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07:08 16 Oktober 2019
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    Deutsche Fußballnationalmannschaft

    Frankreich oder Deutschland: Die Wette gilt!

    © REUTERS / Denis Balibouse
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    Euro-2016 in Frankreich (135)
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    Mit einem Feierabendbier sitzt Müller auf dem Balkon. Jetzt ist der Sommer da. Die Abendsonne tüncht die Dächer in ein goldiges Licht. Selbst die großen Mietshäuser auf der anderen Straßenseite glänzen.

    Die Amsel auf ihrer Antenne scheint vergnügter als sonst. Vielleicht freut sie sich über die Sonne. Oder hat zum Abendessen einen besonders dicken Wurm verspeist.

    Auch Müller könnte zwitschern. Morgen beginnt die Fußball-Europameisterschaft. Vier Wochen Fußball, was für eine Vorstellung! 51 Spiele — jetzt findet er das doch super. Ob er es dieses Mal schafft sich alles anzusehen? Wahrscheinlich nicht. Die Spiele um 15 Uhr — das kriegt er nicht hin. Egal, er wird versuchen so früh wie möglich zu Hause zu sein.

    Denn Public Viewing ist nicht Müllers Ding. Nicht, weil er vor Terroranschlägen Angst hätte. Nein, er hat keine Lust auf Menschenmassen. Wenn er an die Schlangen vor den Klos und Getränkeständen denkt, schüttelt er den Kopf. Am Schlimmsten sind aber die "Fans". Lautes Gegröle und blöde Kommentare fürchtet Müller am meisten. Das ist für ihn Terror. Er will Fußball sehen und kein Gelaber hören.

    Er trinkt einen Schluck Bier. Köstlich. Wer wird denn nun Europameister? "Frankreich, ganz klar", sagt er zu sich selbst. "Nein, das glaube ich nicht," erklingt plötzlich eine Stimme. Müller schaut sich um. Die Amsel kann es wohl kaum gewesen sein. Er sieht zu dem Vogel rüber. Der sitzt plötzlich stumm auf seinem Platz. "Hallo, hier drüben", erklingt da wieder die Stimme.

    Sie kommt vom Balkon nebenan. Müller schaut hinüber. Dort steht ein kleiner, ziemlich stämmiger Mann. Glänzende Stirn, silberner Haarkranz. Am auffälligsten ist aber sein Schnauzbart. Der ist so breit wie das sehr breite Gesicht seines Trägers. Die beiden Enden sind mit etwas Glänzendem nach oben gezwirbelt. Sie erinnern Müller an die Hörner eines spanischen Stieres.

    "Gestatten, mein Name ist Anders. Ich bin der neue Nachbar, gestern eingezogen. Gerade noch pünktlich zur EM." Der Mann strahlt Müller mit großer Intensität an, nickt dabei auffordernd und reicht ihm die Hand über die Balustrade. Müller fühlt sich zu einem Lächeln genötigt. Er gibt seinem neuen Nachbarn die Hand: "Äh, ja… wie schön… Willkommen!"

    Bundestrainer Joachim Löw nominiert Nationalmannschaft-Kader für Fußball-EM 2016 in Berlin
    © AP Photo / Hannibal Hanschke

    Der andere grabscht sich Müllers Hand und quetscht sie so heftig zwischen seinen kurzen, dicken Fingern, dass Müller auf die Zähne beißen muss, um nicht aufzuschreien. "Müller, angenehm", bringt er zwischen den Zähnen hervor. "Ja, ich weiß, steht ja an der Klingel. Sie glauben also, dass Frankreich Europameister wird?" Anders stellt sich fast herausfordernd vor Müller auf und stemmt die Arme in die Hüften.

    Müller atmet ein und möchte etwas sagen, aber der andere kommt ihm zuvor: "Woher ich das weiß? Nun, sie haben den "kicker" abonniert." Anders deutet auf das Fußballmagazin auf Müllers Tisch. "Hab ich schon in ihrem Briefkasten gesehen. Außerdem haben sie mit ihrem Sohn im Hof Fußball gespielt". Er strahlt Müller triumphierend an. Dabei nickt er wieder so erwartungsvoll, als habe er gerade verkündet, dass Müller eine Million im Lotto gewonnen hätte und jetzt in Jubel ausbrechen müsste. "Nun…tja, da haben sie mich wohl erwischt. Aber wie haben Sie meinen Briefkasten…" Der andere grinst: "Eine Ecke schaute heraus, da hab ich nachgesehen."

