07:05 20 November 2019
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    Uefa-Banner auf dem Tourrettes-Stadion bei der EM 2016 in Frankreich

    „Der Uexit muss her!“

    © AFP 2019 / Attila Kisbenedek
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    Viele Teams, wenig Tore. Gute Idee? Nein, schlechter Fußball! In Müllers EM-Blog lässt heute sein Nachbar Anders mächtig vom Leder. Er ärgert sich über die Berichterstattung und fordert den Uexit.

    "Weißt Du, ich hab auf gut deutsch gesagt die Schnauze voll!“ Holla, denkt Müller. Kraftausdrücke hatte er bis jetzt noch nicht von seinem Nachbarn gehört. Die beiden sitzen wieder gemeinsam draußen – jeder mit einem Bier und jeder auf seinem Balkon. Auf der Antenne sitzt ein Vogel. Aber es nicht die Amsel. Eine ziemlich große Elster hat ihren Platz eingenommen.

    Müller schaut mit leichtem Unbehagen zu dem schwarz-weißen Vogel rüber. Er sitzt dort ohne einen Mucks von sich zu geben. Es sieht vielmehr so aus als lausche er. Anders hat keinen Sinn für die Ornithologie. Er zetert weiter: "Dieses Turnier ist doch ein Witz!“ Er ist offenbar richtig anfressen. „Was ist denn los?“ fragt Müller. „Deutschland hat doch gewonnen. 3:0 gegen die Slowakei. Du müsstest doch bester Laune sein.“ „Hör auf, wenn das nicht so wäre, dann wäre ich noch stinkiger!“

    Die Elster flattert mit ihren Flügeln und trippelt auf der Antenne. „Dann, raus mit der Sprache, was ist los?“ Müller lächelt und versucht seinen Nachbarn zu etwas zu besänftigen. „Wo soll ich anfangen? Dieses aufgeblähte Turnier ist doch eine Qual. 24 Mannschaften – das ist ja ein Witz! Mindestens die Hälfte von denen ist über. Ist ja schon für die Kinder und die Leute in Rumänien, Nordirland, Albanien, was weiß ich – Island, Österreich oder der Schweiz, wenn ihre Teams mal bei so einem Turnier auflaufen. Aber ehrlich, das braucht doch kein Mensch!“ „Naja, die Schweizer und Nordiren waren immerhin im Achtelfinale… Und Island will doch heute die Engländer…“. „Ach hör doch auf! Die Schweizer haben ein Spiel gewonnen. Gegen Albanien! Toll, wow… Und Nordirland gegen Wales – das war millionenfache Körperverletzung am Fernsehen! Und überhaupt: diese Fußballzwerge stellen sich alle hinten rein und vorne hilft der liebe Gott. Machen alle auf Italien. Das ist schlimm und das schlimmste ist, dass sie damit auch noch Erfolg haben. Der Fußball ist auf dem absteigenden Ast. Da müssen wir den Riegel vorschieben!“

    „Ja gut, und was willst Du ändern?“ fragt Müller. „Den Motzki machen kann jeder.“ Er schaut seinen Nachbarn herausfordernd an. Aber wie so oft reagiert dieser anders als Müller es erwartet hat: „Na klar, hab ich mir Gedanken gemacht. Das unterscheidet uns beide übrigens. Während du immer wie eine Rakete hochgehst, bleibe ich am Boden.“ Er grinst Müller an und nickt dabei. Dieser ist in Habachtstellung. Wenn Anders in diesen Modus wechselt, zieht Müller meist den Kürzeren. Darum fragt er schnell.

    „Okay, was ist Dein Vorschlag?“ Der andere, einen Kopf kleiner, schaut überlegen zu seinem Gegenüber hinauf, atmet einmal ein und sagt schlicht: „Na der Uexit natürlich.“ Anders zuckt mit den Schultern und schaut seinen Nachbarn an, als wäre diese Antwort die einzig denkbare.

    Bundestrainer Joachim Löw
    © AFP 2019 / Patrik Stollarz
    „Ähm… der was?“ Müller schaut wie drein wie Lionel Messi, wenn der gerade einen Elfmeter verschossen hat. „U-exit?“ fragt er. „Ja, der Uexit. Der Austritt aus der UEFA. Ist doch logisch.“ Anders trinkt einen Schluck Bier. „Aha“, sagt Müller, aber sein Gesichtsausdruck verrät, dass er nur Bahnhof versteht. „Und wer soll austreten?“ „Na, wir natürlich. Und die Franzosen. Und die Spanier. Und die Italiener. Und natürlich auch…“, und sein Grinsen wird breiter: „…die Engländer. Die machen das ja gerne, austreten.“

    Müller fragt: „Und dann?“ „Ach Müller“, sagte Anders fast mitleidig: „Das ist doch nicht schwer zu verstehen. Wenn die großen Fußballnationen aus dem Verein austreten, dann bin ich gespannt, wer sich das dann noch anguckt: Albanien gegen Liechtenstein, Finnland gegen Moldawien. Verstehste?“

    Sein Nachbar nickt Müller wieder aufmunternd zu – wie er das hasst. „Die UEFA braucht Druck, sonst ändert sich nämlich nichts in dem Haufen. Druck, ganz einfach. Jetzt müssen wir eine Petition auf den Weg bringen, so ´ne Unterschriftenaktion, verstehste? Ich werde das gleich mal meinem Schwager Norbert mitteilen, der ist im CDU-Ortsverein, in Berlin-Rudow. Dann kann der gleich mal mit zur Kanzlerin gehen, ist ja nicht weit. Und die kann damit weiter zu dem Holland, oder wie der Franzose heißt, der mit der Brille, weißte? Und dann weiter… ach, England hat ja gar keinen Bundeskanzler mehr oder wie das bei denen heißt. Na, vielleicht kann die Merkel ja mit der Queen? So unter Frauen… Müsste doch…“

    Bilder: Die schönste Seite des Fußballs — Weibliche Fans bei der EM 2016

    Müller blickt seinen Nachbarn an und schüttelt den Kopf. Wortlos steht er auf und öffnet seine Balkontür. Im Gehen blickt er noch einmal zur Antenne hoch. Genau in diesem Moment krächzt die Elster zum ersten Mal. ´Hoffentlich ist der Vogel bald verschwunden´, denkt er und schließt die Tür hinter sich.

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    Fußball, Fußball-EM 2016, UEFA