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14:57 12 November 2019
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    Türkischer Präsident Recep Tayyip Erdogan

    „Warum pfeifen die nicht den Erdogan aus?“

    © AFP 2019 / Ozan Kose
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    Euro-2016 in Frankreich (135)
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    Herrliches Sommerwetter, Kaffee und Fußball. Beste Bedingungen für eine weitere Balkon-Battle zwischen Müller und seinem Nachbarn Anders. Die Themen: Italien, irre Fans und zwei unterschiedliche Helden.

    „Deine Franzosen, mit Ach und Krach sind sie zum Gruppensieg gestolpert. Also, souverän geht anders!“ sagt Anders und grinst Müller herausfordernd an. Aber Müller hat keine Lust darauf einzugehen. Dafür ist der Himmel zu blau und der Kaffee, der schwarze, zu lecker. Die Amsel lässt sich nicht sehen. `Sind Amseln vielleicht Morgenmuffel´, denkt Müller. Er horcht auf das Vogelgezwitscher um ihn herum. ´Nein, so klingen keine Morgenmuffel´, irgendwo wird sie schon stecken.

    „Was sagst Du denn zu den Kroaten?“ Anders lässt nicht locker. „Meinst Du die Mannschaft oder ihren Anhang?“ fragt Müller. „Na, die Fans natürlich, wenn man überhaupt von Fans reden kann. Wie viele Schrauben müssen bei denen locker sein? Werfen mit Brandsätzen um sich, weil ihnen die Leute in ihrem Verband nicht passen? Und wer leidet darunter? Die eigene Mannschaft! Mensch, die hatten die Tschechen doch im Sack! Und dann gibt‘s Elfmeter und zack: 2:2! Jetzt müssen die Kroaten gegen die Spanier noch ums Weiterkommen zittern.“

    Anders schüttelt den Kopf. „Magst Du die Kroaten?“ will Müller wissen. „Ja, klar, das ist eine tolle Mannschaft. Und wenn die Fans jetzt mal ihre Pyrotechnik zu Hause lassen und ihr Team einfach mal durch Gesänge anfeuern, dann spielen die Kroaten im Achtelfinale gegen Italien. Und weißt Du was? Da bin ich gespannt, ob diese azurblaue Altherrentruppe mit ihren gekauften brasilianischen Söldnern immer noch so arrogant über den Platz gockelt.“

    Anders‘ Augen funkeln. Es ist das erste Mal, dass Müller seinen Nachbarn so erzürnt erlebt. Das gefällt ihm, schließlich hat Anders ihn ja auch schon zur Weißglut gebracht. Er möchte diese Wut noch ein bisschen anheizen: „Okay, die Italiener magst Du wohl nicht, was“? „Si, si, die mag ich nicht! Mochte ich noch nie mit ihrem Mistfußball und den fiesen Tricks. Mit zehn Mann hinten reinstellen, vorne hilft der liebe Gott und dann bei jeder kleinen Berührung auf sterbenden Schwan machen und nach Mama schreien – bah!“ Anders kommt richtig in Fahrt: „Aber wir waren bei den Kroaten. Die spielen einen schönen Ball, aber wenn die eigenen Fans gegen dich sind, hat selbst die beste Mannschaft keine Chance!“

    „Dann musst du die türkischen Fans ja noch weniger verstehen! Beim 0:3 gegen Spanien haben Hunderte ihren eigenen Kapitän ausgepfiffen. Ihren besten Mann!“ sagt Müller und achtet erwartungsvoll auf die Reaktion seines Gesprächspartners. „Genau, was für eine Sauerei!“ sein Nachbar schreit jetzt fast. „Den Kapitän auspfeifen, den Mannschaftsführer, phhh… So was würde ich mir mal für die ganze Türkei wünschen!“ Müller wartet ab: „Warum pfeifen die Türken nicht den Erdogan aus? Das wäre der Richtige!!! Mit alle Mann! Da würde dem Kerl Hören und Sehen vergehen! Was der für `n Mist macht! Die Sache mit dem Böhmermann, Armenien, Flüchtlinge – ausgebuht und ausgepfiffen, ach was — ausgewechselt gehört der Mann!“

