21:36 19 November 2019
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    Bundestrainer Joachim Löw nominiert Nationalmannschaft-Kader für Fußball-EM 2016 in Berlin

    „Aber bitte mit Sané!“

    © AP Photo / Hannibal Hanschke
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    Bundestrainer Joachim Löw hat seinen vorläufigen Kader für die Europameisterschaft bekannt gegeben. Unser Blogger Müller, der die EM von seinem Sofa aus verfolgt und für Sputnik kommentieren wird, ist unzufrieden. Er hätte natürlich andere Spieler mitgenommen.

    Es ist Dienstagmittag, kurz nach Viertel nach eins. Müller sitzt auf dem Sofa und vorm Fernseher. Die Beine lang gemacht, Kaffee in der Hand, Apfeltasche auf dem Teller. Pressekonferenz, deutsche Fußballnationalmannschaft. Weltmeistertrainer Joachim Löw gibt den vorläufigen EM-Kader bekannt. 27 Nahmen von Fußballern. Vier werden noch gestrichen.

    Bevor Löw aber loslegt, viel Trara. Sehr viel Trara… zu viel Trara, findet Müller. Die Veranstaltung findet nicht etwa in der DFB-Zentrale in Frankfurt statt oder in irgendeinem Fußballstadion, sondern in der französischen Botschaft in Berlin. Oha! Super political correct, nennt man das wohl, denkt Müller. Eigentlich ist dieser Sport ja völlig unpolitisch – sagen ja immer alle. Dabei ist es ansonsten mit der Korrektheit in diesem Sport und vor allem rund um den Sport nicht weit her…

    Egal, Müller schaut auf den Bildschirm. Drei Männer sind zu sehen. Ach, guck, denkt Müller, so sieht der neue DFB-Präsident aus. Gemeinsam mit dem Moderator und einem silberhaarigen Mann kürt er die Sieger eines Kinder-Malwettbewerbs. Es gewinnt ein Bild, das den Eifelturm und den Berliner Fernsehturm beim Fußball zeigt. Hübsch! „Der Fernsehturm verneigt sich sogar ein bisschen vor dem Franzosen“, sagt der DFB-Präsident, das gefalle ihm. Auch der Silberhaarige lächelt.

    Es ist übrigens der französische Botschafter, wie Müller inzwischen erfahren hat. Jetzt reden sie über die Sicherheit in den Stadion und werden ernst. Natürlich ist das auch eine ernste Sache. Aber wirklich Interessantes, wie jetzt für die Sicherheit gesorgt wird, erfahren die Zuschauer nicht. Dafür erzählt der französische Botschafter den über hundert Journalisten im Saal und den Zuschauern vor den Bildschirmen, dass er früher auch Fußball gespielt hat. Surprise, surprise, denkt Müller. Die Bildregie rettet Müller vor dem Einschlafen, sie schaltet kurz zurück ins Studio. Müller holt sich noch einen Kaffee.

    Nun, aber geht ´s los, oder? Oliver Bierhoff und Andy Köpcke stehen auf der Bühne. Müller denkt, da kann Jogi Löw nicht mehr weit sein. Ist er aber erstmal doch, denn Bierhoff und Köpke müssen dem Moderator erklären, wie es war 1996, als Deutschland zum letzten Mal Europameister wurde.

    Müller schaut auf die Uhr… eigentlich hatte er noch was anderes vor heute. Jetzt erzählt Köpke, wie seine Zeit bei Olympique Marseille war. Immerhin drei Jahre hat er in Südfrankreich gespielt. Immerhin: Das wusste Müller doch nicht mehr. Jetzt fragt der Moderator, ob sich die beiden, also Olli und Andi, wünschen, dass man nach dem Turnier über die deutschen Europameister 2016 sprechen wird? Die beiden sagen völlig überraschend: „Ja, klar“! Mensch, so viel Solidarität hätte Müller dem Manager und dem Torwarttrainer der Nationalmannschaft gar nicht zugetraut…

    So, jetzt aber: Der Weltmeistertrainer ist da, Müller nippt an seinem Kaffee und setzt sich tiefer in das Sofa. Löw sieht toll aus, wie immer. Dunkles Sakko, schwarzes Shirt, Haare so, wie er sie halt trägt, fast kein grau, leichte Bräune. Ein forty-something oder so, der Beau aus Baden.

    Kurzes Interview, Inhalt: Wir müssen eine Gemeinschaft bilden, das wird unsere Aufgabe. Das Kollektiv ist wichtiger als der einzelne Spieler! Der Löw-Plural, da ist er wieder!

