06:30 25 Februar 2020
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    Mit Hyperschallwaffensystemen „Awangard“ und „Kinschal“ hat Russland ein neues rüstungspolitisches Kapitel eingeläutet. Auch deutsche Rüstungskonzerne wollen den russischen Waffen etwas entgegensetzen und investieren in Hyperschalltechnik. Der Abrüstungsexperte Otfried Nassauer warnt vor einem Rüstungswettlauf mit derartigen Waffen.

    Seit der russische Präsident Wladimir Putin vor rund zwei Jahren neue strategische Waffensysteme vorstellte, unter anderem die Hyperschallrakete „Awangard“, die Moskau zufolge eine 20-fache Schallgeschwindigkeit erreichen kann, „ist der Hyperschall von einem gewissen Hype in der öffentlichen Wahrnehmung gekennzeichnet“, sagt Otfried Nassauer, Abrüstungsspezialist und Direktor des „Berliner Informationszentrum für Transatlantische Sicherheit“ (BITS) im Sputnik-Interview.

    Neben den USA, die in letzter Zeit intensiv an Hyperschallraketen arbeiten, wollen nun Berichten zufolge auch deutsche Rüstungsunternehmen an der Entwicklung solcher Flugkörper partizipieren. Das teilte die Rüstungsfirma „MBDA Deutschland“ mit Sitz in Schrobenhausen letztes Jahr der Zeitung „Donaukurier“ mit.

    Entwicklung von deutschen Hyperschallwaffen

    Bereits im Jahr 2003 soll die Tochterfirma „LFK Lenkflugkörpersysteme GmbH“ einen Weltrekord aufgestellt haben: Auf einem Versuchsgelände der Bundeswehr in Meppen habe ein Hyperschallflugkörper damals auf eine Geschwindigkeit von mehr als Mach sieben in Bodennähe, also auf 8644 Kilometer pro Stunde oder 2,3 Kilometer pro Sekunde beschleunigt. Der Rekord soll mit Hilfe eines Triebwerks aufgestellt worden sein, das von der MBDA-Tochter „Bayern-Chemie“ in Aschau konzipiert wurde. Nach Informationen des „Donaukuriers“ entwickle das Triebwerk einen Schub von 23 Tonnen auf einen 100 Kilogramm schweren Flugkörper. Nach dem damaligen Weltrekord sei das „Projekt Hyperschallflugkörper“ jedoch eingemottet worden – „kein Interesse, weil es kein entsprechendes Bedrohungsrisiko gab“, so das Unternehmen gegenüber der Zeitung.

    Doch nach der Präsentation der neuen Waffengattung im März 2018 durch Wladimir Putin und nicht zuletzt seit der Aufkündigung des INF-Vertrags durch die USA haben sich die sicherheitspolitischen Verhältnisse geändert. „Viele Konzerne, die im Raketenbau tätig sind, werden mit Sicherheit argumentieren: Wir dürfen uns nicht technologisch abhängen lassen, sondern müssen ebenfalls solche Systeme entwickeln“, bemerkt Nassauer. Der Rüstungskonzern MBDA könnte eine Firma sein, die viel Interesse an der Entwicklung von Hyperschallwaffensystemen hat, weil sie sich aufgrund ihrer eigenen fortschrittlichen Triebwerksentwicklung bei der Tochter „Bayern-Chemie“ gut gerüstet sehe, um technologisch in diesen Bereich vorzudringen, erklärt der Abrüstungsexperte.

    Mit der Luft-Luft-Rakete „Meteor“ habe das Unternehmen MBDA bereits „einen besonders gut lenkbaren und in der Geschwindigkeit nahe an die Überschallgeschwindigkeit herankommenden Flugkörper“ im Angebot. Es sei denkbar, dass MBDA aus der Meteor-Rakete einen Flugkörper mit noch höherer Geschwindigkeit entwickeln könne, vermutet Nassauer. Die „Meteor“ sei für Kampfflugzeuge entwickelt worden. Somit liege die Startgeschwindigkeit des Flugkörpers in dem Geschwindigkeitsbereich, den ein Kampfflugzeug wie beispielsweise der Eurofighter erreiche, so der Experte: „Das ist deutlich weniger als bei der ‚Awangard‘ mit einem Raketenantrieb der Trägerrakete. Trotzdem funktioniert das ‚MBDA‘-Triebwerk in einer ähnlichen Weise wie Hyperschalltriebwerke auch funktionieren.“

    Dass eine derartige Rakete, wie bei den Systemen „Awangrad“ oder „Kinschal“, einen atomaren Sprengkopf transportieren könnte, erwartet Nassauer ausgehend von dem Gewicht der „Meteor“ nicht.

