21:20 23 Oktober 2018
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    Enrico Mattei (Italien, 1960)

    Enrico Matteis Sechsbeiniger Hund II.

    © AFP 2018 /
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    von Humboldt
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    Die New York Times betitelte ihn damals als den mächtigsten Italiener seit Augustus, während eine bekannte deutsche Wochenzeitschrift, die ihre beste Zeit inzwischen hinter sich haben dürfte, gleich in die Vollen langte und von einem Duce-Virus zu berichten wusste.

    Hin und wieder fahre ich durch das alte Schwemmland der Adda, an unzähligen Baumplantagen, bewässerten Großackerkulturen und einsamen Pachthöfen vorbei. Dabei muß ich oft an meinen Vater denken, wie er mir vor vielen Jahren an einer Agip Tankstelle zum ersten Mal von Enrico Mattei erzählte.

    Der perfide Mord an Enrico Mattei hatte ihn lange beschäftigt, sodass er sich oft die Frage stellte, was aus Italien geworden wäre, hätte man den ENI – Chef  am 27.Oktober 1962, beim Landeanflug auf den Mailänder Flughafen Milano-Linate, nicht durch einen Bombenanschlag kurzerhand umgelegt.

    Es war die Zeit des italienischen Wirtschaftswunders (Miracolo Italiano), von dem man in Deutschland kaum Notiz nahm – war man doch mit dem eigenen Wirtschaftswunder beschäftigt. Nur in den Zeitungen wurde hin und wieder etwas davon verraten, wie in einem Artikel DER ZEIT vom 31.05.1956 mit dem Titel „Italiens Wirtschaftswunder“.

    Vielleicht lag es auch daran, dass sehr viele italienische Gastarbeiter nach Deutschland kamen und man deshalb davon ausging, dass Italien ein wirtschaftlich unterentwickeltes und armes Land sei. 1955 hatte Deutschland mit Italien ein Anwerbeabkommen vereinbart, das bis 1973 währte. Während dieses Zeitraums kamen insgesamt 4.000.000 Millionen italienische Gastarbeiter nach Deutschland, von denen circa 90 % wieder in ihre Heimat zurückgingen. Der allergrößte Teil der italienischen Gastarbeiter stammte aus Süditalien, dem „Mezzogiorno“, wie die Italiener sagen, das vom Wirtschaftswunder Italiens nicht berührt wurde. Der Nachkriegsboom der 50er und 60er Jahre fand ausschließlich im Norden des Landes statt.

    Ein wesentlicher Grund dafür war sicherlich der Fund großer Erdgas- und Erdölvorkommen in der Po-Ebene, mit denen der Kommissar für Energiewesen, Enrico Mattei, innerhalb weniger Jahre sämtliche Haushalte und Produktionsbetriebe Norditaliens mit günstiger Energie versorgen konnte. Dafür gründete Mattei 1953 die staatliche Brennstoffbehörde ENI und wurde ihr erster Präsident. Sein Gas- und Erdölimperium sollte bald bis Ingolstadt reichen.

    Der ENI – Chef Enrico Mattei hatte mit Italien nach 1945 Großes vorgehabt. Innerhalb weniger Jahre wollte er sein Land zu einer der führenden Industrienationen machen. Kein Italiener sollte mehr im Ausland nach Arbeit suchen müssen. Dafür wurde Mattei vom italienischen Volk geliebt. Die Italiener hätten ihn am liebsten als Staatspräsidenten gesehen. Doch das war nicht notwendig. Mattei besaß damals schon mehr Macht und Einfluß als das höchste politische Amt im Staat. Er war praktisch sein eigener Außenminister und traf dabei Entscheidungen, ohne vorher um Erlaubnis zu bitten. Die New York Times betitelte ihn damals als den mächtigsten Italiener seit Augustus, während eine bekannte deutsche Wochenzeitschrift, die ihre beste Zeit inzwischen hinter sich haben dürfte, gleich in die Vollen langte und von einem Duce-Virus zu berichten wusste.

    Bei Lodi (Lauden) begebe ich mich auf die Autostrada del Sole, die mich schnurstracks durch die Po-Ebene in Richtung Süden nach Piacenza führt; an sauber bewirtschafteten Ackerfeldern und vorbeihuschenden alten Bauernhäusern, die unter der glühenden Hitze der Nachmittagssonne von einem tugendhaften Gleichgewichtszustand künden. Doch dieser Eindruck trügt – längst sind die alten Gehöfte, wie so vieles in Italien, zu Relikten einer Zeit geworden, die es seit Jahren nicht mehr gibt.

    Die Autostrada A1 war ein Bauprojekt der italienischen Regierung, um die Wirtschaft des Landes nach vorne zu bringen. Sie war drei Jahre vor dem Attentat auf Enricos Matteis, ihrer Bestimmung übergeben worden und bildete ein wichtiger Baustein seiner Vision Italien zu einer großen Industrienation zu machen. Von nun an benötigte ein Lastzug von Neapel nach Mailand nur noch die Hälfte der Zeit. Aber auch die Tourismusbranche profitierte davon ungemein.

    Nach ungefähr 80 Kilometern und weniger als eine Stunde erreiche ich Piacenza – die erste größere Stadt auf der Strecke Mailand-Bologna. Ich will mir ein bisschen die Stadt anschauen und dort das Erdölmuseum „Museo del Petrolio“ besuchen. (Fortsetzung folgt)

    Die Meinung des Autors muss nicht mit dem Standpunkt der Redaktion übereinstimmen.

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    Tags:
    Nachkriegsboom, Duce-Virus, Wirtschaftswunder, Gastarbeiter, Erdölmuseum, Flughafen Milano-Linate, Autostrada A1, Agip, ENI, New York Times, Augustus, Enrico Mattei, Po-Ebene, Piacenza, Lodi, Mezzogiorno, Adda, Bologna, Ingolstadt, Neapel, Italien