05:11 02 Juni 2020
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    Renzi machte zunächst ein bisschen Werbung für seine Reformpläne, mit denen er praktisch den römischen Senat eliminieren will.

    Ein perfektes Zweikammersystem, wie in den USA oder der Schweiz, wo die eine Kammer die andere Kammer auf die Finger schaut, sodass es nicht zu Auswüchsen wie in China, Nordkorea, Saudi Arabien, Türkei, Indonesien und immer mehr auch in der EU kommen kann.

    Abends schaue ich oft noch bei Tankreti vorbei, um das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Ich sitze dann bei ihm an der Bar und trinke ein Gläschen Rotwein, während wir über die Thekenbank immer wieder ein paar Worte auf italienisch wechseln. Meistens läuft im Hintergrund noch die Glotze – italienisches Fernsehen versteht sich – ein Fußballspiel oder eine Talkshow, auf das Tankreti hin und wieder einen Blick wirft oder mit einem halben Ohr zuhört.

    Tankreti ist Sizilianer und daher ein Tifoso des US Palermo (US steht hier nicht für United States sondern für Unione Sportiva). Er hat etwas von Italiens Exnationalspieler Gennaro Ivan Gattuso an sich, dem man wegen seiner offensiven Spielweise auch den Spitznamen der Knurrer gab. Ihm ein X für ein U vorzumachen ist von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Aber Tankreti interessiert sich auch für Politik und was Italiens Politiker den lieben langen Tag so von sich geben, wie kürzlich in einer Talkshow, in welcher Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi eingeladen worden war.

    Renzi machte zunächst ein bisschen Werbung für seine Reformpläne mit denen er praktisch den  römischen Senat eliminieren will.  Ein perfektes Zweikammersystem, wie in den USA oder der Schweiz, wo die eine Kammer die andere Kammer auf die Finger schaut, sodass es nicht zu Auswüchsen wie in China, Nordkorea, Saudi Arabien, Türkei, Indonesien und immer mehr auch in der EU kommen kann. Am Beispiel der CETA- und TTIP-Verhandlungen hat man ja gesehen, wohin das führen kann, wenn eine Region wie Wallonien sich einfach stur stellt. In Brüssel und Berlin sieht man das nicht so gerne.

    „Schau mal, sieht er nicht wie ein Spielsüchtiger aus, der es kaum erwarten kann, den Monatslohn seiner Frau verjubeln zu können“ kommentierte Tankreti.

     „Er will den Senat abschaffen“, sagte ich.

    „Das wird Pinocchio nicht gelingen“, erwiderte Tankreti schmunzelnd. „Wir haben ihn längst durchschaut“.

    Dann schwenkte Renzi zur Flüchtlingskrise über und das hörte sich dann ungefähr so an.

    Vor siebzig … achzig Jahren … waren wir es … waren es unsere Großeltern, die nach Belgien gingen, um in den Bergwerken zu schuften oder ihr Glück in Amerika zu suchen.

    „Ma va cagare“, sagte Tankreti während er uns zwei Averna hinstellte. „ Jetzt kommt er mit dieser Nummer. Stell dir vor, die Merkel Angela würde euch erzählen, ihr müsstet all diese Wirtschaftsflüchtlinge aus Afrika aufnehmen, weil im letzten Jahrhundert Millionen von Deutschen nach Amerika auswanderten.

    Was haben all die Millionen italienischen Auswanderer mit der heutigen Bevölkerung Italiens zu tun? Bis auf wenige kam keiner von ihnen mehr zurück. Der italienische Staat hat sich seit seiner Gründung einen Dreck um seine Bürger gekümmert – geschweige sich für seine süditalienischen Hungerlöhner interessiert. Sie verließen  Anfang des letzten Jahrhunderts ihre Heimat, um nach Südamerika oder in die USA auszuwandern. Seitdem hat man nie wieder etwas von ihnen gehört.“

    Je mehr Renzi auf sein Wahlvolk einredete, desto mehr redete sich Tankreti in Rage.

    „Jetzt erzähle ich dir, wie es wirklich war. Nach dem amerikanischen  Bürgerkrieg standen die Großgrundbesitzer der Südstaaten plötzlich ohne Baumwollpflücker da. Der Sieg  über die Südstaaten hatte zur Abschaffung der Sklaverei geführt, so dass kaum noch  Afroamerikaner auf den Baumwollfeldern arbeiten wollten. Die Frage, die sich nun stellte, war, woher die Arbeitskräfte nehmen. Chinesen waren für die harte Arbeit auf den Baumwollfeldern nicht geeignet. Also wurde man bei der italienischen Regierung vorstellig, die auch gleich einige hunderttausend süditalienische Tagelöhner im Angebot hatte. Im Laufe der nächsten Jahre sollte es in New Orleans und Umgebung gegenüber Süditalienern immer wieder zu Lynchmorden kommen – Geschehnisse, die auch dem italienischen Konsul Natale Piazza nicht entgehen konnten, der aus Mailand stammte und in Vicksburg ein Hotel betrieb. Zu der Zeit wurden Süditaliener in den USA als auch im neu gegründeten Italien, als minderwertige Menschen betrachtet. Und so wundert es kaum, dass sich die italienische Regierung für solche Fälle nicht sonderlich interessierte. Es waren ja Menschen zweiter Klasse“.

    Doch damit war Tankreti noch nicht fertig. Er holte tief Luft, schenkte noch mal nach.

    „Was glaubst du, was den italienischen Gastarbeitern all die Opfer in Deutschland gebracht hat? Wenn man durch die Dörfer Süditaliens und Siziliens fährt, stellt man fest, dass nahezu jedes zweite Haus zum Verkauf ansteht. Größtenteils sind das Häuser, die in den letzten 20 bis 30 Jahren mit Geld aus Deutschland oder Belgien gebaut wurden. Die italienischen Gastarbeiter sparten einen Teil ihres Lohns,  um sich in ihrer Heimat etwas aufzubauen. Daran verdienten ganze Zweige der Wirtschaft. Doch schon Ende der 70er Jahre war es mit der glorreichen Zukunft vorbei. Heute sitzen die Nachfahren  mit leeren Händen in ihren Häusern oder pilgern in den Norden, wo sie nichts weiter als Entwurzelung und Elend erwartet. Und das alles haben wir unseren Herren in Brüssel zu verdanken … haben wir Deutschland mit seiner Agenda 2010 zu verdanken, seiner Hartz4-Reform, seinem Niedriglohnsektor, seiner Leiharbeiterindustrie … haben wir dem Euro zu verdanken, der nichts anderes als die D-Mark in anderem Kleid ist. Seit Einführung des Euro und der Umsetzung der Agenda 2010 hat Italien 25 Prozent seiner Industrieproduktion verloren, sodass man sich fragen muss, auf was Merkeldeutschland noch hofft“.

    Ende der Sendung.

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    Tags:
    Agenda 2010, Leiharbeiterindustrie, Niedriglohnsektor, Hartz IV, Flüchtlingskrise, Merkeldeutschland, Pinocchio, Italienischer Senat, TTIP, CETA, Matteo Renzi, Italien, Europäische Union, Schweiz, USA, Brüssel, Indonesien, Türkei, Saudi-Arabien, Nordkorea, China, US-Palermo