09:49 03 Dezember 2020
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    Während Sicherheitskreise von einem rechtsextremen Motiv beim Mörder von Hanau ausgehen, tauchen neue Erkenntnisse zum Anschlag auf: Demnach haben neun der insgesamt elf getöteten Opfer einen Migrationshintergrund. Österreichische Medien berichten: „Tobias R. war deutschen Behörden bekannt.“ Ein Jurist schätzt gegenüber Sputnik die Lage ein.

    Zur Bluttat in Hanau äußerte sich der Vorsitzende des Bundeszuwanderungs- und Integrationsrats (BZI), Jurist und Rechtsanwalt Memet Kilic aus Heidelberg, in einem Pressestatement am Donnerstag.

    „Rechte Netzwerke müssen vollständig aufgedeckt werden“ – Jurist

    „Die grausame Tat in Hanau ist sehr besorgniserregend und stellt eine neue Eskalationsstufe von rechter Gewalt dar“, sagte er.

    „Rassismus ist eine ernsthafte Gefährdung für das Zusammenleben in Vielfalt“, so Jurist Kilic in seiner Presseerklärung, die der Sputnik-Redaktion vorliegt. „Als Verfechter und Verfechterinnen der Demokratie müssen wir uns geschlossen und entschieden gegen jegliche Art von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit positionieren. Gleichzeitig müssen Justiz, Sicherheitsbehörden und die Politik diese Taten beim Namen nennen: Es ist Rassismus! Er richtet sich nicht gegen vermeintliche ‚Fremde‘, sondern gegen die Menschlichkeit. Relativierungen von Einzeltätern verblendet die Realität, dass Rassismus in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Es ist bedauerlich, dass weder die NSU-Morde noch damit verbundene Netzwerke vollständig aufgedeckt worden sind.“

    „Die meisten Opfer in Hanau mit Migrationshintergrund“ – Zeitung

    Medien wie der Berliner „Tagesspiegel“ berichteten am Donnerstagnachmittag, dass neun Opfer des Hanauer Amokläufers Tobias R. einen Migrationshintergrund haben. „Die meisten von ihnen hatten türkische Wurzeln“, so die Zeitung. „Zudem wurden mehrere Menschen verletzt, zwischenzeitlich wurde ihre Zahl mit etwa fünf angegeben.“

    In dem Bekennerschreiben von R., das der Polizei und der Staatsanwaltschaft vorliegt, äußerte der Mörder klare rechtsradikale Ansichten. „Der Generalbundesanwalt hat wegen der Schwere der Tat und des Verdachts auf ein rassistisches Motiv die Ermittlungen übernommen.“

    Verletzter Mohammed spricht im türkischen TV

    Der private Istanbuler Nachrichtensender „A-Haber“ zeigte im türkischen Fernsehen parallel dazu am Donnerstagnachmittag ein Interview mit einem verletzten türkischen Anschlagsopfer aus einem Krankenhaus in Hanau. Der junge Mann würde Mohammed heißen und sagte den Reportern, er habe in der städtischen „Arena Bar“ auf sein Essen gewartet, als er den Todesschützen R. hereinkommen gesehen habe.

    Zu dem Zeitpunkt seien etwa zwölf Menschen in dem Imbiss gewesen.

    „Der Mann kam rein und hat alle Leute auf einer Seite getötet“, so der junge Türke. „Dann kam er auf uns zu.“

    Der Täter habe einen Mann neben ihm niedergeschossen und ihn selbst in der rechten Schulter getroffen. Auf dem Boden sei er auf ein anderes Opfer gefallen, ein weiteres Opfer stürzte angeblich auf ihn.

    „Attentäter von Hanau war deutschen Behörden bekannt“ – Medien

    Die überregionale Tageszeitung „Die Presse“ in Österreich berichtete am Donnerstag in einem Exklusiv-Beitrag, dass Attentäter R. „den deutschen Behörden offenbar bekannt“ gewesen sein soll. Für so manchen Beobachter sind dabei die Parallelen zum rechtsextremen Mord an Walter Lübcke und zum NSU unverkennbar.

    „Im November 2019 erstattete der spätere Attentäter von Hanau Strafanzeige gegen eine ‚unbekannte geheimdienstliche Organisation‘, von der er sich verfolgt fühlte“, so die österreichische Zeitung in ihrer Online-Ausgabe. „Der Attentäter von Hanau, Tobias R., erstattete am 6. November in einem Brief an den Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe ‚Strafanzeige gegen eine unbekannte geheimdienstliche Organisation‘, von der er sich verfolgt fühle. Das Dokument, das der ‚Presse‘ vorliege, decke sich inhaltlich ‚über weite Strecken mit dem Manifest, das der 43-jährige Deutsche nach seinem Blutbad hinterließ. Es ist ein wildes Gemisch aus Wahn- und Größenvorstellungen. Die ausländerfeindlichen Passagen sind in der Anzeige jedoch deutlich abgemildert, die rassistischen Vernichtungsfantasien bleiben in diesem Text noch unerwähnt.“

    Warum schickte R. die Anzeige auch einem Lebensberater in Österreich?

    Der Hanauer Amokläufer R. habe das gleiche Schreiben auch an einen österreichischen Life-Coach bzw. „Intuitionstrainer“ geschickt. „Mir war von Anfang an klar, dass die Person nicht ganz dicht ist“, so der Niederösterreicher im Gespräch mit der Zeitung. „Daher habe ich versucht, sämtlichen Kontakt zu meiden.“

    Ein Sprecher der Generalbundesanwaltschaft erklärte am Donnerstag gegenüber Medien, dass derzeit geprüft werde, ob die Strafanzeige von R. „tatsächlich im November 2019 bei uns einging“.

    Vor diesem Hintergrund bekräftigte der Bundeszuwanderungs- und Integrationsrat (BZI) am Donnerstag erneut seine Forderung nach einer „Rassismus“-Enquete-Kommission im Bundestag. Diese Kommission könne ergänzend zu rechtlichen Maßnahmen, „gemeinsam mit der Zivilgesellschaft, längerfristige Strategien und Initiativen entwickeln. Ferner kann die Einrichtung den politischen Willen hervorheben, diesen Brennpunkt überparteilich zu behandeln“, so der Heidelberger Rechtsanwalt Kilic gegenüber Sputnik.

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    Tags:
    Schießerei, Anschlag, Hanau