    ​Und da geht´s plötzlich los mit dem Kader! Müller hätte fast seine Apfeltasche fallen gelassen. Die Torhüter machen den Anfang. Manuel Neuer ist dabei, daneben aber Bernd Leno und Marc-Andre ter Steegen. Also, kein Ron-Robert Zieler und kein Kevin Trapp. Müller schüttelt den Kopf. Er hätte ter Steegen zu Hause gelassen und dafür Kevin Trapp mitgenommen, keine Frage: Trapp ist bei Stammtorwart  bei Paris St. Germain und Ter Steegen? Bei Barca spielt er „nur“ in den Pokalwettbewerben. Und wenn er in der Nationalmannschaft spielt, dann kommt der Ex-Gladbacher immer so rüber wie der kleine Junge, der es allen zeigen will, dem dann aber unfassbare Missgeschicke passieren vor lauter Aufgeregtheit, aus denen immer Tore resultieren.

    Jetzt die Abwehr: Müller fasst die Tasse fester, so dass der Kaffee fast überschwappt  und flüstert leise „bitte, bitte“. Aber am Ende der Präsentation stehen acht Namen von Verteidigern, aber der eine, auf den Müller so gewartet hat, der fehlt: Löw hat es nicht geschafft, Philipp Lahm zum Comeback zu überreden. Stattdessen will der Weltmeisterkapitän Grillpartys feiern. „Hallo, das ist unser Job“, denkt Müller. Statt Lahm muss der Bundestrainer auf andere setzten. Boateng, Hummels, Mustafi, Can, Hector und Höwedes (hat der seit dem WM-Finale überhaupt ein Spiel gespielt?). Okay, einverstanden. Aber Rüdiger und Rudy? Müller ist wirklich ein bisschen sauer. Er hätte lieber die beiden Dortmunder Ginter und Schmelzer gesehen. Aber Rüdiger und Rudy haben gegenüber Schmelzer entscheidende Vorteile: Erstens spielen oder spielten sie im Ländle und zweitens mag Löw sie. Das kann Schmelzer nicht behaupten. Schon vor der WM 2014 strich Löw den blonden Linksfuß aus Dortmund aus dem Kader.

    Jetzt folgen Mittelfeld und Angriff, in einer Aufzählung zusammengefasst. Dass Löw die Kandidaten für diese beiden doch eigentlich unterschiedlichen Spielbereiche zusammennennt, hat für Müller nur einen Grund: Deutschland hat sehr viele Mittelfeldspieler und zu wenige Stürmer. Damit stirbt auch die letzte Hoffnung, dass Miroslav Klose, der Rekordtorjäger, sein Comeback geben könnte.

    ​Das gibt dafür ein anderer, der schon fast weg war vom Fenster und der seine Torjägerqualitäten in dieser Saison wieder –Müller muss es zugegeben –eindrucksvoll bewiesen hat: Mario Gomez. Torschützenkönig in der Türkei – man kann sagen, was man will – der „Torero“, wie Gomez wegen seines markanten Jubels genannt wurde – is back. Ob er es noch bringt? Bei der letzten EM traf er immerhin dreimal.

    Kein Tor schießen bei der Europameisterschaft wird definitiv Max Kruse. Der Wolfsburger, mit dem Hang zum Pokerspiel und dem sehr offenen Umgang mit dem Namen seiner Intimbekanntschaften in den sozialen Netzwerken, ist raus. Löw kennt keine Gnade und Müller denkt: „So ein Feigling!“ Er hätte den wuseligen Stürmer gerne gesehen, zumal der Bundestrainer ganz vorne nicht viele Alternativen hat. Außer Gomez sind da Müller – wer auch sonst — Götze, Schürrle, Podolski (kein Kommentar!!!) UND Sané. Das Löw den Schalker mitnimmt, findet Müller dufte. Das ist einer, der respektlos ist und Dinge tut, mit denen man nicht rechnet. Laut Bundesligastatistik hat Leroy Sané nach dem Dortmunder Henrich Mkhitaryan Müller die meisten Beinschüsse gespielt. Erstaunlich, dass Löw so einen mitnimmt. Er schaut sich die Liste der 27 Namen an, vier Männer fliegen noch raus. Bei zwei Namen hält er inne: Bastian Schweinsteiger und Julian Weigl. Er überlegt. Er hätte es auch so gemacht. Der eine ist der Kapitän, der andere ist ein talentierter Mittelfeldspieler, der gerade einen Rekord im aufgestellt hat: 214 Ballkontakte – in einem Spiel. So viel hat Gomez nicht in einer Saison…

    Eigentlich ist alles gut. In dreieinhalb Wochen geht´s los. Keine aufgeblähten Pressekonferenzen mehr, kein Trara, nur Fußball. Müller beißt in seine Apfeltasche. Sehr lecker. Eigentlich fehlt nur ein Klecks Sahne.

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