08:18 22 September 2017
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    Bundestrainer Joachim Löw

    Löws zahnloser Angriff

    © AFP 2017/ Patrik Stollarz
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    von Müller und über Fußball
    Euro-2016 in Frankreich (135)
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    Müller ist sauer. Deutschland hat gegen Polen nur 0:0 gespielt. Für Müller lag das vor allen an den Offensivspielern – harmlos und ohne Durchschlagskraft. Und ein bisschen natürlich auch am Bundestrainer.

    Es regnet. Auch was, es gallert. Kein Balkon, keine Amsel, keine Fachsimpelei mit seinem Nachbarn Anders. Stattdessen sitzt Müller  allein auf seinem Sofa. Der Fernseher läuft, aber Müller ist gedanklich ganz woanders.

    Er denkt an das DFB-Pokalfinale 2011 in Berlin, Schalke 04 gegen den MSV Duisburg. In der 18. Minute zieht ein junger Schalker Spieler plötzlich das Tempo an, bekommt einen scharfen Pass, lässt mit einem Haken zwei Gegner stehen und zieht von der Strafraumlinie ab. Der Ball schlägt unhaltbar ein: 1:0! Am Ende gewinnen die Königsblauen 5:0.

    Der Spieler war damals noch keine 18 Jahre alt und galt wegen seines Talents, seiner Dynamik und seiner Unbekümmertheit als größtes Versprechen des deutschen Fußballs. Sein Name: Julian Draxler. Gut fünf Jahre später stand derselbe Draxler auch gegen Polen auf dem Platz. Zwar blitzte sein Talent hier und da auf, aber ohne jede Wirkung. Vielmehr „alibite" er über die linke Seite – ohne Ziel, ohne Auftrag. Er wirkte wie ein Pfau in einem Hühnerstall: schön, aber wirkungslos. Und irgendwie fehl am Platz.

    Müller kann sich nicht vorstellen, dass Löw Draxler noch einmal in die Startelf stellt. Aber das hatte er nach dem Ukraine-Spiel auch schon über Götze gedacht… Noch so ein Offensivspieler, der keinen Zweikampf gewinnt. Wie in der ersten Hälfte neben Draxler und Götze auch noch Müller und Özil. Also, eigentlich alle Spieler, die für Gefahr vor dem polnischen Tor sorgen sollten…

    „Gut, sie hatten es schwer, wenn man ehrlich ist“, muss Müller zugeben. Die Polen verteidigten mit Geschick und preußischer Disziplin. Es gab nicht viel Platz und leider auch ganz wenig Unterstützung durch die Defensive.

    Wer einen Abwehrriegel knacken will, der sollte über die Flügel spielen, das ist das kleine Fußball-Einmaleins. Auf den defensiven Außenpositionen stellte Löw wie schon gegen die Ukraine Jonas Hector und Benedikt Höwedes auf. Höwedes, ein gelernter Innenverteidiger mit Stärken im Kopfballspiel. Der Weltmeister hat schon vor der Europameisterschaft gesagt, aus ihm werde kein Dani Alves mehr. Gestern zementierte er diese Aussage. Sobald er in der polnischen Hälfte den Ball hatte, schien jede Pore seines Körpers Unbehagen auszudrücken. Als wolle er sagen: „Nun komm schon einer her und nimm mir endlich den Ball ab!“ Es lag mit Sicherheit auch an Höwedes, dass das DFB-Team über die rechte Seite sehr wenige Angriffe fuhr. Stattdessen ging viel über links, wo Jonas Hector sich redlich bemühte – mehr aber auch nicht. Gegen das eingespielte polnische Duo Blaszczykowski und Piszczek bekam der Kölner selten einen Stich.

    Deutsche Fußball-Fans mit dem Plakat Jerome, ziehe neben uns ein
    © AFP 2017/ Andreas Gebert / dpa
    Gut, welche Alternativen hat der Bundestrainer? Müller kratzt sich am Kinn. Über links ist Hector alternativlos, weil Löw den international erfahrenen und offensiv sicherlich stärkeren Marcel Schmelzer nicht mitgenommen hat nach Frankreich. Und rechts? Da könnte es Löw einmal mit Joshua Kimmich versuchen. Der ist jung, schnell und offensiv sicher stärker als Höwedes. Allerdings kein Kopfballungeheuer. Müller denkt an das letzte Gruppenspiel. Da kommt Nordirland mit einer Reihe Riese. Okay, dann vielleicht doch besser Höwedes.

    Müller schaut auf die Uhr. „Ab ins Bett“, denkt er. Ach, und vorne? Die Nordiren werden sicher nicht viel offener spielen als die Polen. Warum nicht mal Leroy Sané? Ein Schalker, 18 Jahre alt. Talentiert, dynamisch, unbekümmert…

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    Euro-2016 in Frankreich (135)

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    Tags:
    Fußball, Fußball-EM 2016, Joachim Löw, Polen, Deutschland
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