11:42 25 September 2017
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    Eurovision 2017

    Eurovision Song Contest als Negativbeispiel mentaler Barrierefreiheit

    © AFP 2017/ Sergei Supinsky
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    von Daniel Witzeling
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    Wenn Politik vor künstlerischer Freiheit steht.

    Der Eurovision Song Contest 2017 in Kiew findet unter dem Motto “Celebrate Diversity“ frei übersetzt „Vielfalt feiern“ statt. Die russische Künstlerin Julia Samoilowa bekommt von diesem Lebensgefühl und der gefeierten Vielfalt leider nichts mit. Samoilowa, die seit ihrer Kindheit auf einen Rollstuhl angewiesen ist, darf ihren Song „Die Flamme“ bei dem internationalen Wettbewerb, bei dem es auch um Völkerverständigung und ein Miteinander geht, nicht vorführen. An diesem bewegenden Fallbeispiel zeigt sich leider, dass die viel gepriesene Toleranz und Offenheit nicht immer für jeden gilt. Dies geschieht immer dann, wenn die Politik vor der künstlerischen Freiheit steht. Warum aber kann man nicht über seinen Schatten springen und einer vom Schicksal bereits benachteiligten Künstlerin eine faire menschenwürdige Chance geben?

    Offenheit, Toleranz und Vielfalt

    Wäre es nicht gerade für Europa, welches sich als Wiege der Demokratie mit Werten wie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit schmückt sinnvoll, über die eigene mentale Barriere zu springen und ein Zeichen der wahren Toleranz und Völkerverständigung zu setzen, anstatt auf engstirnigen Regeln und Gesetzen zu beharren, die den ehrlichen und authentischen Traum einer persönlich gewachsenen Künstlerin zunichte machen. Der Eurovision Song Contest wurde vor über 60 Jahren als Liederwettbewerb initiiert. Eine friedliche Form in der sich verschiedene Staaten messen können und auch ein eindeutiges Zeichen der Völkerverbindung und des Miteinanders der Nationen. Einen einzelnen aus diesem gemeinsamen Ganzen auszuschließen hat in diesem Kontext nicht nur eine symbolische sondern eine stark politische Bedeutung. Das Axiom des bekannten Psychologen und Kommunikationsforschers Paul Watzlawick “Man kann nicht nicht kommunizieren“ ist in Zusammenhang mit dem Fall Samoilowa besonders relevant. Denn wenn so die internationale Solidarität einer Generation, die in einer vom Konsum stark geprägten Welt aufgewachsen ist, aussieht, dann ist es um die elementaren Werte der Europäischen Union und die Hoffnung auf eine friedliche und humane Welt nicht sonderlich gut bestellt. Hier wäre ein kleiner Nachhilfeunterricht in Sachen des europäischen Wertekodex durchaus angebracht.

    Die so hoch gehaltene Achtung der Menschenwürde und dass alle Menschen — oder in diesem Rahmen alle Künstler und Künstlerinnen — gleich sind, wäre in diesem unwürdigen politischen Schauspiel von größter vor allem auch symbolischer Bedeutung. Anscheinend sind aber doch wie in Orwells Roman manche Menschen gleicher als gleich und Solidarität und Toleranz sind nur Worthülsen ohne tiefere reale Entsprechung. Was würde es die für den Vorfall Verantwortlichen kosten über ihren Schatten zu springen und einer engagierten Künstlerin und wegen des positiven Umgangs mit ihrer Behinderung bewundernswerten Frau ihren seit Jahren gehegten Wunsch der Teilnahme an dem Wettbewerb zu ermöglichen. Niemand würde sein Gesicht verlieren und es würde auch niemanden wehtun, könnte aber ein umso stärkeres Zeichen für Toleranz und wahre Größe sein. Unabhängig von der deeskalierenden Wirkung im Ukrainekonflikt. Leider geht es nicht um den Menschen oder gar um höhere Werte, sondern um lineare Machtinteressen bei denen die Künstlerin keine Rolle spielt. Am Ende sollte aus guter alter humanistischer Sicht immer der Mensch und nicht das machtstützende System mit seinen rigiden Spielregeln im Mittelpunkt der Bemühungen der Politik stehen.

    Der Song Contest 2017 hat leider die Chance verpasst zu demonstrieren, dass die Kunst ein probates Mittel sein kann, einen tiefsitzenden Konflikt zu überwinden und dazu zu führen, dass zwei Opponenten sich annähern und dadurch ein Friedensprozess in Gang gesetzt wird. Julia Samoilowa gelingt es auch ohne den Song Contest ihre Botschaft und damit verbunden die russische Seele zu kommunizieren, denn Musik kennt keine Grenzen und ist  Mittel eine Botschaft auf emotionaler Ebene zu transportieren.

    * Daniel Witzeling ist Psychologe und Sozialforscher. Er leitet das Humaninstitut Vienna. Als Sozialforscher beschäftigt er sich mit angewandter Psychologie auf verschiedenen gesellschaftlichen Tätigkeitsfeldern unter anderem WIrtschaft und Politik.

    Die Meinung des Autors muss nicht mit dem Standpunkt der Redaktion übereinstimmen.

    Tags:
    Toleranz, Kunst, Freiheit, Eurovision Song Contest, Julia Samoilowa, Kiew, Russland, Ukraine
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