    Müller wollte protestieren, kam aber nicht dazu, denn Anders sprach weiter: "Das ist so 'n Hobby von mir. Ich habe gute Augen. Sie würden staunen, was ich alles sehe." Sein Blick geht von Müllers Gesicht zu seinem Balkon hinüber. "Sie haben doch wohl auch ein kühles Bierchen für mich? Unser Kühlschrank ist noch nicht angeschlossen". Müller blickt über die Schulter zu seinem Tisch und sagt: "Äh, klar!" Er geht in die Wohnung und kommt mit einem geöffneten Bier zurück. "Bitte sehr", sagt er und reicht seinem Nachbarn die Flasche. Dieser sagt "prost", setzt das Bier an und trinkt. Und trinkt. Als er mit einem lauten "aaaaaaaah" absetzt, hat er die Flasche halb ausgetrunken.

    "Das tut gut. So, nun zum Wesentlichen: Frankreich wird nicht Europameister!" sagt Anders, dieses Mal ohne ein Lächeln oder Nicken. Der Mann strahlt die pure Überzeugung aus. Als habe er gesagt, dass Weihnachten immer im Dezember ist. Müller fühlt sich herausgefordert: "Und warum nicht?" fragt er. "Warum denn?" fragt der andere zurück. Müller räuspert sich: "Nun, weil die Franzosen eine starke Mannschaft haben, einen guten Trainer. Außerdem sind die Spieler alle bei Spitzenclubs. Und außerdem findet die EM in Frankreich statt." Jetzt blickt er seinen Nachbarn herausfordernd an.

    "Haben Sie das auswendig gelernt?" bekommt er als Antwort. "Was?" Müller verliert für einen Moment die Fassung. "Bitte", korrigiert ihn der andere. "Na, das klang so wie abgelesen. Als ob sie das aus einem Magazin haben, als wäre das nicht ihre Meinung." Jetzt wird es Müller zu bunt: "Na, hören Sie mal, das ist meine Meinung, aber zu einhundert Prozent! Ich interessiere mich seit meiner Kindheit für Fußball. Ich verfolge jedes Turnier und die Bundesliga und den Europapokal!"

    Deutsche Fußball-Fans mit dem Plakat Jerome, ziehe neben uns ein
    © AFP 2019 / Christian Charisius / DPA

    "Champions League heißt das jetzt…" "Ja, und Euro League — ich weiß das!" Müller unterdrückt seinen Zorn. Er atmet durch: "Gut, dann frage ich Sie: Wer wird denn Europameister?" "Na, "unsere" natürlich," sagt Anders. "Unsere"?— ach, sie meinen Deutschland?" "Ja, sicher meine ich Deutschland. Das sind doch auch Deine! Müller klingt jedenfalls ziemlich deutsch. Oder bist Du Franzose?" 'Sind Sie jetzt schon beim Du?' denkt Müller und will etwas erwidern, aber der andere hat sein Lotto-Lächeln und sein Nicken wieder aufgesetzt. 'Macht der Kerl das etwa mit Absicht?'

    Müller fragt: "Warum wird Deutschland denn Europameister?" "Das Bayern-Gen," antwortet Anders und trinkt einen großen Schluck Bier. Dann geht's weiter: "Neuer, Müller" — dabei grinst er und zeigt auf sein Gegenüber — "Kroos, Schweinsteiger — die Jungs wissen, wie 's geht. Sie machen das. Ganz klar." Müller runzelt die Stirn: "Sie wissen schon, dass die Bayern in der Champions League im Halbfinale ausgeschieden sind?" "Jaha, aber das war Pech", antwortet der andere unbeeindruckt. "Und der Schiri. Und außerdem ist das gut, weil sie jetzt noch heißer sind."

    Müller schaut sich den kleinen Mann an. Gerade will er etwas sagen, doch der andere ist schneller: "So, ich würde ja gerne noch weiter mit Dir quatschen, aber ich muss noch Kartons auspacken. Das machen die nicht von allein." Müller hebt den Finger, bevor er etwas sagen kann, fügt Anders hinzu: "Wir können ja wetten: Du sagst Frankreich, ich Deutschland. Um 'ne Kiste Bier." Er gibt Müller die leere Flasche zurück und verzieht das Gesicht: "Richtiges Bier. Nicht so eine Plörre wie diese. Wird 'ne schöne EM, treffen uns dann häufiger hier, können ja vielleicht auch mal ein Spiel zusammen schauen. Mal sehen, wann es bei mir passt. Schönen Abend!"

    Er setzt zum letzten Mal sein Lotto-Lächeln auf und ist Augenblicke später durch die Balkontür verschwunden.

    Müller bleibt zurück. Er schaut auf die Antenne. Auch die Amsel ist nicht mehr da. Er seufzt. Die leere Flasche stellt er in die Kiste. Morgen startet die Europameisterschaft. 'Vielleicht gehe ich dieses Jahr doch mal zum Public Viewing", denkt Müller und schließt seine Balkontür.

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