04:07 19 Oktober 2018
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    Spaniens Regierungschef Mariano Rajoy, Bundeskanzlerin Angela Merkel, Frankreichs Präsident François Hollande und  der italienische Ministerpräsident Paolo Gentiloni  in Versailles

    Merkels Versailles…oder „Ich bin stolz, in Deutschland zu leben“

    © REUTERS / Martin Bureau/Pool
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    von Holger Eekhof
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    Manch einer hat gestern hochtrabend analysiert: „Es sieht so aus, als ob die Regierenden verstanden hätten…“– hier eine Gegenmeinung.

    Dies ist falsch, falscher als es jemals seien könnte. Die „Regierenden“ haben längst verstanden, die „Regierenden“ reagieren nicht, die „Regierenden“ agieren. Und aktuell agieren sie mit an Perfektion neigender Hingabe an einem Projekt, das jede Hingabe verdient hat: Unser Europa.

    Unsere „Regierenden“ haben verstanden, dass NATO nichts mit Europa zu tun hat, unsere „Regierenden“ haben verstanden, dass eine EVG (Europäische Verteidigungsgemeinschaft) einfach mehr wert gewesen wäre als eine Einbindung nationaler Truppen in eine von einem anderen Kontinent aus regierten „Verteidigungsgemeinschaft“. Aber damals gab es keine andere Möglichkeit.

    Unsere „Regierenden“ haben längst verstanden, dass sie heute andere Möglichkeiten haben. Wir sind eben nicht mehr das besetzte Land, das dem letzten im Lande verbliebenen Herrchen zu gehorchen hat. Wir sind Deutschland. Wir sind diejenigen, die vorangehen. Wir sind diejenigen, die von sich behaupten: „Wir schaffen das!“. Und es ist so … Wir können das in jedem Fall schaffen – solange wir es eigenverantwortlich gestalten. Wenn nicht wir, wer sonst?

    Und wir können es auch mit einer Frau Merkel schaffen – jener Dame, die sich nicht scheut, einem kleinen heulenden Mädchen zu erklären, dass in Deutschland immer noch das Recht gilt. Und dass sie eben zu gehen hat, wenn der Asylgrund entfällt.

    Wir können es mit einer Frau Merkel schaffen, die in Anbetracht drohender Katastrophen in Ungarn und in Österreich deutsche Gesetze bricht, um europäischen Partnern zur Seite stehen zu können. Ganz einfach aus dem Grunde, dass diese Dame zeigte, dass Europa und europäische Nachbarn sich auf dieses Deutschland verlassen können. Und dies absolut kompromisslos.

    Doch warum ist nun die Expertenmeinung „Die Regierenden haben verstanden…“ falsch?

    Ganz einfach: Unsere „Regierenden“ versuchen seit nun 70 Jahren ein friedliches Europa zu erhalten, ein Europa, das gemeinsame Werte teilt. Das gemeinsam nach größtmöglicher Freiheit sucht. Richtig ist, dass Deutschland Europa benutzt hat, um seinen Weg zur Freiheit zu finden – im Gegenzug war Deutschland bereit, die Kosten zu tragen. Dies haben wir, inzwischen im 40. Jahr. Es gibt für die deutschen „Regierenden“ nichts Neues zu verstehen. Dieses oberste Ziel hatte und hat oberste Priorität – gestern, heute und morgen.

    Wir „Deutschen“ haben uns mit einem Mindestlohn zufrieden gegeben, der niedriger als im Pleitestaat Griechenland ist bzw. war. Wir haben uns eine Generation lang zugunsten dieses Projektes Europa ausbeuten lassen. Rechnen wir die dabei aufgebauten Schulden hinzu, so sind wir inzwischen bei drei Generationen. Egal. Gleichgültig. Wir haben dies geschafft – und wir werden es auch zukünftig schaffen.

    Was unsere „Regierenden“ sich inzwischen erlauben zu verstehen:

    Dieses heutige Europa ist gescheitert. Europa lässt sich eben nicht aus dem Bedarf an neuen Bündnispartnern irgendwelcher vermeintlichen Freunde heraus definieren. Europa ist etwas gänzlich Anderes. Es ist ein Ringen um den besten Weg und bedeutet in allererster Linie die Bereitschaft, etwas für Europa zu geben. Dass dieser Gedanke ausgenutzt und benutzt wurde wie kein zweiter – keine Frage. Kein normal denkender Mensch würde dies je in irgendeiner Form in Frage stellen. Und doch reicht all die Hurerei mit dem Namen und dem Begriff Europa nicht aus, um die Idee an sich in Frage stellen zu dürfen.

    Was empfinden nun also unsere „Regierenden“?

    Sie laufen, rennen, retten sich zurück zur Basis. Welche Basis, das definieren sie vorsichthalber nicht… aber Hauptsache rückwärts, oder sagen wir es lieber im Klartext: Zurück zu einer Wertegemeinschaft. Denn eine solche teilen wir längst nicht mehr. Dinge, die beim Abschluss der Römischen Verträge für unmöglich erachtet wurden, für unvereinbar mit der europäischen Idee, all dies haben wir der Gier und der Herrschsucht der Freunde geopfert. Erweiterung um jeden Preis, dies war das Credo der letzten 20 Jahre.

    Doch dies zu erklären, dies vermögen die heutigen Strukturen nicht mehr. Ganz einfach, weil es keinen Sinn ergab und keinen Sinn ergibt.

