07:49 14 November 2019
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    Portugal besiegt Frankreich im EM-Finale

    „… viele Grüße vom besten Fußballer der Welt“

    © Sputnik / Grigori Syssojew
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    Unglaublich! Portugal ist Europameister. Cristiano Ronaldo erlebt ein Wechselbad der Gefühle: Erst fließen Krokodilstränen, dann Tränen der Freude. Müller zieht ein Fazit. Allein, denn sein Nachbar Anders bleibt wie vom Erdboden verschluckt.

    Müller sitzt auf seinem Balkon. Eine laue Nacht nach einem heißen Sommertag. Irgendwo in der Dunkelheit wird gefeiert. ´Ich wusste gar nicht, dass bei uns im Kiez Portugiesen wohnen´, wundert sich Müller. ´Oder sind es Cristiano Ronaldo-Fans´? denkt er. Er schaut hinüber zum Nachbarbalkon. Der ist leer. In der dazugehörigen Wohnung ist es dunkel. ´Komisch´, denkt Müller: `wo ist der Kerl nur´? 

    Schon seit Tagen scheint  Anders wie vom Erdboden verschluckt. Normalerweise trifft er seinen Nachbarn fast jeden Abend hier. Dann diskutieren sie über die EM. Über Spiele, Siege, Niederlagen, Fehlentscheidungen. Es ist eine unausgesprochene Verabredung. Ein stilles Agreement. Meistens hat sich Müller über Anders geärgert, sich provoziert gefühlt. Einige Male hat er gedacht, mit dem Kerl spreche ich kein Wort mehr. Jetzt ist es anders. Wenn Müller ehrlich ist und das ist man, wenn man allein ist, muss er sagen: Er vermisst Anders.

    Sowas. Das hätte er sich nie träumen lassen. Wie gerne würde er sich jetzt mit ihm über Cristiano Ronaldo unterhalten! ´Was für ein Pfau´, hatte Müller gedacht, als CR7 in der ersten Halbzeit auf dem Rasen saß und weinte. Müller hatte ihn vom Sofa aus beschimpft: „Du bist Kapitän, Mann! Du musst doch Dein Team stark machen, anstatt hier rum zu flennen und Dich selbst zu bejammern!“ Nein, er werde diese Ronaldo-Attitüden niemals gut finden. Dann wirst Du eben nicht Europameister, basta“ hatte er gedacht. Aber die Portugiesen sollten sich seinem Zynismus entgegen stellen und Lügen strafen: Denn sie zogen ihr Spiel trotz der Verletzung durch. Sie verteidigten geschickt, nahmen Frankreichs Torjäger Griezmann aus dem Spiel und ließen wenige Chancen zu.

    Als sie kurz vor Schluss beim Pfostenschuss von Gignac auch noch Glück hatten, bekam Müller plötzlich eine Ahnung: `So, und jetzt gewinnen die. Portugal wird Europameister´! In der Pause vor der Verlängerung sah er Ronaldo, wie er seine Mannschaft anfeuerte, die Leidenschaft, die Energie, den Willen. Er sah, wie er sich Nani schnappte und fast beschwörend auf ihn einredete, wie er Eder, den späteren Siegtorschützen, in den Arm nahm und ihm tief in die Augen blickte. ´Das ist ein Kapitän´, murmelte Müller. Er sah Cristiano weiter durch beide Coaching Zonen humpeln und seine Mitspieler weiter pushen wie ein Trainer.

    Wie gerne würde er das jetzt mit Anders besprechen! Er würde ihm sagen, dass er richtig gelacht hatte, als Ronaldo kurz vor Schluss Portugals Trainer Fernando Santos ziemlich heftig und nach dem Motto knuffte: „Alter, wir packen´ s!“  Santos hatte sich verwundert zu seinem Star umgedreht, nach dem er fünf Schritte gebraucht hatte, um sein Gleichgewicht wieder zu finden. Ach Mann, wo steckt der Kerl?

    Ein kleiner Schatten fällt auf Müller und verschwindet blitzschnell. Er blickt auf.  Eine Fledermaus. Ob Anders etwas passiert ist, denkt Müller plötzlich. So jung ist der Kerl ja auch nicht mehr. Und ziemlich untersetzt. Sein Kopf ist immer rot. Er trinkt ja auch einiges. Oh Mann. Jetzt sorgt sich Müller um seinen Nachbarn. Ob ich einmal klingele? Aber die Wohnung ist dunkel. Wo steckt eigentlich seine Frau? Hatten die beiden einen Unfall? ´Oh Mann. Ich gehe rüber´, beschließt Müller.

