15:39 22 November 2019
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    Michel Platini bei der Europameisterschaft 1984 in Frankreich

    Zwei Wochen noch

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    Die Amsel sitzt auf der Antenne. Auf dem Nachbarhaus schräg gegenüber. Müller sitzt ein Stockwerk weiter unten auf seinem Balkon. Die Kinder schlafen. Es ist ruhig. Bis auf die Amsel, die sich beim Zwitschern ordentlich ins Zeug legt. Wie jeden Abend. Er betrachtet den kleinen, schwarzen Vogel eine Weile. Zwei Wochen noch, denkt Müller.

    Noch zwei Wochen werde ich diese Ruhe genießen. Dann ist es vorbei. Er seufzt. In exakt 14 Tagen beginnt die Fußball-Europameisterschaft in Frankreich. Frankreich, denkt Müller. 1984, Platini, Tigana, Giresse. Er seufzt nochmal. Das waren tolle Spieler. Und dazu noch Chalana, Elkaer Larsen, Scifo. Und leider auch Jupp Derwall und Maceda. Müller seufzt zum dritten Mal.

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    © AP Photo / Hannibal Hanschke
    1984, denkt er, da ging es los. Seit diesem Turnier ist er infiziert. Seit dieser Europameisterschaft in Frankreich ist er Fußballfan. Hat jedes Turnier genau verfolgt und versucht, jedes Spiel zu sehen. Jedes. 1984 ging das ja noch, denkt Müller. Da haben nur acht Mannschaften mitgemacht. Insgesamt gab es nur 15 Spiele bis der Europameister, Frankreich, feststand. Und heute? Machen zum ersten Mal 24 Mannschaften mit. 24. Das ergibt insgesamt — Müller musste seine Finger zu Hilfe nehmen und die reichten nicht aus — 51 Spiele, bis der Europameister feststeht. 51. Früher waren es 15. 15:51.

    Es ist einfach zuviel, denkt Müller. Fußball ist verdorben, das stimmt schon. Früher war wahrscheinlich wirklich alles besser. Das beste Beispiel ist Michel Platini! Was war das für ein Spielmacher! Ein Lenker, Torjäger und Kapitän. Anstatt es dabei zu belassen, einfach Legende zu bleiben, wird er auf einmal UEFA- Präsident. Lässt immer mehr Mannschaften mitspielen und hat seltsame Ideen: Die übernächste Europameisterschaft findet in den großen Metropolen in ganz Europa statt und nicht in einem Land oder zweien wie sonst. Platini wollte sogar Argentinien und Brasilien mitspielen lassen — bei der Europameisterschaft? Alles nur wegen des Geldes. Das hat ihm letztlich den Job als Präsident gekostet. Gott sei Dank.

    Müller denkt an Platini und an seine Kindheit, sieht eine Wiese vor sich, mit Wäscheleinen und zwei Pullovern als Torpfosten. Mit Kindern, die sich für Platini halten, für Zico, Maradona und Rummenigge. Er schüttelt den Kopf. So wird er Fußball nie wieder sein. Die Amsel zwitschert plötzlich lauter. Es klingt wie schimpfen. So als habe sie einen Kontrahenten gesehen. Müller blickt auf den Boden, auf seine Füße. An den Seiten klebt ein Stück Gras. Er lässt sich in seinen Stuhl sinken. "Papa, spielst Du mit mir Fußball"? hat sein Sohn heute im Garten gefragt. Zum ersten Mal. Müller hat voller Freude die kleinen faltbaren Tore aus dem Keller geholt und sie haben gespielt. Jeden Treffer des Kindes hatte Müller bejubelt und der Kleine stolz gestrahlt. Nach zehn Minuten sagte er schließlich: "Papa, jetzt muss ich noch eine Runde Bobbycar fahren".

    Müller grinst vor sich hin. Es ist still geworden auf dem Balkon. Die Amsel ist verschwunden. Müller hat es gar nicht bemerkt. Zwei Wochen noch, denkt Müller, zwei Wochen. Die kriege ich auch noch rum.

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