02:46 22 November 2017
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    Bahnhof Roma Termini (Eine Postkarte aus dem Jahr 1953)

    Sehnsucht nach Italien - Roma Stazione Termini

    © Flickr/ Deborah Swain
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    von Humboldt
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    1950 war der römische Hauptbahnhof Stazione Termini der modernste Hauptbahnhof Europas. Ein Glanzstück italienischer Baukunst mit einem Vordach, das die Form einer doppelten Welle hat. Angeblich soll diese Doppelwelle den Übergang von der Vergangenheit in die Zukunft symbolisieren.

    Sicherlich hatte man bei der Planung an die vielen Menschen gedacht, die nach dem Krieg wieder zahlreich in die Ewige Stadt pilgerten und vielleicht diente den Architekten eine Textstelle aus dem Buch Hiob (38.11) als Leitfaden, wo es heißt:  „Bis hierher sollst du kommen und nicht weiter; hier sollten sich legen deine stolzen Wellen“.

    Bis Anfang der 90er Jahre konnte man von Dortmund, Frankfurt oder München direkt bis in die italienische Hauptstadt reisen. Ich wechselte oftmals in Mailand den Zug, um über Genua – immer an der Tyrrhenischen Küste entlang – an mein Ziel zu gelangen. Dabei kam ich an so bekannten Orten wie Rapallo, La Spezia, Cinque Terre, Viareggio, Pisa, Livorno, Civitavecchia vorbei, die für Italien alle eine besondere Bedeutung haben. Wenn der Zug dann morgens endlich in Roma Stazione Termini einfuhr, konnte ich es kaum noch erwarten, aus dem Zug zu steigen, um durch die ewige Stadt zu schlendern.

    Seitdem hat sich vieles in Italien, aber auch in Deutschland verändert. Die Direktverbindung gibt es nicht mehr, sodass man mehrmals umsteigen und oftmals lange Wartezeiten in Kauf nehmen muß – soviel zum vereinten Europa. Rom hat sich verändert – in einer Art und Weise, wie ich es noch bis vor fünf Jahren nicht für möglich gehalten hätte und es ist zu befürchten, dass es dabei nicht bleibt.

    Am deutlichsten konnte ich das dieses Jahr auf der Piazza Indipendenza sehen. Dort befindet sich der Palazzo Curtatone nur 100 Meter von der deutschen Botschaft entfernt. Das Gebäude wurde von den Ingenieuren und Architekten Giulio Sterbini, Aldo Della Rocca, Enrico Lenti e Ignazio Guidi entworfen und stellt ein Meilenstein italienischer Baukunst der 50er Jahre dar. Einst hatte der Gewerkschaftsverband der landwirtschaftlichen Genossenschaften Italiens, kurz FEDERCONSORZI genannt, dort seinen Sitz. Nach einem kurzen Leerstand wurde es im Oktober 2013 kurzerhand von dem bekannten Aktivisten Luca Fagiano und seiner Bewegung „MOVIMENTO PER LA CASA“ (Bewegung für das Haus) besetzt.

    Nach und nach zogen dort Nordafrikaner, Eritreer und Äthiopier ein. Es ist ungefähr so, wie wenn man die Neue Nationalgalerie von Mies van der Rohe in Berlin schnell geräumt hätte, um neue Schlafplätze zu schaffen. Insgesamt handelte es sich dabei um 900 und 1200 Personen, die alle als politische Flüchtlinge anerkannt waren und über einen eigenen Hausschlüssel für das Gebäude verfügten. Die Kosten für Wasser und Strom gingen unfreiwilligerweise auf das Konto des Hauseigentümers. Für Essen und Trinken sorgte die Caritas.

    Umso größer war die Empörung der Bewohner (Flüchtlinge), dass sich hier der italienische Staat nicht in der Pflicht sah, ihnen zu helfen. Immer wieder hörte ich, wie sich die Flüchtlinge über die Zustände beschwerten: „Wieso hilft uns der Staat nicht? In der Schweiz, Deutschland oder Norwegen bekommt man alles — Wohnung, Arbeit, Geld! Wir hingegen haben hier nichts.“ Woher das Geld für die vielen Parabolantennen an der Hausfassade, Mikrowellenherde, Fernseher und DVD-Rekorder in den Wohneinheiten herkam, konnte ich nicht herausfinden.

    In einer nahegelegenen Bar wechselte ich dann mit einer älteren Dame ein paar Worte (ich spreche ein wenig italienisch) und selbstverständlich lud ich sie zum Café ein.

    „Ja, wissen Sie", teilte mir die ältere Dame unter vorgehaltener Hand mit, "eigentlich hätte das Gebäude schon längst geräumt werden sollen. Stattdessen hängt über dem Eingang des Gebäudes ein großes Spruchband. Darauf steht gut leserlich „WIR SIND FLÜCHTLINGE UND KEINE TERRORISTEN“. Wie sich herausstellte befanden, sich unter den Flüchtlingen auch einige Schlepper mit nordafrikanischer Provenienz, die von Ordnungskräften kurzfristig aus dem Verkehr gezogen wurden…. wo man hinschaut Verwahrlosung, Belästigung (Betteln) und Verschmutzung….tagsüber ist der Eingang des Gebäudes immer von einer Traube Menschen belagert….die Feuerwehr hat schon davor gewarnt, dass das Gebäude nicht die Feuerschutzbestimmungen erfüllen würde….wie viele Flüchtlinge in dem Gebäude wirklich wohnen, weiß niemand….ständig kommen aus Sizilien neue hinzu….offensichtlich handelt es sich dabei um Familienangehörige und Freunde…..ein einziges Kommen und Gehen….Genaueres weiß man nicht — und das alles nur hundert Meter von der deutschen Botschaft entfernt“…. li mortacci tua!

    Die Meinung des Autors muss nicht mit dem Standpunkt der Redaktion übereinstimmen.

    Tags:
    Hiob, Migranten, Deutsche Botschaft, Palazzo Curatone, Termini Bahnhof, Rom, Italien
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