    Er öffnet die Balkontür geht durch das Wohnzimmer Richtung Flur, als er ein surrendes Geräusch hört. Es kommt vom Tisch. Es ist sein Handy. Er blickt auf das Display: unbekannte Nummer. Es ist nach zwölf Uhr, wer ruft mich um diese Zeit an´? denkt er. „Hallo“? meldet er sich nicht gerade freundlich. Auf der anderen Seite der Leitung ist ein unfassbarer Krach zu hören. Müller muss das Telefon vom Ohr nehmen, so laut ist es. Er eilt ins Wohnzimmer, um seine Familie nicht zu wecken. Dann führt er das Gerät wieder zum Ohr: „Hallo?“ Auf der anderen Seite sind tausend Stimmen, irgendwo Musik, ein Klangteppich. „Hallo, wer ist da“? wiederholt er noch einmal. Dann spricht, oder vielmehr schreit eine Stimme: „Müller… altes Haus… wo ich bin…“. „Bitte, was? Hallo, wer ist da?“ Müller schreit in den Hörer. „…Wahnsinn… Party… Europameister… zum Tag…hier… Anders…“. „Was, ich verstehe nicht… Anders, bist Du das?“ Wieder horcht er hört aber nur noch den schrillen Klangteppich, aber dann noch einmal die Stimme: „… Wort… laut … Party…Wahnsinn… Nachricht…“. Dann ist die Leitung tot.

    Die Stimme am anderen Ende hat aufgelegt. Müller ist verwirrt: `War das Anders´? denkt er. Dieser Kerl. Wenn er es war, geht es ihm offenbar gut. Aber was macht der Kerl um die Uhrzeit auf einer… hat Party gesagt´? Müller geht in die Küche. Er füllt Wasser in die Kaffeemaschine, dann wirft er den alten Filter weg, öffnet den Küchenschrank und legt einen neuen in die Maschine. Dann sechs Löffel Kaffeepulver, so wie immer. Er nimmt ein Glas aus dem Schrank und füllt es mit Leitungswasser. ´Wird Zeit, dass ich mehr hier von trinke und weniger Bier´, denkt er. Dann hört er wieder sein Handy. Es war nur ein Surren, er hat eine Nachricht empfangen. Er geht zum Tisch und schaut auf sein Handy.

    Es ist eine Bildnachricht. Er macht sie auf. Ein Foto erscheint. Müllers Kinnlade geht nach unten und er greift nach einem Stuhl, um nicht umzukippen. Er setzt sich. Ungläubig schaut er auf das Display: Das Foto ist in einem Raum aufgenommen, in dem offenbar viele Menschen stehen und irgendetwas feiern. Vorne rechts steht ein Cristiano Ronaldo, der mit einem seligen CR7 Grinsen in die Kamera strahlt. Der Stürmer hat seinen Oberkörper wieder entblößt. Zu seiner Linken hat er eine Person umarmt, die mit ihrem großen gezwirbelten Schnauzbart ebenfalls in die Kamera strahlt… das gibt es doch nicht! Es ist Anders! Müller starrt auf das Foto.

    Doch… kein Zweifel. Er sieht seinen Nachbarn, mit dem er normalerweise Biertrinkend auf dem Balkon quatscht, Arm in Arm mit Cristiano Ronaldo. „Ich fasse es nicht…“, Müller schüttelt den Kopf und blickt noch einmal auf das Foto in seinem Handy. Da steht noch ein Text: „So sehen Sieger aus, viele Grüße vom besten Fußballer der Welt“. Müller legt das Handy auf den Tisch. Er geht in die Küche, öffnet den Kühlschrank und nimmt sich ein Bier. Kurz darauf sitzt er wieder auf dem Balkon. Inzwischen ist es mucksmäuschenstill. „Morgen nach der Kita schnappe ich mir meinen Jungen. Dann spielen wir Fußball, bis wir umkippen“, sagt Müller zu sich selbst.

    In einem Baum, keine hundert Meter von Müllers Balkon entfernt, schläft eine Amsel. Sie hat einen großen Tag hinter sich. Ihre drei Jungvögel haben heute das Nest verlassen. Morgen kann sie wieder tun und lassen, was sie will. Auf Fernsehantennen sitzen, zum Beispiel und dabei hemmungslos zwitschern, so lange sie will.

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