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    Bau der Brücke über die Straße von Kertsch

    Eine Brücke, aber diesmal wirklich (1)

    © Sputnik / Georgi Simarev
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    Wie alles anfing – und einstweilen wieder aufhörte.

    Es ist ja nicht der erste Anlauf zu diesem Unterfangen, wenngleich es auf der Baustelle schon jetzt nach Erfolg aussieht, schon lange nicht mehr nur nach Anlauf. Die Brücke von Kertsch hat schon mehrere Versuche erlebt, ohne jemals tatsächlich eine Brücke, eine dauerhafte nämlich, geworden zu sein.

    Die im Bau befindliche Brücke über die Straße von Kertsch
    © Sputnik / Georgi Simarev
    Genau genommen hat es diesmal unter Wasser begonnen, nicht über dieses hinweg. Mit Sicherheit war es so nicht beabsichtigt von der Regierung in Kiew, aber mit der Sprengung der Masten der Stromleitung auf die Krim im Jahr 2015 hat die Ukraine die Bindung der Halbinsel an Russland sehr gefördert, von wem auch immer die Initiative zu den Anschlägen ausgegangen sein mag.

    Strom zu haben bedeutet ja sehr viel mehr als nur Licht am Abend. Fällt der Strom aus, haben wahrscheinlich auch hier in Westeuropa schon viele die unliebsame Erfahrung gemacht, dass sich damit z.B. auch die Zentralheizung verabschiedet, sei sie nun mit Öl oder Holzpellets etc. betrieben. Das hilft überhaupt nichts, die Thermostate und Pumpen, ja schlicht das Ein- und Ausschalten der Anlage funktionieren meist mit Strom. Da kann man tausende tröstliche Liter Heizöl im Tank haben – kommt die Dunkelheit, kommt die Kälte. Ganz klar dass das immer dann passiert wenn es am unangenehmsten ist: bei großer Kälte, Stürmen oder großen Neuschneemengen die den Überlandleitungen zusetzen, sie per Lawine womöglich ganz mitnehmen. Glücklich, wer dann noch einen gutmütigen Ofen und ein bisschen Holz zu Hause hat – oder eine Gasheizung, die man mit Piezozündung starten kann, ohne stromabhängige Teile.

    Das konnte so natürlich nicht bleiben auf der Krim und die Folge waren – nach russischer Soforthilfe mit Generatoren für das Allernötigste — zwei in Blitzesschnelle verlegte Leitungen von der Halbinsel Taman aus. Das war im Herbst 2015 und die Erleichterung muss körperlich greifbar gewesen sein, als am 7. Dezember 2015 das Licht wieder anging und Generatoren (die bekanntlich Lärm machen und wohl auch Abgase verursachen) mindestens teilweise überflüssig wurden. Zeitpläne, wann Strom und wann keiner, lassen sich ertragen, wenn man nur sicher weiß, dass er wiederkommt.

    Alles auf einmal konnte diese eine, erste Leitung natürlich nicht leisten. Bald darauf wurde das zweite, später das dritte Unterwasserkabel gezogen (das vierte und letzte ist kürzlich in Betrieb gegangen), wie versprochen wurde die Strombrücke im Mai 2016 fertig und kann insgesamt ca. 1000 MW liefern. Das ist sogar mehr als normalerweise benötigt wird, da sitzt die Krim nicht gleich wieder im Dunkeln, sollte bei einer der Leitungen einmal ein Ärgernis auftreten.

    Der Blick in die Zukunft wurde auch heller und freundlicher, lange vor Verlegung der Stromleitungen war der Bau der Brücke von Kertsch schon beschlossene Sache. Tatsächlich geht das erste diesbezügliche Abkommen bereits auf Dezember 2013 zwischen Präsident Putin und dem damaligen ukrainischen Präsidenten Janukowitsch zurück, die Idee ist nicht erst nach dem ukrainischen Anschlag auf die E-Leitung für die Krim entstanden! Dies nur der Vollständigkeit halber; es gibt immer noch Stimmen, die meinen, jene Attentäter (bzw. ihre Auftraggeber) hätten damit Moskau vor sich hergetrieben. Mitnichten!

    Man hatte inzwischen mit dem Bau begonnen, man konnte schon etwas wachsen sehen auf der Baustelle. Praktisch sind es ja mehrere, die 19 km Brücke (ein Teil davon an Land, auf der Halbinsel Tusla und soweit ich sehen konnte auch über kleine Inseln) wurden in 8 Baulose aufgeteilt, auf denen gleichzeitig gearbeitet wird. Deswegen wohl geht es so schnell, trotz der gewaltigen Länge und der Methode mit der Behelfsbrücke soll 2018 alles erledigt sein. Das wäre ein mehr als passendes Datum…

    Die Baustelle wird bei den ersten Versuchen, diese Meeresenge zu überwinden, wohl ein wenig anders ausgesehen haben.