    Abwehr von Hyperschallraketen?

    Bei der Präsentation des russischen „Awangard“-Systems vor einem Jahr, betonte Putin, dass der „gleitfähige Flügelblock“ mehrere Tausend Kilometer weite Schlingen fliegen könne, um Abwehrmittel zu täuschen. „Dadurch ist er absolut unverwundbar gegen beliebige Luft- und Raketenabwehrmittel“, so der russische Staatschef. Optimistischer zeigt sich der Rüstungskonzern „MBDA Deutschland“. Wie das Unternehmen dem „Donaukurier“ mitteilte, arbeite man bereits an einer Luftabwehr von Hyperschallraketen.

    Als „technologisch einfach enorm kompliziert“, bezeichnet der „BITS“-Direktor Nassauer ein derartiges Unterfangen.

    „Denken Sie an die Schwierigkeiten der ballistischen Raketenabwehr von zur Erde zurückkehrenden Sprengköpfen, die an Bord von Interkontinentalraketen transportiert wurden. Die haben ebenfalls Hyperschallgeschwindigkeit, wenn sie zur Erde zurückstürzen.“

    Den wichtigsten Vorteil gegenüber ballistischen Systemen, den beispielsweise „Awangard“ besitze, wäre eine „gewisse Lenkbarkeit“ durch den Eigenantrieb des Gleitflugkörpers. Bereits die Raketenabwehr gegen Interkontinentalraketen sei ausgesprochen schwierig – „und wie man bei den Amerikanern sehen kann, mit ziemlichen technischen Problemen behaftet“. Es wisse niemand, ob die ballistischen strategischen US-Raketenabwehrsysteme wirklich im Ernstfall hinreichend zuverlässig funktionieren würden, erklärt Nassauer. Das sei bei Hyperschallflugkörpern mit einer besseren Lenkbarkeit wohl noch komplizierter, betont der Friedensforscher. „Das ist ein ähnliches Zusatzproblem wie die Raketenabwehr gegen manövrierfähige Interkontinentalraketensprengköpfe. Und ob man irgendwann zu einer technologischen Entwicklung kommt, die auch die Abwehr solcher anfliegenden, sehr schnellen Flugkörper beziehungsweise Sprengköpfe - mit einer hohen Wahrscheinlichkeit - realisierbar machen würde, bleibt abzuwarten“, so Nassauer.

    „Präventive Rüstungskontrolle sinnvoller“

    Zugleich warnt er vor einer Aufrüstungsspirale durch die Einführung von Hyperschallwaffen:

    „Die Menschheit neigt dazu, besondere Risiken im Bereich der Sicherheitspolitik und der Waffenentwicklung einzugehen. Jeder glaubt, dass er, wenn er neue Technologie entwickelt und einführt, einen zeitlich begrenzten Vorsprung hat, und träumt davon, dass dieser Vorsprung möglichst lange anhält. Das, was darauf folgt, sind Gegenreaktionen: die anderen machen etwas Ähnliches und entwickeln entsprechende Defensivsysteme. Es ist eine Frage, ob derjenige, der das zuerst gemacht hat, nicht überrascht feststellen wird, die anderen kommen viel schneller zu einer Antwort, als er erwartet hat.“

    Als Beispiel erinnert der Friedensforscher an bewaffnete Kampfdrohnen, die Washington zunächst für einen „strategischen Vorteil“ gehalten habe, der Jahrzehnte gesichert wäre. Doch inzwischen seien die USA nur noch etwas weiter als andere, so Nassauer.

    Aus seiner Sicht sei es deshalb sinnvoller, wenn sich Staaten über „präventive Rüstungskontrolle - die Nichtnutzung von bestimmten technologischen Entwicklungen - auf dem Verhandlungsweg einigen könnten, anstatt jeden potenziell technologischen Vorsprung anzustreben, um zu sehen, dass jemand anderes aufholen kann. Das wäre billiger und für den Weltfrieden stabiler“, betont der Rüstungskritiker. Zudem vermisst er einen „wirklich funktionierenden Versuch, präventive Rüstungskontrolle zu praktizieren“. Eine derartige Bemühung habe er noch nie erlebt, bemängelt Nassauer: „Bisher war immer das Motto: Wenn ich der Erste sein kann, der das haben kann - also eine neue Technologie nutzen kann - dann will ich auch der Erste sein. Und dann verweigere ich die entsprechende Nichtnutzung der Technologie und riskiere damit eine Destabilisierung.“

    Das Interview mit Otfried Nassauer (BITS) zum Nachhören:

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    Tags:
    Russland, Deutschland, Avangard, Kinschal, Hyperschallwaffen, Ottfried Nassauer