04:43 15 November 2019
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    Das Aufflammen der Anarchie

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    Euro-2016 in Frankreich (135)
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    Alle im Bett. Die Frau, die Kinder und wohl auch die Amsel. Zumindest sieht Müller den Vogel nicht. Ist aber kein Wunder, es ist nach elf Uhr in der Nacht. Gerade sind die letzten Vorrundenspiele zu Ende gegangen.

    "Und? Haste Ungarn gegen Portugal gesehen?“ fragt Anders. Sein Nachbar sitzt oder vielmehr hängt in seinem Liegestuhl. Er hat ein Bier in der Hand und Schweißperlen auf der Stirn. Die Hitze macht ihm offenbar zu schaffen. Oder ist es vielleicht die Vorrunde, die endlich zu Ende ist?

    "Mann, das war ein Spiel! 3:3. Und "mein" Cristiano Ronaldo hat endlich getroffen", fährt Anders fort und hat wieder sein ermunterndes Nicken aufgesetzt. Müller kann den portugiesischen Superstar nicht leiden, will sich heute aber nicht provozieren lassen. Stattdessen antwortet er: "Ja, das war die einzige Partie, in dem alle Bremsen gelöst waren und es nur darum ging, Tore zu schießen. Das, worum es in diesem Spiel eigentlich geht". Beide schweigen und denken darüber nach.

    Müller trinkt einen Schluck Bier, sein Nachbar ebenfalls. "Stimmt", sagt er schließlich und wischt sich den Mund ab. "Bei fast allen anderen Spielen ging's in erster Linie darum, keine Fehler zu machen. Schuld ist dieser Modus mit den dritten Plätzen. Jeder will sich ins Achtelfinale mogeln.“ „Ja. Dabei wollen wir doch genau solche Spiele, in denen es hin und her geht, mit offenem Visier gestürmt wird.  Aber der Fußball wird immer geordneter, immer wissenschaftlicher. Immer mehr José Mourinho, immer weniger Messi. Das gefällt mir nicht.“

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    © AFP 2019 / Patrik Stollarz
    Beide überlegen. „Naja, immerhin hat Leicester City dieses Jahr die englische Meisterschaft gewonnen“, sagt Anders schließlich. „Das war ´ne Sensation“. „Ja…“, Müller nickt abwesend. Schließlich sagt er: „Kannst Du Dich an 2004 erinnern? Das war im Fußball das verrückteste Jahr, an das ich denken kann.“ Anders überlegt: „Ist Werder Bremen da nicht Meister geworden?“ fragt er zögerlich. Der kleine untersetzte Mann mit dem stolzen Schnauzbart ist mit Herz und Seele Fan von Bayern München.

    „Oh ja“, antwortet  Müller. „Mit einem 3:1-Sieg in München. Und den DFB-Pokal haben sie auch noch gewonnen.“  Er schaut zu seinem Nachbarn herüber. „Nein, an das Jahr kann ich mich nicht erinnern“, grummelt dieser. „Ach, komm, Anders. Das war absolut verdient. Außerdem ist Griechenland in 2004 Europameister geworden. Griechenland! Die größte Sensation aller Zeiten!“ „Stimmt, mit Otto Rehagel als Trainer. ´Rehakles´ haben sie ihn genannt.“

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    Anders schaut verträumt in die Ferne und lächelt. „Das ist noch nicht alles“, sagt Müller. „Die Champions League hat der FC Porto gewonnen, im Finale gegen AS Monaco.“ „Echt, Wahnsinn“, Anders schaltet beim Nicken einen Gang rauf. „Was Du alles weißt…“ „Das war das letzte Jahr der Anarchie im Fußball“, seufzt Müller. „Ach Gottchen… Anarchie. Was soll das sein?“ „Naja, wenn nichts läuft, wie geplant oder wie erwartet. Wenn Regeln gebrochen werden. Heutzutage gewinnt die Champions League entweder Real Madrid, Barcelona oder die Bayern.“

    „Och, gegen diese Ordnung hätte ich nichts, dann wären wir mal wieder dran“, grinst Anders. Müller überhört das: „Und Europameister wird entweder Spanien, Frankreich oder Deutschland. Das ist doch langweilig.“

    Anders richtet sich in seinem Liegestuhl auf: „Hallo, Du hast doch selbst gesagt, dass Frankreich Europameister wird. Wir haben gewettet, um eine Kiste Bier!“ Wie kannst Du denn jetzt dagegen sein, Du… Anarchist?“ will er wissen. Müller atmet durch `Macht der Kerl das wieder absichtlich?‘ „Ja, klar, aber ist es nicht schön, wenn es einmal anders läuft? Ist es nicht toll, wenn Island – auch wenn sie destruktiven Fußball spielen – im Achtelfinale steht? Dieses winzige Land hat  300.000 Einwohner. 300.000!!! Selbst Bielefeld hat mehr!“

    Anders verschluckt sich an seinem Bier. Er hat einen Hustenanfall. Müller kommt jetzt richtig auf Temperatur. „Ja, Bielefeld! Und ich liebe es, wenn Ungarn und Portugal sich die Bälle um die Ohren schießen, dass ihren Torhütern Hören und Sehen vergeht! Und wenn die Kroaten einfach nicht aufhören, sich gegen die Spanier zu wehren und kurz vor Schluss noch das Siegtor schießen! All das sehe ich im deutschen Spiel im Moment übrigens nicht. Da ist die größte Sensation, wenn sich der Bundestrainer sich in die Hose greift. Albern! Weißt Du was? Dann nenn´ mich doch einen Anarchisten! Ich bin´s gerne!“

    Müller hat sich mal wieder in Rage geredet. Anders hebt die Hand: „Junge, Junge, ist ja gut. Dass Du immer gleich so hoch gehst.“ Er schüttelt den Kopf: „Eigentlich wollte ich mit Dir noch über das Achtelfinale sprechen. Da sind ja alle Favoriten, alle großen Fische in einem Topf. Das müsste dem Herren Anarchisten ja gefallen. Hab ich heute aber keine Lust mehr zu!“

    Er steht auf und geht in seine Wohnung. „Gute Nacht!“ Energisch schließt er die Tür. Müller bleibt allein zurück. Er kratzt sich am Hinterkopf und trinkt sein Bier aus. ´Vielleicht ganz gut, dass wir jetzt zwei Tage mal keinen Fußball haben`, denkt er. Er betrachtet die leere Flasche Bier und dann die Häuserwand gegenüber: ´Und wenn ich jetzt… nein, so anarchistisch bin ich doch nicht´.

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    Fußball, Fußball-EM 2016, José Mourinho, Cristiano Ronaldo, Portugal, Ungarn