    Was bitte habe ich mit einem Staat gemein, der seinen Bürgern die Bürgerechte verwehrt. Einem Staat, der Nazi-Aushilfssklaven ehrt? Der Polizeischutz für Menschen bereitstellt, die gerne in ihren alten Naziuniformen herumlaufen und sich dafür feiern lassen, Dumpfbackensklaven gewesen zu sein. Nichts. Mich widert diese EU an, die mich dazu zwingt, so etwas zu finanzieren.

    Ich gehe sogar soweit, einer jeglichen Regierung, die mich zu so etwas zwingt, das Recht auf Legitimität ab zu sprechen. Sie hat diese einfach nicht mehr. Sie vertritt Dreck und nutzt ihre vermeintliche Legitimität dazu, mich zur Finanzierung dieses Drecks zu nötigen.

    Und genau dies spüren und wissen unsere „Regierenden“. Es ist ihnen selbst zuwider. Und doch hielten sie bislang an dem Glauben fest, dass alles besser werden würde, wenn man nur fest genug daran glaubt. Doch dieser Glaube ist nicht mehr.

    Was brauchen wir, heute, hier und jetzt, um das zu retten, was unsere ehemals „Gläubigen“ vermasselt haben?

    Wir brauchen die Rückkehr zu klaren Linien in der europäischen Politik. Linie statt Glauben. Wir brauchen ein klares Bekenntnis zu unseren Werten. Wir brauchen das Bekenntnis zu „Liberté, Égalité, Fraternité“. Allein dies würde schon reichen. „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ – und zwar für alle Europäer, die sich dazu bekennen, Europäer sein zu wollen. Und vor allem brauchen wir eines: Freien und staatlich finanzierten Zugang zu humanistischer Bildung – ohne wenn und ohne aber. Für alle, für jeden und zu jeder Zeit.

    Was den Rest angeht, das sogenannte Europa, das ist einfacher, als es je irgendjemand für möglich hielt. Wir brauchen:

    1.       Eine europäische Verfassung

    2.       Eine europäische Regierung

    3.       Den Rauswurf der Freunde und den der Freunde der Freunde

    Und schon sind alle Probleme gelöst.

    Wir haben kein Problem mit Nationalismus in der EU. Wir haben ein Problem mit Menschen, die sich auf die Nation zurückziehen, weil Europa als Versammlungsort von Sklaven des Herrchens versagt hat. Weil sich kein Mensch mit einem Europa identifizieren kann und darf, das Naziaufzüge oder —umzüge indirekt finanziert. Kein Mensch in Europa kann sich mit Schnorrern identifizieren, die sich im Fall, etwas für eine Idee leisten zu müssen, diskret auf ihre nationale Identität zurückziehen. Und dies unter der Protektion des Herrchens. Europa braucht so etwas nicht. Das ist bestenfalls zweitklassig und gehört auf seinen Platz verwiesen.

    Wir brauchen entweder mehr Europa, mit richtigen Europäern, oder aber gar kein Europa.

    Und warum bin ich nun stolz, in Deutschland zu leben – obwohl all meine Bedürfnisse ganz offensichtlich ignoriert werden, obwohl meine politischen Willenserklärungen Tag für Tag mit Füssen getreten werden?

    Ganz einfach: Frau Merkel ist inzwischen dazu bereit, sich zu diesem Weg zu bekennen.

    Zu dem Europa, das wir Europäer verdient haben. Dem Europa, das es lebens- und erfahrenswert macht. Frau Merkel hat dies gestern in Versailles getan. Zwar wieder einmal mit betont sauertöpfischer Miene, wie dies nun einmal ihre Art ist. Aber nichtsdestotrotz, diese Dame scheint bereit, das richtige, echte, wirkliche, freie Europa endlich wieder voran zu treiben – ad vicem versa. (Übersetzt heißt dies in etwa: „Den Umständen zum Trotze“ – soll sich in so mancher Familie als Leitspruch erhalten haben.)

    Ad vicem versa

    Und wie immer: Anstatt zu jubeln, anstatt sich zu freuen und die frohe Kunde in die Welt zu tragen, hat diese Dame in typisch deutscher Manier wieder einmal fertig. Und startet damit, die schönste verfügbare Perspektive, den einzig realisierbaren Traum der Europäer wie das widerlichste Sauerbier verkaufen zu wollen. Eben klassisch deutsch. Oder sogar preußisch.

    Und dies ist etwas, was mich stolz macht. So sind sie eben, die vermeintlich „Neuen Deutschen“. Sie fällen bahnbrechende Entscheidungen. Sie machen etwas wirklich Sensationelles und doch stehen sie wie immer einfach nur herum, als ob nichts Besonderes geschehen sei. Mit ihrer „Sauertopfmiene“ denken sie nur daran, wie hart der Weg werden wird bis denn endlich alles perfekt ist.

    Das genau dies ist es, was dieses Land so unglaublich liebenswert macht. Dies ist nicht mehr das Deutschland, das wir vor hundert Jahren alle hassen gelernt haben und dessen widerliche Fratze zwischendurch wieder durchschien. Dies ist wieder das Deutschland, das stetig und bescheiden Europa vorantreibt – den Umständen zum Trotz. Und genau deshalb liebe ich es. Und mit mir Millionen von Europäern und Abermillionen Menschen auf diesem Planeten. Dieses Land hat alle Liebe verdient.

    Die Meinung des Autors muss nicht mit dem Standpunkt der Redaktion übereinstimmen.

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    Tags:
    Versailles, Angela Merkel, Europa