21:17 19 November 2019
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    Deutsche Fußball-Fans mit dem Plakat Jerome, ziehe neben uns ein

    "Deutschland ist nicht Gauland!"

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    Mittagspause. Müller sitzt auf dem Balkon. Die Kinder schlafen, seine Frau ist beim Sport. Zeit für Siesta. Offenbar auch für Amseln, denn von dem Vogel auf der Antenne gegenüber ist nichts zu sehen. Müller trinkt einen Kaffee, auf dem Tisch vor ihm liegt eine Banane.

    Deutsche Fußball-Fans mit dem Plakat Jerome, ziehe neben uns ein
    © AFP 2019 / Andreas Gebert / dpa
    Das deutsche Team hat den letzten Test gewonnen. 2: 0 gegen Ungarn. Unspektakulär, aber völlig okay. Immerhin ist Ungarn bei der Europameisterschaft dabei. "Eigentlich müsste ich darüber nachdenken, ob Julian Draxler auf der linken Seite überzeugt hat und ob Antonio Rüdiger zum EM-Start den verletzten Mats  Hummels ersetzen wird", sagt Müller zu sich selbst. Stattdessen ärgert er sich. Mal wieder. Und mal wieder nicht über Fußball, sondern über die Politik und die Medien.

    Der selbe alte Mann, der schon über Jerome Boateng gesagt hat, die Deutschen fänden ihn als Fußballer gut, wollten ihn aber nicht als Nachbarn haben, hat wieder etwas sehr merkwürdiges gesagt. Dieses Mal hat er einer großen Zeitung gegenüber behauptet, die Nationalmannschaft sei schon länger nicht mehr deutsch "im klassischen Sinne." Das macht der Mann, Alexander Gauland ist sein Name, immer so, wenn er Merkwürdiges von sich gibt. Und wie immer veröffentlichen die Zeitungen seine Behauptungen und alle anderen Medien spielen mit. Sie empören sich in den Schlagzeilen und Kommentaren darüber, verbreiten aber gleichzeitig Gaulands Thesen. Dieser weiß um das mediale Echo seiner Behauptungen.

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    © AP Photo / Hannibal Hanschke

    Sonntagabend war Herr Gauland wieder einmal zu Gast in Deutschlands prominentester Talkshow, direkt nach dem Tatort. Hier hat er zu seinen Aussagen Stellung genommen. Es ist ihm offenbar ziemlich egal, wie er sich in der Talkrunde hält. Vielleicht sagt er auch wieder, er sei falsch zitiert worden. Das hat er schon mal gemacht. Oder er sagt, seine Thesen seien nicht  rassistisch, ganz egal, wie viele Rassisten ihm dafür zu jubeln. Müller gefällt dieses Zusammenspiel überhaupt nicht.

    Er denkt nach: "Deutsch im klassischen Sinn. Was soll das eigentlich heißen?" Antworten auf diese Fragen liefert Herr Gauland nicht. Er sagt, was ihm nicht gefällt, aber nicht, wie es seiner Meinung nach laufen sollte oder wie er es machen würde. "Klassisch deutsch, mh…" Gut, Goethe und Schiller spielen nicht für Deutschland, da hat Herr Gauland sogar Recht. Er stört sich wohl eher an Boateng, Özil, Khedira, Sané und Gomez. Ob er sich auch an Podolski stört oder auch an Klose störte, weiß Müller nicht. Die beiden gehen zumindest optisch als klassisch deutsch durch… Dabei sind beide in Polen geboren, in Oberschlesien. Ob das für Herrn Gauland vielleicht auch klassisch deutsch ist… Gut, das weiß Müller auch nicht. Wäre mal eine Frage für eine Talkshow.

    Müller denkt über die Boatengs, Khediras, Özils und Gomez' nach. Äußerlich allesamt Typen mit unzweifelhaftem Migrationshintergrund. Aber andererseits allesamt Typen, die genau wie die Neuers, Kroos' oder — ach guck — die Müllers, in Deutschland geboren sind. Die hier aufgewachsen sind: in Berlin, in Gelsenkirchen oder in Stuttgart. Alle haben in Deutschland lesen und schreiben gelernt. Die deutsche Sprache, wohl gemerkt. Sie haben hier gespielt,  gegessen, Freundschaften zu Nachbarskindern und Schulfreunden aufgebaut und Fußbälle in fremde Gärten geschossen. Hier haben sie zum ersten Mal mit einem Mädchen geknutscht und vielleicht auch heimlich eine Zigarette geraucht. Und sicher hat mancher auch mal eine "Fünf" mit nach Hause gebracht. Es sind ganz normale Jungs, aufgewachsen in ihrer Heimat Deutschland. In ihren Biographien unterscheiden sie sich nicht von ihren Nationalmannschaftskollegen ohne Migrationshintergrund, die München, Gelsenkirchen oder Rostock groß geworden sind.

    Warum, verdammt nochmal, sollte sich das ändern, wenn sie das weiße Trikot mit dem Adler anziehen? Warum sollte ausgerechnet dann jemand fragen: Moment mal, sind das denn richtige Deutsche?

    Müller schüttelt den Kopf. Nein, nein, Deutschland ist nicht Gauland. Und das ist auch gut so!

    Jetzt hat Müller Appetit auf einen klassischen, deutschen Snack: eine Banane.

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    Jerome Boateng, Alexander Gauland, Deutschland