19:35 22 November 2017
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    Ausschreitungen englischer Fans in Marseille

    Über echte Hooligans und falsche Gentlemen

    © REUTERS/ Eddie Keogh
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    Müllers EM Blog
    von Müller und über Fußball
    Euro-2016 in Frankreich (135)
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    Ob die Amsel auf der Antenne sitzt oder nicht, ist Müller im Moment egal. Er ist sauer. Gerade hat er gelesen, wie die Medien die bisherigen Spiele bewerten.

    Leider geht es weniger darum, was auf dem Rasen passierte, sondern vielmehr um ihn herum. Thema Nummer Eins: Die Randale in Marseille. Hooligans haben die Europameisterschaft genutzt, um wieder einmal richtig schön die Sau rauszulassen. Erst saufen, dann raufen. Wobei das Wort "raufen" zu harmlos ist, für das, was rund um das Spiel England — Russland passiert ist. Mit Flaschen und Eisenstangen sind die Chaoten aufeinander losgegangen. Erst am Hafen, dann auf dem Marktplatz, später sogar noch im Stadion. 

    Auch die deutschen Hooligans haben vor dem Spiel in Lille "Duftmarken" gesetzt. Erst jagten sie ukrainische Fans durch die Innenstadt. Und später gab es für das Poesiealbum noch ein Mannschaftsfoto — natürlich stilecht mit Reichskriegsflagge. Müllers Zynismus ist reiner Selbstschutz, so groß ist sein Ärger. Was hat eigentlich die Polizei, was haben die Behörden getan, um diese Krawalle zu verhindern? In Marseille konnten die Hooligans scheinbar machen, was sie wollten, ehe die Polizei eingriff. Zum Beispiel einem auf dem Boden liegenden Menschen immer wieder auf den Kopf treten oder später im Stadion Knallkörper zünden und quasi ohne Gegenwehr Blocks stürmen. 1998, bei der WM in Frankreich, wäre das alles eine Schande gewesen. Aber es ist 2016! 18 Jahre, in diesem Zeitraum reift ein Baby zu einem Volljährigen, der für sein Leben verantwortlich ist. Verantwortlich… Es gibt in Deutschland, England, Russland und Polen Polizeiexperten, die sich nur mit Hooligans und die Gewalt in Fußballstadien beschäftigen. Hat man nicht auf sie gehört oder hat man sie erst gar nicht gefragt, was bei der EM zu erwarten ist? Dass viele Engländer  Fußballspiele als Rahmen für Randale und Gewalt nutzen, weiß man seit Jahrzehnten. Es gibt tausend und ein Fanprojekt und Dutzende Präventionsmaßnahmen. Genutzt haben sie nicht.

    Das traurigste Bild liefert aber die UEFA ab. Müller schüttelt den Kopf. Nach der Schande von Marseille gibt der europäische Fußballverband ein Bild der Hilflosigkeit ab. Als erste Reaktion wurde gegen den russischen Fußballverband ermittelt. Denn die Gewalt im Stadion ging für die UEFA von russischen Anhängern aus. Als ob ein Landesverband etwas daran ändern könnte, dass Menschen ihre Aggression bei einem Fußballspiel ausleben. Und als ob die Russen dafür verantwortlich sind, dass geschätzte 40.000 englische Fans im Stadion Velodrome waren. Für die Ticketvergabe ist einzig die UEFA zuständig. Immerhin haben die Anzugträger beim Verband gemerkt, dass es etwas einseitig ist, die Schuld bei den Russen zu suchen. Jetzt haben sie auch den Engländern mit Turnierausschluss gedroht, sollten sich die Krawallbrüder aus dem Mutterland des Fußballs noch einmal daneben benehmen.

    Engländer. Müller schüttelt den Kopf. In der Schule hat er folgendes gelernt: Engländer stehen für Sportsgeist, Fairplay und sind Gentlemen. Von der russischen Nationalhymne hat er vorm Fernseher nur etwas mitbekommen, weil die Kamera die Spieler der Sbornaya zeigte. Akustisch übertönte das Pfeifen aus zigtausend englischen Kehlen die Musik. Gentlemen! Müller lacht. Nun ja, seine Schulzeit ist lange her. Länger als 18 Jahre…

    Themen:
    Euro-2016 in Frankreich (135)

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    Tags:
    Fußball, Fußball-EM 2016, England, Marseille, Frankreich
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