    Wünsche und Gedankenspiele darüber gab es wohl schon seit Jahrhunderten. Anfangs des 20. Jahrhunderts wurden sie konkreter mit Wassili Mendelejew, Schiffsbauingenieur und Sohn eines großen russischen Chemikers und Naturwissenschaftlers, danach dachten die Briten an eine Eisenbahnbrücke und ernsthaft versucht hat es Mitte des vergangenen Jahrhunderts, nämlich 1943, Albert Speer, seines Zeichens Chefarchitekt und Rüstungsminister von Adolf Hitler. An den erinnert man sich in Russland wohl weniger gern, das Positivste an der Geschichte war, dass unter der Ägide von Speer immerhin bereits ein Teil der geplanten Brücke entstand, das hatten sie tatsächlich geschafft. Vermutlich blieb auch das Baumuster der Brücke in den Köpfen der lokalen Mitarbeiter gespeichert, das sollte sich noch bewähren. Wirklich rentiert hat sich der Aufwand aber nicht, der Ansturm der Roten Armee hat die deutschen Truppen veranlasst, das begonnene Bauwerk wieder zu sprengen. Dem einen oder anderen Leser wird vielleicht der umkämpfte „Kuban-Brückenkopf“ noch ein Begriff sein. Interessierte finden im Eurasischen Magazin noch etwas mehr über das Thema.

    Man hat damals wohl wirklich den kürzesten Weg dafür gewählt, es eilte ja. Dennoch wurde nur etwa ein Drittel der Brücke fertig, akuter Mangel an Arbeitskräften ließ nicht mehr zu, es ist aber aber nach der Sprengung immer noch so viel Material auf der Baustelle zurückgeblieben, dass die Russen das Projekt neu beginnen und tatsächlich fertig bauen konnten. Natürlich hatte man damals noch nicht die maritimen und meteorologischen Erkenntnisse zur Verfügung, die heute selbstverständlich sind, noch weniger modernes Material und Technik und das hat diese Brücke zu spüren bekommen: Ohnehin ist die Meeresenge von Kertsch durch starke Strömungen und Winde belastet, hinzu kam ein Eisstrom, der ihr Schicksal besiegelt hat und sie zum Einsturz brachte. Hat jemand von Ihnen jemals einen Eisstoß z.B. auf einem Fluss gesehen, wie sich das Eis an einer Brücke verfängt, sich staut und immer höher auftürmt? Wirklich beängstigend.

    Nun war es also wieder vorbei damit, trockenen Fußes hinüber zu gelangen, und die Brücke hat sich über Jahrzehnte als Gespenst betätigt, nämlich geisterte sie in den Köpfen herum. Begreiflich. Immerhin gab es diesen Komfort schon einmal, was lag näher als ihn wieder haben zu wollen. Einstweilen blieb es aber beim Wünschen und dem Betrieb von Fähren. Auch diesen war kein reines Glück vergönnt, vor allem der Eisenbahnfähre nicht, es gab Materialengpässe und noch andere Probleme mehr.

    Endlich wurde das Projekt „Brücke“ ernsthaft in Angriff genommen, wenn auch nicht ohne Hürden und Schwierigkeiten. Wie bei allem was groß ist, in der geplanten Art noch nie versucht wurde und nicht eben wenig Geld kosten würde, gab es die vorhersehbaren Warnungen vor tatsächlichen und vorgeschobenen Gefahren. Einige stehen immer auf der Bremse, andere hätten einen Tunnel vorgezogen, u.a. deswegen, weil ihnen dieser weniger angreifbar erschien, da tief unter der Erdoberfläche. Immerhin ein realistisches Argument, die Luft in Richtung Donbass kann nach wie vor recht bleihaltig sein und so wird das wohl noch eine Weile bleiben. Allerdings stelle ich mir einen per Attentat zum Aquarium gewordenen, weil gefluteten Untersee-Tunnel auch nicht optimal vor. Kurzum, die Variante „Brücke“ hat gewonnen und bereits das erste Video mit der Animation der fertigen Brücke, das mir im August 2015 aufgefallen ist, hatte Whow!-Qualität – sofern man als Betrachter auch selbst ein bisschen visionäre Fähigkeiten mitbrachte (es ist bis heute mein Lieblings-Video aus dieser Phase). Übrigens mit Mozart-Musik!

    Gewaltige Doppel- und Mehrfachpfeiler im Untergrund, nach oben majestätisch riesige Teile der unverdeckten Tragekonstruktion, wuchtig und trotzdem elegant – ich liebe diese kraftvolle technische Ästhetik. Was für ein Unterschied zu den feenhaft schwerelos wirkenden Brücken in Wladiwostok!

    Die Solotoi- und die Russki-Brücke sind beides Schrägseil-Brücken von ungeheuren Ausmaßen und man fragt sich ernsthaft, wie das zusammenhält. Jedenfalls eine der Brücken ist das Werk einer französischen Baufirma, sie soll hohe Windgeschwindigkeiten aushalten (250 km/h). Ich hoffe, dass das stimmt, schön und elegant sind sie beide, unbestreitbar.

    Das mochte allerdings für die Brücke auf die Krim zu wenig sein. Eine Autobahn bzw. Schnellstraße, eine Bahnstrecke, diverse Energieversorgung – in letzter Vollendung soll die Brücke die Nabelschnur für die Krim werden. Das Ergebnis war ein Konzept, das seine Widerstandskraft schon nach außen zeigt. Man konnte bereits dem Entwurf ansehen, dass das keine Spaziergänger-Brücke über einen japanischen Gartenteich wird. Diese Konstruktion ist für hohe Traglast und für die Abwehr von Naturkapriolen bestimmt, kurz gesagt Rough Duty, eine belastbare Lebensader für die Krim, vergleichbar unserer Aorta. Unbedingt ernst zu nehmen als Widerpart war aber die Natur selbst und diese ist dort durchaus nicht harmlos, sie ist im Gegenteil recht heimtückisch. Tief unten im Boden.

    Tja, das war der Cliffhanger, liebe Leser. Ein kleines bisschen Geduld bitte!

    Bis bald!

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    Tags:
    Brücke, Krim, Russland