgen hatte. Die Fluggesellschaften hatten bereits eine Routine, das Problem zu 'umfliegen': Nase runter und speed. 

    Diese Zusammenhänge waren 1996 bekannt, 1997 stürzt eine 737 der Silkair aus dem Reiseflug ab, der Pilot war Moslem, dass er 'Nase runter und speed' praktizierte, wertete man als letzten Beweis, dass es ein 'pilot suicide' war. Jahre später findet ein US-Gericht die Ursache doch im Hydraulikventil, allerdings nicht bei Boeing, sondern beim Hersteller des Hydraulikventils! 

    Der Fall Silkair ist ein Lehrstück in Sachen Unfallaufklärung. Letztlich geht es genau wie bei einem Autounfall darum, wer zahlt, also wer ist schuld? Dass man die Schuld dem Pilot geben konnte, obwohl das Problem mit dem Ruder bekannt war, ist erstaunlich, es hat mit den Experten zu tun, sie sind nämlich auf Jobs der Luftfahrtindustrie angewiesen und die ist US- amerikanisch, dass der Hersteller keinen Mangel an seinen Komponenten findet, braucht einen schon gar nicht wundern. 

    So dauerte es bis 2002, bis Boeing verpflichtet wurde, das zu tun, was branchenüblich ist, nämlich ein doppeltes Ruderventil einzubauen. 

    Ist die Boeing 737 also sicher? Ich würde mich jederzeit wieder in die Maschine setzen, ihre 50 Jahre sind ein großes Plus. Die Vergangenheit lehrt aber, dass es keine gute Idee ist, aus Kostengründen Komponenten einzusparen, die allein aus Sicherheitsgründen mehrfach verbaut werden. Die dazu erforderlichen Erfahrungen hätte man sich sparen können. Und diese Geschichte lehrt, dass eine zu gute Zusammenarbeit zwischen Hersteller und den Aufsichtsbehörden nicht der Sicherheit dient. 

    Zum Thema:

    Absturz-Drama in Südrussland: Führte Pilotenstreit zum Boeing-Crash?
    Boeing-Absturz: Russin konnte dem Tod entrinnen
    Nato lässt Piloten bei Boeing ausbilden
    Moskau zweifelt: Zielten Boeing-Untersuchungen wirklich auf Wahrheitsfindung ab?
    Tags:
    Boeing