    Müller bleibt am Ball: „Mensch, ich wusste gar nicht, dass Du Dich so für Politik interessierst.“ „Ist doch wahr!“ Anders winkt ab. „Bitte, lass die Politik aus dem Spiel, lass uns über Fußball reden.“ „Du hast angefangen“, zuckt Müller mit den Schultern. Jetzt hat er ihn, gleich platzt Anders. Müller holt zum finalen Schlag aus. „Also gut, Du willst über Fußball reden. Hast Du Cristiano Ronaldo gesehen? Einen Elfmeter hat er verschossen, der Oberpfau! Nur 0:0 gegen Österreich, Portugal steht vor dem Aus. Das hab ich ihm gegönnt. Ich kann diesen Proleten nicht ausstehen!“

    Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan
    © AFP 2019 / Adem Altan

    Müller kann die Reaktion des anderen kaum erwarten. „Mhm, also, ich mag den“, antwortet Anders in ruhigem Ton. „Bitte, was?“ Müller ist fast der Kaffee aus der Hand gefallen. „Den magst Du?“ Er hätte damit gerechnet, dass Anders allein schon bei der Erwähnung von Cristiano Ronaldo in die Balustrade beißt. „Ich verstehe Dich nicht, Anders.“ Jetzt ist es der andere, der grinst: „Hör mal, das ist ein super Stürmer, der schießt pro Saison 50 Tore und das seit Jahren. Klar gibt der ein bisschen den Affen. Aber hast Du gesehen? Nach dem Spiel, da ist ein Fan auf den Platz gerannt und wollte ein Foto mit ihm machen. Die Ordner wollten den Kerl schon abführen. Aber Ronaldo sagt, nein, wir machen das Foto, trotz des verschossenen Elfers. Das war ganz stark. Ich hoffe, Ronaldo startet jetzt richtig durch.“

    Anders grinst nicht nur von der einen Bartspitze seines Gesichts zur anderen, er legt auch wieder dieses auffordernde Nicken auf, was Müller überhaupt nicht mag. Dieser versucht es mit einem Themenwechsel: „Ähm…Fußballerisch haben wir noch nicht viel Gutes gesehen. Die Ausnahme: Spanien. Hast Du gesehen, wie der Iniesta gezaubert hat, was für Pässe der spielt? Wahnsinn!! Müller spricht den Namen „Iniesta“ aus, als würde er sich eine mediterrane Köstlichkeit vor Augen führen. „Stehgeiger“, kommt es trocken von der anderen Seite. „Wie bitte?“ Müller hat wohl nicht richtig gehört. „Stehgeiger. Der Iniesta joggt immer nur über den Platz. Außerdem hatte der Raum ohne Ende. Ich halte den generell für maßlos überschätzt.“

    Jetzt droht Müller gleich zu platzen: „Bitte???? Hör mal, mit Spanien und Barcelona hat der alles gewo“… „Ach, alles erkauft und ergaunert. Die sind alle korrupt bis unters Dach da in Katalonien. Die Hälfte aus dem Präsidium sitzt doch im Knast.“  Müller ist aufgesprungen. Anders ist die Ruhe selbst und schaut in das puterrote Gesicht seines Gegenübers. Dieser atmet tief ein und will seiner Empörung richtig Luft machen, als der andere plötzlich sagt: „Reingefallen.“ Stille. Jetzt grinst Anders Müller wieder an. Ein-Meter-einundsiebzig pure Überlegenheit. „Iniesta ist ein Riese, seit der Weltmeisterschaft 2010 einer meiner Helden.“ Dann verändert sich sein Blick. Aus Überlegenheit wird Mitleid, was Müller noch weniger gefällt. Mit ruhiger Stimme spricht Anders: „Junge, dass Du immer so schnell auf die Palme gehst. Solltest dich mal sehen. Ist nicht gut für Deinen Blutdruck.“

    Müller fühlt sich in seine Kindheit versetzt. Jetzt tätschelt Anders auch noch seine Schulter. Der kleine Mann ist durch die Balkontür verschwunden, bevor Müller etwas sagen kann. Er lässt sich erschöpft in seinen Stuhl sinken. `Dieser Sack´, denkt er. Da streckt sein Nachbar noch einmal sein breites Gesicht ins Freie. „Bevor ich es vergesse: Morgen machen „unsere“ den Gruppensieg klar. Und nach dem Spiel werden wir über einen Mario sprechen. Merk Dir den Namen: Mario“. Schon ist der Kopf wieder verschwunden.

    „Irgendwie läuft diese Europameisterschaft noch gar nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe“, sagt er zu sich selbst und schaut auf die Dächer der Nachbarhäuser. „Und wo ist eigentlich diese Amsel?“ Müller vermisst den Vogel.

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