06:05 05 Juni 2020
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    Bundeskanzlerin Angela Merkel hat in einer Fernsehansprache an die deutsche Bevölkerung appelliert, im eigenen, aber auch im Interesse aller die von der Bundesregierung beschlossenen Einschränkungen des öffentlichen Lebens in Deutschland zu befolgen.

    Angela Merkel ist bekanntlich keine wirklich gute Rednerin und Fernsehansprachen sind sowieso nicht ihr Metier. Wenn sie also vor eine Fernsehkamera tritt, dann ist es ihr wirklich wichtig. Abgesehen davon ist auch der Bundeskanzlerin ganz gewiss nicht die anschwellende Kritik an ihren Führungsqualitäten in Zeiten einer nie dagewesenen Pandemie verborgen geblieben.

    Ihre Fernsehansprache war deshalb ein Spagat zwischen Empathie für die Sorgen und Ängste großer Teile der Bevölkerung und schlichter Staatsräson. Das Leben habe sich dramatisch verändert, unsere Vorstellung von Normalität werde auf eine harte Probe gestellt, leitete die Kanzlerin ihre Ansprache ein:

    „Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst. Seit der Deutschen Einheit, nein, seit dem Zweiten Weltkrieg gab es keine Herausforderung an unser Land mehr, bei der es so sehr auf unser gemeinsames solidarisches Handeln ankommt.“

    Es werde weltweit geforscht, aber noch immer gibt es keine Therapie oder einen Impfstoff, räumte Merkel ein, um aber gleichzeitig aber die sehr guten Voraussetzungen des deutschen Gesundheitssystems zu loben. Und die dort arbeitenden Menschen, Ärzte, Pflegekräfte, alle dort Beschäftigten, die Gewaltiges leisten würden, „an vorderster Linie“, wie sich die Bundeskanzlerin ausdrückte. Und sie definierte und wiederholte das übergeordnete Ziel ihrer Regierung:

    „Es geht darum, das Virus auf seinem Weg durch Deutschland zu verlangsamen. Und dabei müssen wir, das ist existentiell, auf eines setzen: das öffentliche Leben soweit es geht herunterzufahren. Natürlich mit Vernunft und Augenmaß, denn der Staat wird weiter funktionieren, die Versorgung wird selbstverständlich weiter gesichert sein und wir wollen so viel wirtschaftliche Tätigkeit wie möglich bewahren. Aber alles, was Menschen gefährden könnte, alles, was dem Einzelnen, aber auch der Gemeinschaft schaden könnte, das müssen wir jetzt reduzieren. Wir müssen das Risiko, dass der eine den anderen ansteckt, so begrenzen, wie wir nur können.“

    Sie wisse, wie dramatisch, wie hart die Einschränkungen sind, die allen auferlegt wurden, und sie bemühte sich in Erinnerung an ihre DDR-Herkunft klarzustellen, dass gerade ihr die Beschränkung von Reise- und Bewegungsfreiheit besonders schwerfallen, aber sie seien im Moment „unverzichtbar, um Leben zu retten.“ Merkel verteidigte deshalb auch die de facto Abschaffung des Schengen-Raumes durch die Grenzkontrollen. Für die Wirtschaft und gerade für kleine Unternehmen und Freiberufler würden die nächsten Wochen noch schwerer werden, stimmte die Kanzlerin auf eine unangenehme Zukunft ein. Aber sie versichere allen, dass die Bundesregierung alles tun wolle, was sie könne, um die Auswirkungen der Pandemie auf die Wirtschaft „abzufedern“ und Jobs „zu bewahren“.

    Vor allem appellierte Angela Merkel an die Vernunft und die Solidarität der Bundesbürger. Die Versorgung mit Lebensmitteln sei gesichert, es sei gut, Vorräte anzulegen, aber Hamstern sei nicht nur sinnlos, sondern unsolidarisch, so die deutsche Regierungschefin. An dieser Stelle ihrer Ansprache nutzte sie die Gelegenheit, einer weiteren Berufsgruppe gesondert zu danken:

    „Wer in diesen Tagen an einer Supermarktkasse sitzt oder Regale befüllt, der macht einen der schwersten Jobs, die es zurzeit gibt. Danke, dass Sie da sind für ihre Mitbürger und buchstäblich den Laden am Laufen halten.“

    Alle staatlichen Maßnahmen würden ins Leere laufen, wenn nicht jeder einzelne etwas tue, sich verantwortungsvoll verhalte, nicht in Panik verfalle und nicht denke, auf ihn oder sie käme es nicht an, meinte Merkel:

    „Es kommt auf jeden an. Wir sind nicht verdammt, die Ausbreitung des Virus passiv hinzunehmen. Wir haben ein Mittel dagegen: wir müssen aus Rücksicht voneinander Abstand halten.  Der Rat der Virologen ist ja eindeutig: Kein Handschlag mehr, gründlich und oft die Hände waschen, mindestens eineinhalb Meter Abstand zum Nächsten und am besten kaum noch Kontakte zu den ganz Alten, weil sie eben besonders gefährdet sind. Ich weiß, wie schwer das ist, was da von uns verlangt wird. Wir möchten, gerade in Zeiten der Not, einander nah sein. Wir kennen Zuwendung als körperliche Nähe oder Berührung. Doch im Augenblick ist leider das Gegenteil richtig. Und das müssen wirklich alle begreifen: Im Moment ist nur Abstand Ausdruck von Fürsorge.“

    Nach Ansicht der deutschen Regierungschefin gebe es diverse Möglichkeiten, miteinander in Kontakt zu bleiben, auch bei einer Kontaktsperre aus gesundheitlichen Gründen, beispielsweise Verbindungen über den Internetdienst Skype oder simples Briefe schreiben, denn die Post werde ja weiter ausgetragen, wie Merkel erinnerte. Sie habe sich gefreut, davon zu hören, dass Enkel ihren Großeltern Podcasts erstellt hätten, um so einander wenigstens virtuell beieinander zu sein. Nicht zuletzt, sei Nachbarschaftshilfe das Gebot der Stunde.

    „Ich appelliere an Sie: Halten Sie sich an die Regeln, die nun für die nächste Zeit gelten. Wir werden als Regierung stets neu prüfen, was sich wieder korrigieren lässt, aber auch: was womöglich noch nötig ist. Dies ist eine dynamische Situation, und wir werden in ihr lernfähig bleiben, um jederzeit umdenken und mit anderen Instrumenten reagieren zu können. Auch das werden wir dann erklären. Deswegen bitte ich Sie: Glauben Sie keinen Gerüchten, sondern nur den offiziellen Mitteilungen, die wir immer auch in viele Sprachen übersetzen lassen.“

    Sie sei sich vollkommen sicher, „dass wir die Krise überwinden“, gab sich die Kanzlerin zuversichtlich, um am Ende ihrer Ansprache doch noch das heikle Themas Todesopfer anzusteuern, die es wohl unausweichlich geben werde. Wie hoch letztlich die Zahl der geliebten Menschen sein werde, die wir an das neuartige Virus verlieren, das hätten wir „zu einem großen Teil selbst in der Hand“, meinte Merkel, indem wir zeigen, wie diszipliniert jede und jeder Einzelne sich an die Regeln halte.

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    Ansprache, Deutschland, Pandemie, Coronavirus, Angela Merkel