04:01 19 November 2019
SNA Radio
    Deutsche Fußball-Nationalspielerin Melanie Leupolz

    „Frauenfußball? Da wasch ich lieber ab!“

    © AP Photo / Nelson Antoine
    Zum Kurzlink
    Von
    Olympia Rio-2016 (173)
    0 413
    Abonnieren

    Endlich! Anders ist zurück – pünktlich zu den Olympischen Spielen. Müller hat eigentlich Grund, sich zu freuen.

    Müller sitzt nach längerer Zeit mal wieder auf dem Balkon. Von Sommer kann in den letzten Wochen wirklich nicht die Rede sein, denkt er. Zu nass, zu kalt, zu wenig Balkon. Er trinkt einen Schluck Bier. Auch der Amsel ist es auf der Antenne offenbar zu ungemütlich. Fliegen Vögel auch schon immer Sommer in den Süden, wenn es ihnen hier zu kalt ist? Gute Frage, denkt Müller.

    Fliegen Amseln überhaupt weg oder bleiben sie das ganze Jahr über hier? Müller hätte dieser Frage vielleicht noch etwas länger nachgehangen, aber dazu kommt es nicht. Denn plötzlich wird mit einem Ruck nebenan die Balkontür aufgerissen. Ein kleiner Mann stürmt auf den Balkon. In der Hand hat er ein Smartphone, auf das er gebahnt starrt. Er dreht das Handy in Müllers Richtung und schreit triumphierend auf: „Ah, jetzt hab ich Dich, Du Sackgesicht!“ Es ist Anders, Müllers verschollener Nachbar.

    Er bleibt direkt vor Müller stehen, schaut ihn aber nicht an. Stattdessen fixiert er das Handy in seiner Hand und tippt wie ein Wilder auf dem Display herum. „Mach Dein Testament, Halunke!“ murmelt er. Müller ist in seinem Stuhl erstarrt. Er blickt seinen Nachbarn an, der mit diabolischem Blick sein Handy fixiert und weiter mit seinem Zeigefinger über das Display fuchtelt.

    „Was ist los?“ Keine Antwort. Jetzt reicht es Müller. Er springt auf. „Nein! Nicht bewegen!“ Anders protestiert lauthals und starrt mit besorgtem Blick auf sein Mobiltelefon. „Oh Mann, Du vertreibst es!“ Er bewegt das Gerät hin und her. „Jetzt ist es in Deiner Wohnung verschwunden. Ob ich vielleicht schnell gerade rüber…“. Jetzt ist es mit Müllers Geduld endgültig vorbei. Er reißt seinem Gegenüber das Telefon aus der Hand. „Nein, bist Du wahnsinnig?!“ kommt der verzweifelte Protest. „Was machst Du hier? Was soll das?“ 

    Müller starrt Anders an und verschränkt die Arme, das Handy hat er noch immer in der Hand. „Oh Mann, das gibt es doch gar nicht“, Anders lässt sich schwer in einen Stuhl fallen. Noch schwerer lässt er den Kopf auf die Brust fallen. Er atmet tief durch. „Mann, was ist los?“ Müller hakt nach. Anders schüttelt langsam den Kopf. Dann schaut er müde hinüber und murmelt: „Na was wohl? Ich spiele“. Müller schaut ihn ratlos an: „Wie, Du spielst?“ er runzelt die Stirn. „Was spielst Du?“ Anders blickt Müller an. „Sag mal, lebst Du hinter dem Mond? Was spiele ich wohl?“ Er schüttelt den Kopf und blickt Müller zum ersten Mal direkt ins Gesicht.  „Das was die ganze Welt spielt. Pokémon Go natürlich!“

    Müller öffnet den Mund: „Du… was…Pokémon, auf meinem Balkon?“ Mehr bekommt er nicht heraus. Anders mustert ihn und sagt schließlich: „Du hattest Pikachu auf der Schulter, weißt Du, wie lange ich den schon jage?“ Müller schaut auf seine rechte Schulter. „Auf der anderen“, seufzt  Anders. Müller schaut auf die andere Schulter. „Wenn ich den gekriegt hätte, hätte ich meine Frau überholt“, klagt Anders und scheint sichtlich geknickt. Aus der Wohnung seines Nachbarn ertönt eine Frauenstimme: „Yes, yes, yeeees!“ Anders schüttelt den Kopf: „Jetzt hat sie sich den Pikachu geholt“, seufzt er. „Und das bedeutet, dass ich bis auf weiteres abwaschen darf. Unsere Spülmaschine ist nämlich kaputt. Bis die neue kommt muss ich ran“, sagt Anders leise und betrachtet seine fleischigen Hände. Beide schweigen.

    Uefa-Banner auf dem Tourrettes-Stadion bei der EM 2016 in Frankreich
    © AFP 2019 / Attila Kisbenedek
    Müller kann sich nicht helfen, irgendwie tut ihm sein Nachbar leid. Er überlegt, wie er ihn aufheitern kann. Schließlich fragt er: „Hast Du eigentlich unsere Mädels gesehen? Die haben ihr erstes Spiel bei Olympia gewonnen: 6-1 gegen Simbabwe.“ Er lächelt Anders zu. Dieser rümpft empört die Nase: „Frauenfußball? Bist Du wahnsinnig? Da wasche ich lieber freiwillig ab!“ Jetzt grinst er: „Wenn die nicht Trikottausch machen, kannst Du das vergessen. Wobei“, er überlegt kurz: „Wenn ich mir unsere Damen so vorstelle: Nackig will die doch auch keiner sehen. Außerdem fassen die sich doch alle gegenseitig an. “Nah!“ Müller entfährt ein kleiner Schrei. „Nun ist es aber gut, Du immer mit Deinen Vorurteilen! Und homophob brauchst Du auch nicht zu werden. Geh Du jetzt mal rein, spülen!“ „Kann ich vorher vielleicht mein Handy zurückhaben?“ Anders streckt Müller die Hand entgegen. „Danke“, sagt er und steckt das Telefon in die Tasche.

    „Da ist man schon mal länger weg, aber Du hast Dich ja kein bisschen geändert, das kann ja heiter werden, Du Frauenversteher!“ „Geh Du jetzt erstmal zu Mutti in die Küche, spülen“ sagt Müller. Anders stapft ins Haus und schließt die Tür. Müller lässt sich in seinen Stuhl fallen. Er trinkt einen Schluck Bier. „Pokémon Go“, murmelt er. Dann schaut er erst zur linken, dann zur rechten Schulter „Ob das Pikachu wohl zurückgekommen ist?“

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Themen:
    Olympia Rio-2016 (173)

    Zum Thema:

    „Nicht der Schiri oder Schweini - ich bin schuld!“
    Schweini gegen den Kraken Paul
    „Ich sch… auf Bella Italia, mein lieber Scholli!“
    Löws zahnloser Angriff
    Tags:
    Pokemon, Frauenfußball, Pokémon Go, Olympische Spiele in Rio de Janeiro, Deutschland