04:21 16 Oktober 2018
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    Bau der Brücke über die Straße von Kertsch

    Eine Brücke, aber diesmal wirklich (2)

    © Foto: Informationszentrum „Krim-Brücke“
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    von Ambuya
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    Wer erinnert sich nicht daran, wie oft es in Anatolien, in Armenien usw. schon „gewackelt“ hat, im Iran ohnehin.

    Bei hoher Draufsicht in den Google-maps kann man feststellen, dass das Gebirge an der südöstlichen Küste der Krim eine letzte, schmal auslaufende Fortsetzung des Kaukasus sein dürfte, ein unruhiges Faltengebirge ähnlich den Alpen, die auch noch lange nicht Ruhe geben werden.

    Bau der Brücke über die Straße von Kertsch
    © Sputnik / Georgi Simarev
    Die Straße von Kertsch könnte irgendwann in grauer Vorzeit eingebrochen sein; darauf bringt mich auch noch etwas anderes: auf der relativ kurzen Strecke zwischen beiden Ufern sieht man (hier wiederum sehr nahe heran gezoomt) mannigfaltige Untiefen, Verschlammungen, Trübungen die offensichtlich Strömungen folgen. Beginnend bei Taganrog sieht man diese Schleier im Wasser, die sich nach Augenschein aus der Mündung des Don lösen, der sie auf seinem langen Lauf eingefangen und weitertransportiert hat.

    Ganz besonders entlang der langgezogenen Insel Tuzla scheinen diese Trübungen von Norden heran zu treiben, aus der Asow-See. Tatsächlich hat man in dem Bereich, den die Brücke überwinden soll, bis zu 50 m tiefen Schlamm gefunden – nicht das Gelbe vom Ei, wenn man Brückenpfeiler setzen will (wie lang/tief diese wohl sein mögen? Hier wird es ein bisschen klarer, auch ohne Russisch-Kenntnisse).

    Das sich das alles ausgerechnet dort so auffällig fängt, weckt bei mir mangels genauer Seekarten den Eindruck, dass nach dem Einbruch der Meeresenge unter Wasser ein Wulst geblieben ist, ein Hindernis, an dem alles hängen bleibt und sich staut, was keinen festen Halt hat. Die schmale Insel Tuzla, soweit sichtbar, zeigt ohnehin die Optik einer ehemaligen Bergkette. Nicht viel anders die lange Halbinsel, die in südwestlicher Richtung von Ilyich heraus führt. Geschätzte 50 km südlich davon sieht man am Meeresgrund einen Abbruch, der den Bogen des vermuteten Restgebirges fast exakt übernimmt.

    Die im Bau befindliche Brücke über die Straße von Kertsch
    © Sputnik / Georgi Simarev
    Falls diese Bodenformationen unterseeisch wirklich noch mit dem Hauptkamm des Kaukasus zusammenhängen kann das nur bedeuten dass sie – vielleicht abgeschwächt durch die Distanz und dicke Sedimentschichten – seine Bewegungen mitmachen, weitergeben, wenn das Gebirge sich wieder einmal zurecht rückt, Spannungen im Boden abbaut. Diese Ausgleichsbewegungen kenne ich in den Alpen seit Jahrzehnten, wir sind immer froh, wenn es jährlich erfolgt, dann bleibt es klein und harmlos. Dauert die Pause mehrere Jahre, werden die Stöße proportional stärker und unangenehmer; nicht jeder kann sich daran gewöhnen. Diese Bewegungen im Boden müsste die Brücke mitmachen, was sie durch die geschwungene Linienführung eventuell besser kann.

    Video: Erster Pfeiler der Krim-Brücke errichtet

    Den Grund für den seismisch unruhigen Kaukasus vermute ich in der oberen nördlichen Ecke der Arabischen Platte, die — mit dem Iran und der Türkei darauf — beständig gegen den Kaukasus drückt (ähnlich der Afrikanischen Platte unter Süditalien). Auf astropage.eu findet sich eine recht übersichtliche Karte der tektonischen Platten der Erde samt den illustrierten Erläuterungen auf der nächsten Abbildung, was sich da alles wie bewegen kann, schieben, zerren, stoßen, sich aneinander reiben und eine Platte sogar unentrinnbar in die Tiefe ziehen kann, auf dass das solcherart „gefressene“ Material eingeschmolzen wird und dafür aus dem nächstgelegenen Vulkan irgendwelcher Überdruck wieder heraus will, glühend und ziemlich rabiat.

    In der Satelliteneinstellung der Google-maps zeigt zum Beispiel der Meeresboden im Golf von Oman Druckfalten ebenso wie Zerr-Risse (Gräben), die allesamt beweisen dass das Gebiet recht lebhaft in Bewegung ist. Die nördliche Küste des Golfs – also südlich vom Iran — zeigt am Meeresgrund eine Bodenformation, die mir durchaus das Zeug zu einer Subduktionszone zu haben scheint, wohingegen das Rote Meer in voller Länge einen Rissgraben aufweist, was bedeutet dass die Arabische Platte sich schneller als ihre Nachbarn gegen den Uhrzeigersinn bewegt, gleichzeitig von Afrika weg. Unstetes Ding, das!

    Dank ihrer Erfahrung haben die Ingenieure, die die Brücke ersonnen haben, aber alle diese geologischen und tektonischen Tücken samt den meteorologischen und aquadynamischen Ärgernissen einkalkuliert, in den Griff bekommen und berechnen können samt Reservelast. Wenn ich mich recht erinnere, hält eine gut gebaute Brücke das Doppelte dessen aus, was an den Brückenköpfen angeschrieben steht (bitte auf einfachen Brücken nicht ausnützen!)

    Wohl bedachte man auch jene sagenhafte Gefahr, an die man kaum jemals denkt wenn man bewundernd über eine Brücke wandert und manchmal angenehmes Schwingen und Vibrieren unter den Füßen wahrnimmt. Keine Brücke der Welt hält vollkommen still. Ein traumhaftes Gefühl, so lange es nicht so stark wird dass das Bauwerk gefährdet ist. Selten, aber dort wäre es möglich: Harmonische Schwingungen mit dem in dieser Wasserstraße bekannt kräftigen Wind. Dieser und die Eigenschwingung der Brücke können sich gegenseitig aufschaukeln und an einem kritischen Punkt könnte die Brücke einstürzen. Auch das musste berücksichtigt werden.

    Fertig gelesen bis hier? Gut.

    Aufstehen, strecken, Kaffee holen, die Katze vom Keyboard herunter bitten und den Hund vom Polsterstuhl — bald geht’s weiter!

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    Tags:
    Brücke, Krim, Russland