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22:18 12 November 2019
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    Torwart des russischen Nationalteams Igor Akinfeev

    „Ein Königreich für Akinfeev“

    © Sputnik / Vitaly Belousov
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    Heute ist fußballfrei und Müller hat Lust auf einen entspannten und unaufgeregten Abend. Vor allem hat er keine Lust auf seinen Nachbarn. Aber, das Leben ist nun einfach kein Ponyhof. Lesen Sie selbst…

    Es ist ein lauer Abend nach einem heißen Tag. Die Amsel ist wieder auf ihrem Platz. Sie zwitschert vergnügt auf ihrer Antenne. 'Offenbar weht da oben ein leichtes Lüftchen' denkt Müller, als er zu dem Vogel hinauf blickt.

    Uefa-Banner auf dem Tourrettes-Stadion bei der EM 2016 in Frankreich
    © AFP 2019 / Attila Kisbenedek
    Außer dem Gesang der Amsel und ein paar verspielte Schwalben, die jagend hin und wieder mit schrillem Getöse über Müller hinwegfliegen, ist es absolut still. Müller genießt diese Stille. 'Vögel sind wie Menschen' denkt er. 'Manche sind glücklich in Gesellschaft und andere am Liebsten für sich.‘

    Müller trinkt eine Weißweinschorle — mit Eiswürfeln. Seiner Meinung nach das perfekte Getränk für einen solchen Abend. Gerade nippt er an seinem Glas, als greller Schrei die Ruhe wie ein Dolch durchschneidet.

    "Jaaaaaaaaaaaaa!“ ertönt es. Und kurz darauf: „Akinfeev, Akinfeev, jaaaaa!“ Der plötzliche Lärm hat Müller auf dem falschen Fuß erwischt. Das Glas konnte er nach zweimaligem Nachgreifen zwar retten. Aber der Inhalt hat sich kurz unterhalb des Schlüsselbeins über seinen Rumpf verteilt. Er blickt an sich hinunter: Seine Brust ist nass, der Bauch auch. Am heftigsten hat es ihn im Schritt erwischt. Die an sich olivfarbenen Bermudas sind dunkelgrün. Gerade steht er auf und lässt den Rest der Weinschorle von sich abtropfen, als nebenan die Balkontür geräuschvoll aufgeht. Sein Nachbar Anders tritt ins Freie. Sein Kopf ist puterrot und seine Augen leuchten, er ist sichtlich erregt.

    Als er Müller bemerkt, zuckt er zusammen. "Du?“  fragt er. "Vor dir hat man aber auch nie seine Ruhe". "Ähm…", beginnt Müller und versucht gegen die aufsteigende Wut anzukämpfen, „hast du gerade so geschrien?" „Ich?“ kommt es zurück. Dann Schweigen. Anders‘ Blick wandert langsam Müllers Körper hinab und wieder herauf. "Was hast du denn gemacht? Ice Bucket Challenge, oder was?“  fragt er und schaut seinem Nachbarn verständnislos ins Gesicht. „Äh…", Müller will etwas sagen. Da fängt Anders an zu schnuppern: „Sag mal…", fängt er an und schnüffelt weiter geräuschvoll wie ein Schwein auf Trüffeljagd, "…ist das etwa Wein?“

    Anders verzieht das Gesicht. "Ähm, ja", antwortet Müller. Anders fängt an zu grinsen: "Kann er wohl nicht mit umgehen, was? Der feine Herr!“ lacht Anders und hält sich den üppigen Bauch. „Warum trinkst du kein Bier? Da weißt du wenigstens, wie man die Flasche festhält!"

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    Wieder lacht er los und schüttelt sich regelrecht. Müller steht nass daneben. Allmählich reicht es ihm: "Ist egal, ich möchte wissen, warum du gerade so geschrien hast?" Anders fängt sich langsam, hält inne, schaut seinen begossenen Nachbarn an und sagt: „Akinfeev, Mann, Alter, Akinfeev!“

    Müller schaut hinüber und versteht gar nichts. „Akinfeev? Das ist doch der russische Torwart, oder? Die Russen sind doch schon lange ausgeschieden. Außerdem…“, er schaut schnell auf seine Uhr, „…ist doch heute gar kein Spiel.“ Anders schaut ihn stirnrunzelnd an: „Wer redet denn von Spielen? Ich hab mein Panini-Album voll!“ sagt er und blickt triumphierend zu Müller, der ihn um gut anderthalb Köpfe überragt, hinauf. 

    „Akinfeev hat mir noch gefehlt, als einziger! Seit einer Woche bin ich hinter dem Kerl her, auf drei Tauschbörsen war ich, sogar in Pankow bin ich gewesen – ohne Erfolg. Ich hatte schon Alpträume von dem Kerl, wach geworden bin ich wegen ihm, weil ich ihn überall gesucht habe. Ein Königreich hätte ich für ihn gegeben – Akinfeev. Und gerade war meine Frau, die beste auf der ganzen Welt, im Zeitungsladen, die „Brigitte“ kaufen, weißt du? Und sie hat mir einfach so zwei Päckchen mitgebracht. Ich mach das erste auf und peng – Akinfeev!!! Wahnsinn!“

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    Er ist noch immer aus dem Häuschen. „Wahn-sinn…“, Anders atmet durch. „Und jetzt machen wir uns einen schönen Abend, verstehste?“ Er zwinkert Müller vielsagend zu und grinst. Dieser blickt starr auf seinen Nachbarn: „Du… hast… Akinfeev… was?“ Müller ringt um Fassung. „Panini-Bilder? Du sammelst Panini-Bilder? DU?!?! Ist das nicht was für kleine Kinder?“ Anders schaut zurück und räuspert sich: „Hm… Ja, ich sammele Panini-Bilder. Seit 1978 habe ich alle Alben komplett. Welt- UND Europameisterschaften, wohlgemerkt“, er ist an das Balkongeländer herangetreten.

    Bundestrainer Joachim Löw
    © AFP 2019 / Patrik Stollarz

    Jetzt schaut er Müller ins Gesicht ohne einen Funken Ironie in den Augen. Dann sagt er leise, mit bierernster Stimme: „Und weißt du, was? Wenn nichts Außergewöhnliches passiert, und ich wüsste nicht, was das sein sollte, mache ich das bis zu meinem Tod.“ Er schaut Müller noch einen Moment an, um seinen Worten das nötige Gewicht zu verleihen und wendet sich dann ab. Er geht zur Balkontür. Im Reingehen dreht er sich noch einmal zu Müller um: „Was für kleine Kinder…pfff, das sagt derjenige, der zu blöd ist, ein Glas festzuhalten. Zieh dir mal was anderes an, sonst kriegst du noch einen Schnupfen.“

    Die Balkontür schließt sich. Müller bleibt allein zurück. Er schaut noch einmal an sich herunter. ´Jetzt brauche ich ein Bier, murmelt er und geht ebenfalls ins Haus. 

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    Fußball-EM 2016, Igor Akinfeev